Nikotin-Nischen Ja, wo rauchen sie denn?

Das Qualmverbot treibt skurrile Blüten: Manche Nikotin-Süchtige machen rüber, andere lassen sich in Plexiglaskäfige, Gondeln oder Zelte sperren und wieder andere gründen Vereine. Die Raucher scheinen eine ebenso erfindungsreiche wie leidensfähige Gattung Mensch zu sein.

Hamburg - Beunruhigende Nachrichten erreichen uns dieser Tage aus Deutschlands Grenzgebieten. Nicht um Zuwanderung, um Abwanderung geht es, und es verlassen uns ausgerechnet jene einfallsreichen, flexiblen und widerstandsfähigen Zeitgenossen, die doch eigentlich jede Volkswirtschaft halten sollte: die Raucher.

Anlaufstelle, Fluchtpunkt, Refugium der bundesdeutschen Nikotin-Flüchtlinge ist etwa das schamlos verqualmte "London Pub" im polnischen Slubice. Rauchen scheint hier noch weitaus weniger verpönt, als ohne Zigarette dazuhocken. "Wir spüren, dass mehr Gäste kommen, vor allem junge Leute", freut sich die Bardame über die Qualm-Touristen und steht damit nicht allein. Ähnlich alarmierende Szenen wurden auch von den Grenzübergängen nach Österreich und in die Schweiz gemeldet.

In Deutschland - da müssen wir uns wohl an die eigene Nase fassen - behandelt man sie eben schlecht, die Glimmstengel-Sauger. Fast hat man sich gewöhnt an die dunklen, fröstelnden Gestalten, die sich seit Wochen und Monaten vor Bars, Clubs und Kneipen herumdrücken müssen. Egal ob der Edel-Italiener in Berlin oder die Bahnhofsgaststätte in Hannover: "Wir müssen draußen bleiben", gilt nun nicht mehr nur für Hunde, sondern auch für Raucher in Aktion.

Dabei gibt es doch so schöne Möglichkeiten, durch einfache handwerkliche Maßnahmen selbst schabbelige Eckkneipen in Horte des friedvollen Zusammenlebens von Rauchern und Nichtrauchern zu verwandeln. So wurden im "Warsteiner Inn" in Berlin-Steglitz kurzerhand bewegliche Glaswände um die Theke gezogen, eine Art Raucher-Aquarium entstand. Drinnen die Schmöker, draußen die Spaßbremsen, nur eine kleine Mauer dazwischen, in Berlin kennt man sich aus mit architektonischen Lösungen für ideologische Differenzen.

"Wer im Glashaus sitzt, darf auch rauchen"

Doch auch im "Doppeldecker" im baden-württembergischen Balingen markiert das Trennwandsystem "Smoke-y" des Tüftlers Hermann Müller die Nikotin-Grenze: "Eine Vision wird Realität", prahlt der Erfinder auf seiner Internetseite. Anbieter ähnlicher Rauch-Meider setzen hingegen auf bodenständigere Slogans: "Wer im Glashaus sitzt, darf auch rauchen", juxt einer aus der Wintergarten-Branche.

Natürlich gibt es auch schlaue Wirte, die ihren zahlenden Zigaretten-Abhängigen die Rauchzeit durch spaßige Rückzugsmöglichkeiten versüßen. Der Berliner "Fritzclub" baute gleich ein ganzes Zirkuszelt auf, während das Münchner "Milchhäusl" auf eine ausrangierte Skilift-Kabine setzt. Übrigens gibt es hier auch eine "Kuschel-Gondel" - offenbar ist auch diese hilflose Randgruppe in freier Wildbahn bedroht.

Die findigsten Kneipiers jedoch schreiben die Jammerlappen von Nichtqualmern gleich ab und gründen Rauchervereine, getreu ihrer inoffiziellen Hymne: "Wir rauchen zusammen, sieben Tage lang, lalalala." Tine Wittler, die zupackende Einrichtungskönigin aus dem Privatfernsehen, ist so ein Fall - und im richtigen Leben Gastronomin.

Sie hat den Club "Raucherei e. V. - Verein zur Erhaltung der Rauchkultur in Hamburg und zur Förderung gegenseitiger Toleranz e. V." gegründet, dessen Anliegen es ist: "Rauchern und Nichtrauchern gleichermaßen mit Vergnügen, entspannt und einander freundlich zugetan einen gemeinsamen Raum zu schaffen und somit der zunehmenden Spaltung zwischen Nichtrauchern und Rauchern entgegenzuwirken." Wittler zufolge sind dem Qualm-Kartell bereits 500 Menschen beigetreten.

Dann stehen sie wenigstens nicht mehr auf der Straße.

jdl

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