Mysteriöse Erkrankung bei US-Teenagern Die hysterischen Mädchen von Le Roy

Stottern, Zucken, Krämpfe: Monatelang litt eine Gruppe von US-Teenagern an seltsamen Symptomen. Die Medien stürzten sich gierig auf den Fall - und schienen ihn so nur noch schlimmer zu machen.

AP/ NBC News

Von , New York


Le Roy hat seine besten Tage hinter sich. Der Ort im Westen des Bundesstaats New York hangelte sich immer schon von Krise zu Krise. Der einst größte Arbeitgeber, der Hersteller des populären Wackelpuddings Jell-O, zog schon in den sechziger Jahren fort, zurück blieb nur ein Museum. Handel und Gewerbe leiden seit langem. Dann kam die Rezession.

Die Arbeitslosenquote liegt mit 9,4 Prozent weit über dem Landesdurchschnitt. Familien und Ehen zerbrechen öfter als früher. Doch die 7500 Einwohner halten an ihrem Idyll vom "small-town America" fest, mit Football-Spielen, Rollerskating-Partys und "Ice Cream Days" im Park. Sonst aber passiert immer weniger in Le Roy. Vor allem für die Jugend.

Das änderte sich neulich schlagartig. Plötzlich säumten TV-Satellitentrucks die Main Street. Star-Journalisten kreuzten auf. Dann fielen Wissenschaftler ein, gefolgt von Ärzten, VIP-Therapeuten, Umwelt- und Verbraucherschützern.

Und jetzt ist alles wieder vorbei, wie ein Spuk.

Keiner weiß genau, wann das Ganze anfing. Im September begann Katie Krautwurst, eine 16-jährige Schülerin an der Le Roy High School, an einer Art nervösem Tick zu leiden. Erst konnte sie nicht mehr aufhören zu stottern. Dann zuckten auf einmal ihre Gesichtsmuskeln unkontrollierbar. Ihre Verfassung wurde so schlimm, dass sie in der Notaufnahme landete.

Sie war nicht die Einzige. Auch ihre Freundin Thera Sanchez, 17, klagte über ähnliche Symptome, die denen des Tourette-Syndroms glichen. Dann Lydia Parker. Dann Chelsey Dumars. Sowie ein Dutzend anderer Mädchen der High School. Viele waren populäre Cheerleader, andere Außenseiter. Einige waren offenbar seit Mai 2011 krank.

Zur Jahreswende zählten die Ärzte 16 Teenager, die von schweren, krampfanfallartigen Zuckungen heimgesucht wurden. Die meisten konnten nicht mehr zum Unterricht kommen.

Kaputte Ehen als Ursache für neurologische Beschwerden?

Eltern und Mediziner waren ratlos. Eine erste Vermutung war, dass die Mädchen an einer dissoziativen Störung litten, hervorgerufen durch Stress. Doch die jungen Patientinnen fühlten sich nicht wirklich gestresst. Und warum erfasste es sie jetzt alle auf einmal?

Mutmaßungen und Spekulationen blühten. Die wenig erforschte Autoimmunerkrankung Pandas wurde als Ursache ausgeschlossen, der in den USA umstrittene HPV-Impfstoff Gardasil ebenso. Das Landesgesundheitsamt und die US-Gesundheitsbehörde NIH schalteten sich ein. Auf turbulenten Bürgerversammlungen stellten verunsicherte Eltern Fragen, auf die es keine Antworten gab. Irgendjemand brachte mögliche Umweltschäden ins Gespräch.

Die Neurologen Jennifer McVige und Laszlo Mechtler wagten eine unpopuläre Diagnose: massenpsychogene Erkrankung - Massenhysterie. Das ist ein Oberbegriff für Erscheinungen, bei denen sich psychischer Druck physisch entlädt. Frauen sind davon öfter betroffen als Männer, und Teenager ganz besonders. McVige und Mechtler begannen, die Mädchen mit einer Kombination aus Medikamenten und Therapie zu behandeln. Einige sprachen auch langsam darauf an.

