Wiederaufbau von Notre-Dame Kathedrale des Geldes

Frankreichs Superreiche wollen Notre-Dame mit Hunderten Millionen Euro wiederaufbauen. Nun streitet das Land, ob sie Applaus verdient haben - oder wirkliche Probleme ignorieren.

Gigarama.ru/ dpa

Von , Paris


Von wegen "alle zusammen" und "in nationaler Einheit", wie Präsident Emmanuel Macron sich den Wiederaufbau der brandgeschädigten Kathedrale Notre-Dame in Paris wünscht. Stattdessen debattiert Frankreich darüber, wer bezahlt - und über die Motive von Großspendern.

Diese "reichen Mistkerle", wie ein Teilnehmer im französischen Frühstücksfernsehen schimpfte. (Eine Übersicht zum Spendenaufkommen der Milliardäre finden Sie hier.) Mit dieser Meinung ist er nicht allein. In deutlich gemäßigterem Ton schrieb die Pariser Tageszeitung "Le Monde": "Zu viel ist zu viel."

Damit war neben anderen Großspendern Bernard Arnault gemeint, der laut der US-Zeitschrift "Forbes" drittreichste Mensch der Welt. Er hat 200 Millionen Euro für den Wiederaufbau von Notre-Dame zugesagt. Darf er das? Ja. Aber soll er das? Ist daran etwas unanständig? Profitiert er am Ende?

Arnault, der 70-jährige Chef und Besitzer des Luxuswarenkonzerns LVMH, macht sich über solche Fragen keine Gedanken: "In vielen anderen Ländern hätte man uns beglückwünscht", sagte Arnault am Donnerstagmorgen auf der LVHM-Aktionärsversammlung, "es ist ziemlich bedrückend, dass man in Frankreich auch dann noch kritisiert wird, wenn man etwas im Allgemeininteresse tut."

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Notre-Dame: Geld, Neid, Streit

Aber war es das wirklich? Will er nicht nur seinen Namen als Spender am zukünftigen Portal von Notre-Dame eingraviert sehen? Jedenfalls steht Arnault, der das Rampenlicht sonst tunlichst vermeidet, plötzlich mittendrin.

"Wir sollten zurück zur Wirklichkeit kommen", mahnt ihn und seinesgleichen die Gelbwesten-Führerin Ingrid Levavasseur. Sie kritisierte "die Tatenlosigkeit der großen Konzerne angesichts der sozialen Not, während sie gleichzeitig in der Lage sind innerhalb einer Nacht irrsinnige Summen für Notre-Dame zu organisieren". Das sitzt. Dürfen die Gelbwesten nicht ein Ungleichgewicht konstatieren?

Genau das tut der Chef von Frankreichs mitgliederstärkster Gewerkschaft CGT: "Kapieren Sie jetzt, dass es Milliardäre gibt, die viel, viel Geld haben und mit einem Klick 200 Millionen, 100 Millionen auf den Tisch legen. Das zeigt die Ungleichheit in diesem Land, gegen die wir regelmäßig demonstrieren", sagt CGT-Boss Philippe Martinez dem Radiosender Franceinfo. Milliardär Arnault bedauerte prompt "Kleinkariertheit und Neid im Zeitgeist".

Womit er für den französischen Spitzenökonomen Gilbert Cette von der Universität Aix-Marseille nicht ganz Unrecht hat: "Die Argumente der Gelbwesten und Gewerkschaften sind absurd. Soziale Not gibt es immer. Aber das kann nicht bedeuten, dass wir für die Kunst nichts mehr ausgeben", sagt Cette dem SPIEGEL.

Für den Ökonomen ist es bedrückend, dass es den Gelbwesten derzeit in Frankreich gelinge, einen Fortschrittsbegriff zu propagieren, der auf einer sehr engen materialistischen Sichtweise beruhe. "Wir wären alle noch in der Steinzeit, wenn wir anderen nie Reichtum gegönnt hätten", so Cette. Reichtum, wie ihn letztlich auch - für die ganze Gesellschaft - Notre-Dame symbolisiere.

