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16. Oktober 2019, 16:38 Uhr

Regierung stellt Restaurierungspläne vor

"Noch immer ist Notre-Dame gefährdet"

Von Britta Sandberg, Paris

Im April stand Notre-Dame in Flammen - und Paris unter Schock. Präsident Macron gab ein ehrgeiziges Ziel aus, binnen fünf Jahren sollte die Kathedrale restauriert sein. Jetzt zeigt sich: Das wird kaum zu schaffen sein.

Am Morgen des 16. April schauten die Pariser schweigend und übernächtigt auf rußgeschwärzte Steine, auf eine Kathedrale, die kein Dach mehr hatte. Der markante Spitzturm des Architekten Eugène Viollet-Le-Duc fehlte. Krachend war er am Abend zuvor um kurz vor 20 Uhr unter den entsetzten Schreien der Umstehenden in die Tiefe gestürzt.

Sechs Monate nach dem Brand der Kathedrale sind Pariser Denkmalschützer und Architekten nach wie vor ausschließlich mit Konsolidierungs- und Sicherungsarbeiten beschäftigt. Das wird auch bis Ende 2020 noch der Fall sein, erklärte der zuständige Kulturminister auf einer Pressekonferenz.

Stundenlang stand die Kirche auf der Ile de la Cité im Herzen von Paris in Flammen; eine Zeit lang sah es so aus, als ob auch die beiden Türme der Hauptfassade das Feuer nicht überstehen würden. Erst gegen 23 Uhr gab die Leitung der Pariser Feuerwehr Entwarnung, zumindest diese Gefahr war gebannt.

Allein der Abbau des Metallgerüsts kann Monate dauern

Sechs Monate nach der Katastrophe, die Frankreich und die Welt erschütterte, gab Frankreichs Kulturminister Franck Riester am Dienstag zum ersten Mal einen umfassenden Überblick über den Stand auf der Baustelle. Die erste beunruhigende Nachricht, die er verkündete, lautete: "Noch immer ist Notre-Dame gefährdet."

Zwei entscheidende Momente werde es in den kommenden Monaten auf der Baustelle geben. Erstens den Abbau des großen Metallgerüsts, das für die Renovierungsarbeiten vor dem Brand rund um das Mittelschiff der Kathedrale errichtet wurde.

"Eine sehr delikate Operation, die mindestens vier bis sechs Monate andauern wird", so Riester. Denn auch das Gerüst sei durch den Brand angegriffen worden, ständig werde mit verschiedenen Sensoren der Zustand überprüft. Mit allen Mitteln müsse verhindert werden, dass der Abbau des Gerüsts die durch das Feuer geschädigten Gebäudeteile gefährde und es zum Einsturz komme.

Im Video - Notre-Dame: "2020 wird die Rekonstruktion losgehen"

Außerdem sei noch immer unklar, wie sehr die hohen Temperaturen einzelne Steine des Gewölbes angegriffen haben. Erst wenn der letzte Schutt von den herabfallenden Dachteilen, der immer noch in der Kathedrale liegt, abgeräumt sei, werde man die Steine wissenschaftlich untersuchen können.

Die Sicherungs- und Konsolidierungsarbeiten würden auf jeden Fall, so der Minister, noch einen großen Teil des Jahres 2020 beanspruchen. Allein für diese Arbeiten veranschlagte er 85 Millionen Euro; bislang seien 37 Millionen ausgegeben worden. Die zugesagten Spendengelder bezifferte Riester auf 922 Millionen Euro. 104 Millionen davon seien bereits überwiesen worden. "Den Rest werden wir nach Bedarf und Stand der Arbeiten abrufen, das ist im übrigen ein vollkommen normaler Prozess und nicht ungewöhnlich", sagte Riester.

Zurückhaltend äußerte sich der Minister zu dem Zeitplan, den Präsident Emmanuel Macron noch am Tag nach dem Brand verkündet hatte: In fünf Jahren, sagte Macron damals, sollte die Restaurierung der Kathedrale abgeschlossen sein. Es sei richtig gewesen, ein ehrgeiziges Ziel vorzugeben, sagte Kulturminister Franck Riester. "Aber unsere erste Priorität muss es sein, eine qualitativ hochwertige, erstklassige Restaurierungsarbeit zu leisten." Es hörte sich nicht danach an, als ob er das Fünfjahresziel noch für realistisch hält.

Auch der von Premierminister Edouard Philippe angekündigte internationale Architektenwettbewerb zum Wiederaufbau des Daches scheint auf einmal nicht mehr so dringlich zu sein. Er ist immer noch nicht ausgerufen worden, vielleicht werde es auch nur einen "Ideenwettbewerb" geben, hieß es bei dem Termin. So oder so werde sich ein Wettbewerb aber nicht auf die Rekonstruktion des Daches inklusive des Spitzturmes von Viollet-Le Duc beschränken, sondern auch die Umgebung Notre-Dames mit einbeziehen.

Die Diskussion über die Frage, ob der neugotische Spitzturm auf dem Dach wieder originalgetreu aufgebaut oder als zeitgenössischer Architektenentwurf wiederauferstehen soll, hatte Frankreich im vergangenen Sommer in zwei Lager gespalten.

Und wer wird am Ende über diese Frage und mögliche Wettbewerbsentwürfe entscheiden?

"Der Eigentümer der Kathedrale, also der Staat, wird das tun - selbstverständlich nach ausführlichen Konsultationen mit allen anderen Beteiligten, also der Diözese und der Stadt Paris", antwortete Riester. Hierarchisch sei die Entscheidungsfindung auch klar, der Staat habe ja einen Chef, den Präsidenten. Emmanuel Macron werde in dieser Frage das letzte Wort haben.

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