Hunderte Kinder vor Holocaust gerettet Nicholas Winton stirbt im Alter von 106 Jahren

669 jüdische Kinder rette er vor den Nazis - die Welt erfuhr davon erst Jahrzehnte später. "Wenn es nicht unmöglich ist, dann gibt es einen Weg", das war sein Lebensmotto. Nun ist Nicholas Winton gestorben.

Sir Nicholas Winton: "Ein Vorbild wirklicher Menschlichkeit, grenzenloser Bescheidenheit und bürgerlicher Tapferkeit"
AFP

Sir Nicholas Winton: "Ein Vorbild wirklicher Menschlichkeit, grenzenloser Bescheidenheit und bürgerlicher Tapferkeit"


Der Brite Sir Nicholas Winton, der 669 jüdische Kinder aus der früheren Tschechoslowakei vor dem Holocaust rettete, ist im Alter von 106 Jahren gestorben. Winton sei am Mittwochmorgen im Beisein seiner Tochter Barbara und von zwei Enkeln friedlich eingeschlafen, teilte der Rotary Club in Maidenhead bei London mit, dessen Mitglied er war.

Winton hatte unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs acht Züge für jüdische Kinder aus Prag nach London organisiert. In Großbritannien fand er Pflegeeltern, die die Garantiesumme von 50 Pfund aufzubringen bereit waren. "Wenn es nicht unmöglich ist, dann gibt es einen Weg", wurde zu seinem Lebensmotto. Unter den 669 Geretteten waren unter anderem der Filmregisseur Karel Reisz und der britische Labour-Politiker Alfred Dubs.

Jahrzehntelang hatte Winton kein Aufhebens um die beispiellose Rettungsaktion gemacht. Erst im Jahr 1988 machte eine britische Fernsehsendung die Geschichte der Kindertransporte einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Er sei nur "am richtigen Ort zur richtigen Zeit gewesen", sagte Winton später einmal.

Der tschechische Ministerpräsident Bohuslav Sobotka sagte am Mittwoch, Winton habe 669 Kinder vor Nazi-Verfolgung und dem beinahe sicheren Tod gerettet. Er sei für ihn "ein Vorbild wirklicher Menschlichkeit, grenzenloser Bescheidenheit und bürgerlicher Tapferkeit" gewesen. "Die Welt hat einen großen Mann verloren", teilte der britische Premier David Cameron auf Twitter mit.

Wegen der Rettungsaktion wurde Winton auch der britische Schindler genannt. Doch der Vergleich mit dem Industriellen missfiel dem bescheidenen Mann zeitlebens. Für seine Taten erhielt Winton, der am 19. Mai 1909 in London zur Welt gekommen war, zahlreiche Auszeichnungen. Er wurde dreimal für den Friedensnobelpreis nominiert. Im Jahr 2003 wurde der frühere Börsenmakler, der von deutsch-jüdischen Einwanderern abstammte, von der britischen Königin zum Ritter geschlagen.

Vorigen Oktober war Winton noch persönlich nach Prag gereist, um den Orden des Weißen Löwen entgegenzunehmen, die höchste staatliche Auszeichnung. Bei der bewegenden Zeremonie waren auch sieben der damaligen Kinder dabei. Winton erinnerte daran, dass viele Länder keine unbegleiteten Kinder als Flüchtlinge aufnehmen wollten. "Viele Politiker begriffen nicht, was auf dem Kontinent geschah", sagte Winton zum Vorabend des Zweiten Weltkriegs.

Der letzte und größte Zug, den Winton organisiert hatte, durfte Prag am 1. September 1939 nicht mehr verlassen. Heute geht man davon aus, dass die meisten der 250 Kinder an Bord im Konzentrationslager starben.

brk/dpa

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