Der Streit reicht bis ins Parlament. Kommende Woche will die Regierung ein neues Spendengesetz extra für den Wiederaufbau von Notre-Dame vorlegen. Bürger sollen Spenden bis zu 1000 Euro zu 75 Prozent von der Steuer absetzen können. Bisher gingen nur 66 Prozent.

Was diese Neuregelung betrifft, dürfte sogar die parlamentarische Opposition zustimmen. Sie kritisiert jedoch die allzu großzügige Steuerregelung für Kulturspenden im Allgemeinen. Durch sie, so Abgeordnete der konservativen Partei Die Republikaner, gingen dem Fiskus schon in gewöhnlichen Jahren knapp eine Milliarde Euro an Steuereinnahmen verloren. Dieser Verlust könne 2019 durch ein hohes Spendenaufkommen für Notre-Dame noch wachsen.

Und auch anderswo erzeugt das Geld für Notre-Dame Streit - und Neid. "Nicht ein Cent der Bürger, der Rathäuser oder anderen öffentlichen Haushalte sollte Notre-Dame bekommen", sagt der französische Regionalhistoriker Odon Vallet, "sollen doch die Amerikaner und Großkonzerne für Notre-Dame spenden, während wir uns um die gesamten Kulturschätze Frankreichs kümmern."

Vallet spielt damit auf Dutzende von Kathedralen und Hunderte von Kirchen in Frankreich an, für deren dringend benötigte Sanierungen das Geld fehlt. Für den Historiker ist dieser Missstand symbolisch für den Aufstand der Gelbwesten: "Wir müssen auch an das ländliche Frankreich denken, für das die Gelbwesten sprechen und das sich vielerorts aufgegeben und verlassen fühlt", sagt Vallet.

Für Präsident Macron macht das die Sache nicht leichter: "Die Franzosen sagen, dass ihr Leben ungerecht ist, dass sie durchaus bereit sind, eigene Anstrengungen zu unternehmen, aber nur, wenn alle das tun", hatte die Pariser Regierungssprecherin Sibeth Ndiaye am Abend vor der Brandkatastrophe gesagt. Genau dieses Gefühl einer tieferliegenden Ungerechtigkeit im Land, die viele ignorieren, prägt nun auch die Notre-Dame-Debatte.

insgesamt 152 Beiträge
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Richtig gut 18.04.2019
1. na war doch klar....
biste reich biste der Feind !
mina2010 18.04.2019
2. In der Tat etwas zwiespältig ...
auf der einen Seite siche eine generöse Geste des Finanzadels ... auf der anderen Seite ... auf wessen Knochen haben sie das Geld verdient?
zuckerfuchs 18.04.2019
3. Man könnte ja...
... durchaus etwas dezenter spenden, wenn man wollte... So ist der Krawall darüber doch vorprogrammiert, und die Neider schreien auf.
Heinzerl91 18.04.2019
4. Scheinheilig...
Sich hier aufzuregen, dass reiche Leute deren Geld aus Überzeugung für ein bestimmtes Bauwerk spenden, das jährlich etliche Menschen bewundern, während hier der Steuerzahler für eine völlig überflüssige Elbphilharmonie blechen muss, das maximal 0,5% der Deutschen jemals besuchen werden.
rainer_d 18.04.2019
5. So eine Kathedrale steht (mit Glück) Jahrhunderte
Wenn man die 200 Mio an die Armen verschenken würde, wäre nach kurzer Zeit alles weg und für Güter des täglichen Bedarfs (sowie Alkohol, Tabak, Drogen, Unterhaltungselektronik ) ausgegeben. So ist das eben. Deswegen ist es für vermögende Leute (wahrscheinlich) einfacher, für so einen Zweck zu spenden als durch die Fussgängerzone zu laufen und jedem Obdachlosen einen 100er zuzustecken. Oder wie haben sich die Gelbwesten das vorgestellt?
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