Singende Nonne im Finale von Castingshow Schwester Cristina rockt Italien

Sie trägt Gesundheitsschuhe und randlose Brille, aber auf der Bühne wird Schwester Cristina zur Rampensau. Am Donnerstag geht es im Finale von "The Voice of Italy" um den Sieg und einen Plattenvertrag - aber vor allem um die Liebe ihres Lebens.

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Italien hat gerade mal wieder so einiges auf der Agenda: In Venedig tobt ein Korruptions- und Geldwäscheskandal um Bürgermeister Giorgio Orsoni, der Schmiergeldskandal um die Expo 2015 in Mailand treibt übelriechende Blüten. Auch ansonsten gibt es vieles, für das sich die Menschen im Land gerade schämen, weil "der Hunger physiologisch, die Gefräßigkeit aber pathologisch ist", wie es der Kolumnist Beppe Severgnini formuliert.

Gott sei Dank gibt es Schwester Cristina Scuccia. Eine Botschafterin des Glaubens, der Güte, der Selbstlosigkeit. Seit sie sich beim TV-Sängerwettstreit "The Voice of Italy" als Kandidatin beworben hat, sorgt die 25-jährige Sizilianerin für Furore. Weil sie singen kann, klar. Aber vor allem, weil sie dem Ursulinenorden angehört, einer christlichen Gemeinschaft, die in Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam lebt und deren Vertreterin nicht in sexy Outfits die Bühne entert, sondern im schwarzen Habit mit Gesundheitsschuhen. Das hat Aufregungspotenzial und motzt die Castingshow mit einem kleinen Huch-Effekt auf.

Tanzwütig, akzentuiert und durchaus kampfbereit in den "Battles", die Stimme rau und rockig, reißt die junge Nonne regelmäßig Publikum wie Jury von den Sitzen. Die Videos ihrer Auftritte zu "No One" von Alicia Keys oder "Girls Just Want to Have Fun" wurde mit weit über 50 beziehungsweise sechs Millionen Abrufen zu YouTube-Rennern.

Rapper J-Ax, bürgerlich Alessandro Aleotti, flippte förmlich aus, als ihn die Ordensfrau zum Coach auserkor: "Wenn ich dich früher in der Messe getroffen hätte, wäre ich vermutlich inzwischen Papst", tönte der Musiker. TV-Urgestein Raffaella Carrà entgleisten die wohlmodellierten Gesichtszüge, als sie sich bei den Blind Auditions auf Drängen der Jury-Kollegen doch noch umdrehte. "Ich versteh grad gar nichts mehr", sagte sie irritiert.

"Ich habe eine Gabe, also gebe ich sie euch, oder?", kokettierte Scuccia mit dem Publikum. Was der Vatikan von ihren Auftritten hält? "Ich weiß nicht, ich warte auf einen Anruf von Papst Franziskus", so die saloppe Antwort.

Nun kann sich niemand ernsthaft vorstellen, dass der selbst recht unkonventionelle Pontifex Bergoglio etwas gegen eine singende Nonne haben könnte. Allerdings wird in den Reihen der Jury nicht nur jede Menge dummes, sondern auch häretisches Zeug gequatscht über Weihwasser, Messen und Mission. Da scheint selbst Schwester Cristina manchmal innerlich zusammenzuzucken. Aber die Show muss weitergehen und so hüpft sie weiter im Hibbe-di-du-Style über die Bühne wie ein junges Reh.

"Emozionatissima" fühlt sich die junge Frau nach ihren umjubelten Auftritten, rührend ist der Chor der hüpfenden und kreischenden Nonnen-Freundinnen, die hinter der Bühne die Daumen drücken. Schwester Cristina ist ein Glücksfall - für die Produzenten des Formats, für die Werbekunden und mit Sicherheit auch für die katholische Kirche, die sich über wohlwollende Schlagzeilen freuen dürfte.

Natürlich wurde auch gemäkelt: Ohne ihr Nonnenhabit wäre sie nie bis ins Finale gekommen, ätzten einige Kritiker. Dem hielt Scuccia entgegen, dass bei den Blind Auditions ja ausschließlich anhand der Stimme ausgewählt werde und das Äußere eben keine Rolle spiele. Einige Witzbolde ließen es sich nicht nehmen, das Heilige mit dem Profanen zu vermengen und Schwester Cristina zu persiflieren - etwa in einer Video-Collage, wo sie statt eingängiger Popmelodien gruseligen Death Metal von Sepultura zu Gehör bringt.

Scuccia war mal ein ganz normales bürgerliches Mädchen, mit Kajal um die Augen und enganliegender Jeansklamotte. Die gelernte Buchhalterin stammt aus dem sizilianischen Comiso in der Provinz Ragusa, "aus bescheidenen Verhältnissen" wie sie selbst sagt. "Mein großer Traum war es, Sängerin zu werden, ich hatte meine eigene Band, ich sang auf Festen und Hochzeiten", sagte sie im Interview mit dem katholischen Sender TV2000. Sie habe immer Freude dabei verspürt, sich zu zeigen, sich darzustellen.

Ja, es habe einen Verlobten gegeben, aber "irgendwann hat mir die Liebe gefehlt in meinem Leben, die wahre Liebe". Sie habe eine Leere gespürt. Die verschwand, als sie in einem Musical über den Ursulinenorden mitwirkte. Durch diese Rolle habe sie verstanden, dass Gott sie rufe.

Mit 20 Jahren trat sie in den Orden ein, verzichtet aber nicht auf das Singen, sondern inszeniert mit brasilianischen Straßenkindern ihr eigenes Musical und sammelt bei der religiösen Talentshow "Good News Festival" erste TV-Erfahrungen.

Nun also das große Finale. Am Donnerstagabend um 21.10 Uhr startet beim Sender Rai2 die große Sause. Glaubt die singende Nonne an ihren Sieg? "Ich vertraue meine Zukunft der Vorhersehung an", sagt Scuccia lapidar. Bei den Buchmachern wird sie längst als Favoritin gehandelt.

Dem Gewinner winkt ein Plattenvertrag mit Universal Music. Doch sämtliche technische Details und Managementfragen will die Schwester den Oberen ihres Ordens überlassen. "Um professionelle Sängerin zu werden oder eine Platte zu machen, werde ich mit Sicherheit nicht die Liebe meines Lebens aufgeben."



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