New York Die neue Festung der Reichen

Traumstadt New York: Hier frühstückt man bei Tiffany, lebt unter Stadtneurotikern und hängt mit Hippies im Village ab. Von wegen. Aus Manhattan, dem Herz der Metropole, ist längst eine Hochburg für Yuppies geworden, in die deren Dienstboten nur tagsüber eingelassen werden.
Von Sebastian Moll

New York - Die alte Dame sieht eigentlich aus wie die freundliche Rentnerin von nebenan - das weiße Haar zu einer ordentlichen Dauerwelle gefönt, eine sauber gebügelte Bluse, rosaroter Lippenstift. Doch je tiefer der U-Bahn-Waggon nach Queens hineinrattert, umso mehr tritt unter dieser Maske bürgerlichen Anstands giftigste Boshaftigkeit zu Tage. "Diese verdammten Latino-Nigger", schimpft sie in das mit beinahe ausschließlich braunhäutigen Menschen besetzte Abteil hinein. "Sprechen kein Wort Englisch. Sind alle auf Sozialhilfe", giftet sie die lateinamerikanischen Fahrgäste an, die es vorziehen, auf die Tirade nicht zu reagieren.

Ein paar Kilometer westlich, am Tompkins Square im East Village von Manhattan, einem früheren osteuropäischen Einwanderer-, später auch Künstlerviertel, führt der Chiropraktiker Daniel Fenster seinen Hund spazieren. "Es hat sich alles zum Negativen gewandelt, seit ich vor 20 Jahren hierher gezogen bin", klagt der Mediziner darüber, dass das Viertel, in dem einst die verschiedensten Ethnien, Generationen und Einkommensklassen miteinander auskommen mussten, zu einer Partyzone für junge Karrieristen verkommen ist. "Es gibt nur noch Bars und Clubs. Es gibt keine Gemeinschaft mehr. Niemand kennt mehr den anderen, keiner kümmert sich mehr um den anderen."

Die beiden Szenen illustrieren die Folgen einer massiven demographischen Umschichtung der Millionen-Metropole New York in den vergangenen fünf Jahren. Die alte Dame mit den rassistischen Tendenzen fühlt sich von einer neuen Einwandererflut bedroht, die besonders Außenbezirke wie Queens und die Bronx überschwemmt. 60 Prozent aller New Yorker sind laut einer gerade veröffentlichten Erhebung des staatlichen Census Bureau mittlerweile nicht in den USA geboren. Mehr als die Hälfte der Bewohner von Queens und der Bronx sprechen kein Englisch. Unter Jugendlichen sind schon jetzt europäischstämmige Weiße eine Minderheit - ein Blick in die Zukunft der Weltstadt.

Aus Manhattan, dem geschäftlichen und kulturellen Zentrum der Stadt, verschwindet hingegen zunehmend jegliche gewachsene soziale und ethnische Vielfalt. 57 Prozent der Bewohner Manhattans haben laut der neuen Umfrage eine Universitätsausbildung, die Mehrheit davon ist weiß. "Manhattan ist ein Exklusivzone geworden, eine Insel der hoch gebildeten und gut verdienenden Berufstätigen", sagt Andrew Beveridge, Demograf an der City University of New York.

Bohemiens in den ehemaligen Slums

Manhattan war schon immer ein Magnet für die Ehrgeizigen und die Smarten, doch bislang war auf der Insel auch noch für andere Lifestyles als den der Yuppies Platz. Doch in den vergangenen fünf Jahren ist das Leben in Manhattan so teuer geworden, dass niedrigere Einkommensschichten sich das Herz New Yorks nicht mehr leisten können.

Um ihren Lebensstandard zu halten, müsste eine amerikanische Familie, die anderswo mit 60.000 Dollar im Jahr auskommt, in Manhattan 146.000 Dollar verdienen - 137,9 Prozent mehr als im Landesdurchschnitt. 100.000 Dollar davon würden alleine für Wohnen bezahlt werden. "Die Leute, die diese Stadt am Leben erhalten, die Kellner und Hausmeister, können nicht mehr in ihr leben", sagt Pedro A. Noguera, Soziologe an der New York University.

Das neue New York ist eine Festung der Reichen geworden, in die die Dienstboten tagsüber zwar eingelassen werden, die sie jedoch am Abend wieder in Richtung ihrer Quartiere am Stadtrand verlassen müssen. Wenn die Taxis um 17 Uhr ihre Schicht wechseln, stauen sich die gelben Autos an den Brückenzufahrten nach Brooklyn und Queens. In Manhattan wohnt kaum einer der Chauffeure mehr. Künstler und Bohemiens, einst das Salz in der Suppe Manhattans, stoßen immer tiefer in vormalige Slums wie die Bronx vor.

Luxuswohnungen und Edelboutiquen

Ein zunehmend globalisierter Arbeitsmarkt hat sowohl eine globale Elite, als auch bettelarme Glückssuchende in die Stadt geschwemmt - das soziale Gefälle der Stadt gleicht sich immer stärker dem in der Dritten Welt an. Mit ihrer gezielten Deregulierung des Immobilienmarktes und der Kürzung der Sozialleistungen haben die konservativen Bürgermeister Rudolph Giuliani und Michael Bloomberg zusätzlich die klare räumliche Trennung der Rassen und Klassen beschleunigt. Giulianis brachiale Säuberungspolitik hat darüber hinaus das ihre dazu beigetragen, auch noch den letzten Winkel Manhattans für ein gehobenes Publikum sicher und sauber zu machen.

So sind an der Bowery, die vor noch nicht allzu langer Zeit als Inbegriff der Verelendung galt, in den vergangenen zwei Jahren drei Hochhäuser mit Luxus-Eigentumswohnungen hochgezogen worden. Nicht weit entfernt, an der Ecke 9th Street und Second Avenue künden zwei ukrainische Lokale noch einsam von einer anderen Epoche. Um die Ecke reiht sich eine Edelboutique mit maßgeschneiderten Cocktailkleidern an die andere.

Wenn man auf der U-Bahn-Linie 7 nach Queens an der Roosevelt Avenue aussteigt, landet man hingegen mitten in Lateinamerika. Neben dem Restaurant Pequeña Colombia gibt es in einer Videothek "Películas Español" zu mieten, Abogado Abel Arcia bietet seine Hilfe bei "Accidentes" an. Nur drei Stationen weiter, an der Main Street in Flushing, verwirrt an den Lebensmittelgeschäften und Bürogebäuden hingegen ein Dickicht von Schildern in Kantonesisch und Mandarin den Blick. Erst kürzlich hat der zuständige Stadtverordnete Tony Avell angeordnet, dass diese Schilder auch ins Englische übersetzt werden. Wer sich auf der Main Street umsieht, fragt sich jedoch, für wen.

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