Inzwischen hatten die Medien Wind bekommen. Die großen Networks aus Manhattan rückten an. ABC-Star Diane Sawyer und die "Today Show", die quotenstärkste Frühstücksshow der USA, entsandten Teams. CNN bemühte den TV-Psychologen und Suchtspezialisten Drew Pinsky ("Dr. Drew").

Einige der Mädchen wurden zu der Zeit wieder rückfällig. Gab es einen Zusammenhang mit der massiven Medienpräsenz? Fachte das Rampenlicht die Massenhysterie an? Manche der Patientinnen bekamen während der Live-Interviews neue Anfälle, vor laufender Kamera.

Die Medien ließen sich nicht abhalten. Susan Dominus, eine Reporterin vom "New York Times Magazine", die mit den Mädchen sprach, kam zu ihrer eigenen, gewagten Diagnose: "Keine", schrieb sie in einem langen Resümee am Wochenende, "hatte eine stabile Beziehung zu ihrem biologischen Vater." Kaputte Ehen als Ursache für neurologische Beschwerden?

Die Forderung nach Bodenproben wurde immer lauter

Massenpsychogene Erkrankungen sind nichts Neues. Meist legen sie sich schnell. "Die Dinge laufen nur dann falsch, wenn die Ursache des Ausbruchs nicht erkannt wird und eine ergebnislose und teure Suche nach Giftstoffen beginnt", zitierte Dominus einen Aufsatz des britischen Epidemiologen Simon Wessely von 1995. "Die Aufregung wird dann schlimmer."

Genauso geschah es auch in Le Roy. Manche Eltern hatten Probleme, sich mit der Psycho-Diagnose anzufreunden. War doch die Umwelt schuld? Forderungen nach Bodenproben und anderen Untersuchungen wurden immer lauter.

Die älteren Einwohner von Le Roy erinnern sich noch gut an einen Öko-Skandal von 1970: Da flossen bei einem Zugunglück 114.000 Liter des Lösungsmittels Trichloräthylen aus, das Nervenschäden verursachen kann. Das US-Umweltamt EPA installierte daraufhin aufwendige Wasseraufbereitungsanlagen. Die Unfallstelle ist fünf Kilometer von der High School entfernt und bis heute gesperrt, doch Anwohner berichteten von "lecken Fässern".

Experten waren skeptisch. Die "Konzentration und die Dauer und Häufigkeit der Belastung" durch den alten Vorfall widerspreche einem Zusammenhang mit den aktuellen Ereignissen, sagte die Toxikologin LuAnn White zu CNN. "Die Schule hängt an einem öffentlichen Trinkwassersystem", erklärte auch das Gesundheitsamt. Eine Umweltbelastung würde "viele Leute" betreffen, nicht nur die Mädchen.

Trotzdem erklärte sich die High School bereit, eigene Boden- und Wasserproben zu prüfen. Auch das war nicht genug: Eine betroffene Familie alarmierte Erin Brockovich.

"Dieser Wahnsinn schadet unserem Ort"

Brockovich war in den neunziger Jahren berühmt geworden. Als Anwaltsgehilfin hatte sie dafür gesorgt, dass der Energiekonzern Pacific Gas and Electric Company (PG&E) einer Gruppe von Anrainern wegen verseuchten Grundwassers 333 Millionen Dollar zahlen musste. Der Hollywood-Film "Erin Brockovich" mit Julia Roberts verklärte den Fall später.

Brockovich, die heute eine Beratungsfirma betreibt, und ihr Geschäftspartner Bob Bowcock machten sich auf nach Le Roy. "Die Gemeinde hat uns um Hilfe gebeten", sagte sie der Zeitung "USA Today" - und fachte die Gerüchteküche neu an: "Keine Entwarnung."

Als Bowcock jedoch an einem Samstag Ende Januar an der Schule aufkreuzte, ein CNN-Kamerateam im Tross, um "Bodenproben zu entnehmen", waren die Behörden gar nicht erfreut. Polizeibeamte schmissen ihn vom Grundstück. Schulbezirksleiterin Kim Cox warf Brockovich "Selbstdarstellung" vor und appellierte an Zurückhaltung: Die "nationale Aufmerksamkeit" habe zu "Spekulationen, Mutmaßungen und Desinformationen" geführt.

