Umgang mit psychisch Kranken Zuhören, nachfragen, Unterstützung anbieten

"Wir sind nicht bloß traurig!" Unter dem Hashtag #notjustsad sprechen Depressive über das Unverständnis, das ihnen begegnet. Was können Freunde und Angehörige tun? Was sollten sie besser lassen?
Ausstellung zum Gedenken an Robert Enke: In diesem Raum soll eine Depression nachempfunden werden

Ausstellung zum Gedenken an Robert Enke: In diesem Raum soll eine Depression nachempfunden werden

Foto: Julian Stratenschulte/ dpa

Es war einer dieser vermutlich sogar gut gemeinten Ratschläge, der Jana Seelig wütend machte: Nimm ein warmes Bad. Dann geht's dir schon wieder besser. Unter ihrem Künstlernamen Jenna Shotgun begann sie daraufhin, über ihre Depressionen zu twittern, wie sie der "Süddeutschen Zeitung"  berichtete. Zahlreiche Nutzer folgten und schafften innerhalb kurzer Zeit große Aufmerksamkeit für das Thema.

#notjustsad - dieser Hashtag gehört in Deutschland seit Tagen zu den Trends auf Twitter. "Wir sind nicht nur traurig!" Ein Hashtag wie ein Aufschrei, denn noch immer fehlt vielen Menschen in Deutschland das Verständnis für die Krankheit Depression - diese Erfahrung machen die Betroffenen immer wieder. Und davon berichten Seelig und andere auf Twitter:

Etwa vier Millionen Menschen leiden in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression. Immer wieder stoßen sie im Alltag auf Unverständnis. Die Twitter-Aktion wirft wichtige Fragen auf: Wie lassen sich zusätzliche Verletzungen verhindern? Wie können Angehörige und Freunde die Betroffenen unterstützen? Was sollten sie keinesfalls tun?


Es hänge von der Schwere der Erkrankung ab, wie Angehörige helfen können, sagt Professor Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Schwer depressive Menschen seien oft nicht in der Lage, sich selbst zu versorgen oder zu erkennen, dass sie an einer Krankheit leiden und professionelle Hilfe brauchen. "Häufig geben sie sich selbst die Schuld für ihr Befinden", sagt Hegerl. Daher sei Unterstützung beim Gang zum Arzt sehr wichtig. "Mit Zuwendung und Liebe allein kann man Depressionen genauso wenig heilen wie eine Blinddarmentzündung."

Schuldgefühle können verstärkt werden


Depressionshilfe und Bundesärztekammer haben Ratschläge für Angehörige zusammengestellt. Hilfreich ist es für Betroffene demnach vor allem, zunächst Verständnis für deren Situation und Gefühle aufzubringen. Dabei müsse man sich aber klarmachen: Niemand, der nicht selbst betroffen ist, kann sich in die Situation hineinversetzen. Bestehende Probleme werden vergrößert wahrgenommen. Gut gemeinte Ratschläge ("Reiß dich zusammen") seien fehl am Platz - ein schwer depressiver Mensch könne diese Forderung nicht erfüllen. "Er macht sich selbst schon genug Vorwürfe", sagt Hegerl. Diese Schuldgefühle könnten durch solche Ratschläge noch verstärkt werden.


Wenn sich Depressive zurückziehen, bedeutet das nicht, dass sie kein Interesse mehr an der Partnerschaft oder einer Freundschaft haben. "Ihr Verhalten ist der Krankheit geschuldet. Das sollten Angehörige oder Freunde nicht als persönliche Ablehnung missverstehen", sagt Hegerl. Den Betroffenen weiter Mut zu machen, ihnen Unterstützung anzubieten, sich nicht abzuwenden, sei wichtig.

"Es hilft, wenn Sie den Betroffenen in den Dingen unterstützen, die ihm guttun", heißt es in den Ratschlägen der Bundesärztekammer. "Ein gemeinsamer Spaziergang, mal wieder raus an die frische Luft - solche Aktivierungen sind bei leichten Depressionen nicht verkehrt", sagt Hegerl.

Dass man auf Hilflosigkeit trifft, auf Unverständnis und manchmal auf Hohn, müssen nicht nur Depressive erfahren. Das erleben viele Menschen mit psychischen Erkrankungen. Und oft machen die negativen Reaktionen alles noch schlimmer (Den Bericht einer Betroffenen lesen Sie hier).

Bei Depressionen keinen Druck aufbauen

"Dann iss halt was!" hat der Medienmanager Christian Frommert das Buch über seine Magersucht genannt. Ein Spruch, der in seiner Flapsigkeit das ganze Problem im Umgang mit der Krankheit deutlich macht. Wie kann man denn nichts essen wollen? Was hat er denn? So denken noch immer viel zu viele Menschen in Deutschland - weil sie es nicht besser wissen, weil psychische Erkrankungen für manche noch immer ein Tabuthema sind.

"Je mehr Informationen ich habe, desto mehr Empathie und Verständnis kann ich entwickeln", sagt Andrea Reitz vom Zentrum für Essstörungen in Frankfurt. "Essstörungen sind eine psychosomatische Erkrankung, dahinter stecken immer tieferliegende Konflikte." Und um die aufzulösen, sei professionelle Hilfe nötig.

Freunde und Angehörige von Betroffenen können laut Reitz vor allem eines tun: Angebote machen, Unterstützung bieten, da sein für Gespräche. "Es ist dabei nicht hilfreich, Druck aufzubauen", sagt Reitz. Aber man könne zum Beispiel ganz offen fragen, ob schon Hilfe in Anspruch genommen wurde. Denn allein das ist für viele Betroffene schon ein großer Schritt.


Sind Sie selbst betroffen? Für Patienten und Angehörige gibt es Informationen und Hilfe bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe , unter anderem in einem Online-Forum zum Erfahrungsaustausch  für Betroffene und Angehörige, sowie der Bundesärztekammer .