Doch das Drama eskalierte weiter. Andere Schulen sagten Basketball-Spiele an der High School ab, weil Eltern protestiert hatten. Die reißerische Berichterstattung schien zu weiteren Krankheitsfällen zu führen, die mehr Reporter anlockten - ein Teufelskreis.

Selbst die Geschäfte an der Main Street klagten über Umsatzeinbrüche. "Das ist Massenhysterie, aber nicht von den Mädchen", beklagte sich der Gastronom Ron Piazza in der Lokalzeitung "Daily News". "Dieser Wahnsinn schadet unserem Ort", sagte die Antiquitätenhändlerin Nancy Stoll. "Wir haben doch einen so niedlichen, schönen kleinen Ort."

Und dann besserte sich der Zustand vieler Mädchen wieder. Die Reporter verschwanden. Was davon zuerst geschah, bleibt aber offen.

Vorige Woche erklärte McVige fast alle ihre Patientinnen für symptomfrei. "Sie brauchten nur ein bisschen Ansporn", berichtete sie in der Lokalzeitung "Batavian". "Die meisten gehen wieder zur Schule." Warum die Besserung? "Sie sind nicht mehr im Fernsehen", sagte sie. "Ich glaube, das hat wirklich geholfen."

Erin Brockvich forscht derweil immer noch.



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Seite 1
Olaf 15.03.2012
1.
Zitat von sysopAP/ NBC NewsStottern, Zucken, Krämpfe: Monatelang litt eine Gruppe von US-Teenagern an seltsamen Symptomen. Die Medien stürzten sich gierig auf den Fall - und schienen ihn so nur noch schlimmer zu machen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,821526,00.html
Ein Glück, dass da kein AKW in der Nähe war.
M. Michaelis 15.03.2012
2.
Zitat von sysopAP/ NBC NewsStottern, Zucken, Krämpfe: Monatelang litt eine Gruppe von US-Teenagern an seltsamen Symptomen. Die Medien stürzten sich gierig auf den Fall - und schienen ihn so nur noch schlimmer zu machen. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,821526,00.html
Das Phänomen ist bekannt, aber kaum erforscht. Ist gibt hierzu ein interessantes Buch der Wissenschaftjournalistin Elaine Showater - Hystorien. Hysterische Epidemien im Zeitalter der Medien.
Mortaro 15.03.2012
3.
Zitat von OlafEin Glück, dass da kein AKW in der Nähe war.
Oder noch schlimmer: Justin Bieber ! Dann wären die Mädels auch noch reihenweise umgefallen ...
asentreu 15.03.2012
4. Stimmt!
Zitat von MortaroOder noch schlimmer: Justin Bieber ! Dann wären die Mädels auch noch reihenweise umgefallen ...
Sie haben es auf den Punkt gebracht, auch ich bin schwer allergisch auf dieses Pop- Nagetier. Wenn ich ihn im Fernsehen sehe oder durch meine 10- jährige Nichte gezwungen bin seine "Musik" zu konsumieren, verursacht mir das schwere Übelkeit. Verbrennt ihn er ist eine Hexe! ;-)
hans_olo_ 15.03.2012
5. massenhysterie
Zitat von M. MichaelisDas Phänomen ist bekannt, aber kaum erforscht. Ist gibt hierzu ein interessantes Buch der Wissenschaftjournalistin Elaine Showater - Hystorien. Hysterische Epidemien im Zeitalter der Medien.
guter beitrag! massenhysterien gibt es auch in kleineren maßstab, so auch innerhalb in gruppen von menschen. eigentlich treten diese hysterien vor allem dann auf, wenn es menschen besonders schlecht geht. also in zeiten der hungersnot, pest und anderem elend. so geschehen auch schon in afrika, als eine schulklasse anfing unkontrolliert zu lachen und sich diese phänomen noch verbreitete. ein wahnsinn, wozu die psyche des menschen in der lage ist
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