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Notunterkünfte im Katastrophengebiet 700 Menschen in einem Raum

Die Flutwelle hat ihre Häuser zerstört, ganze Städte hinweggespült: Zehntausende Menschen leben nach der Katastrophe in Japan in Notunterkünften, oft unter primitiven Bedingungen. Es gibt keinen Strom, die Kälte macht den Menschen zu schaffen - und der Brennstoff wird knapp.

Hamburg - Eine Woche ist es her, dass die verheerende Tsunami-Welle Japans Küste überrollte, und noch immer leben Zehntausende Menschen in Notunterkünften, oft unter katastrophalen und primitiven Umständen. Das Japanische Rote Kreuz hat inzwischen 2000 solcher Unterkünfte eingerichtet, Turnhallen, Schulen, Bürgerzentren. Etwa 53.000 Menschen sollen dort derzeit untergebracht sein.

"Es ist eng, oft leben bis zu 700 Menschen in einem großen Raum, die sanitären Bedingungen sind sehr schwierig", berichtet der Deutsche Martin Faller SPIEGEL ONLINE. Der 55-Jährige ist Chefdelegierter für Ostasien der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften. Kürzlich hat er einige der Notunterkünfte in der Provinz Iwate besucht.

Viele Menschen, so erfuhr er während der Visite, lebten dort schon seit letztem Freitag ohne Strom und Heizung, und das bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. "Es mangelt an Hygieneartikeln, an Medizin für chronisch Kranke, an Benzin und Kerosin. In den Notunterkünften ist es sehr kühl."

"Die Grundversorgung der Menschen ist gewährleistet"

Hinzu komme der psychische Stress und die große Ungewissheit. Haben die Angehörigen überlebt? Was ist aus den Freunden im Nachbardorf geworden? "Am meisten hat mich berührt, als mir eine sehr alte Frau erzählte, dass sie nach sieben Tagen immer noch nicht mit ihren Kindern sprechen konnte", berichtet Faller. Und so konnte die alte Dame in der Hightech-Nation Japan, mit seiner sonst so perfekten telefonischen Infrastruktur, ihren Kindern in Tokio eine Woche lang nicht die glückliche Nachricht mitteilen, dass sie noch am Leben ist.

Andere, so Faller, hatten weniger Glück - und ziehen dennoch irgendwie Kraft aus der Katastrophe. So etwa der Manager einer Notunterkunft in der Fischerstadt Otsuchi, dessen Haus die Flutwelle wie durch ein Wunder verschonte, während all seine Nachbarn ertranken. Jetzt leitet er eine der örtlichen Notunterkünfte. Eine Mammutaufgabe: Die Flutwelle hat Otsuchi fast völlig zerstört, 7000 der 15.000 Einwohner mussten evakuiert werden, Tausende Menschen werden noch vermisst, erst 224 Tote konnten bisher geborgen werden.

Doch es gibt auch Entwicklungen, die Mut machen - auch wenn es vor sieben Tagen noch unvorstellbar gewesen wäre, dass sich gute Nachrichten aus Japan einmal so anhören würden: "Inzwischen gibt es in den meisten Unterkünften garantiert eine warme Mahlzeit pro Tag", sagt Martin Faller. Und: "Die Grundversorgung der Menschen ist gewährleistet." Trotz winterlicher Kälte und immer noch zerstörter Straßen ist er sich sicher: "Die Japaner werden die Lage in den Griff kriegen."

Die Alten trifft es besonders hart

Auch Ian Woolverton möchte trotz der "sehr dramatischen Lage" und der Versorgungsengpässe Positives berichten. Der 36-Jährige arbeitet für die Organisation "Save the Children", die sich in 120 Ländern für die Hilfe und Rechte von Kindern einsetzt. Derzeit ist sie mit 40 Mitarbeitern in der Umgebung der Städte Sendai und Ishinomaki im Einsatz. In den letzten Tagen hat auch Woolverton etliche der Notunterkünfte im Nordosten Japans besucht.

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Japans Katastrophengebiete: Rückkehr in die Verwüstung

Foto: ALY SONG/ REUTERS

"Gestern hatte ich ein sehr berührendes Erlebnis", erzählt er SPIEGEL ONLINE. "Als ich mich dem Evakuierungszentrum näherte, hörte ich schon von draußen die Aufregung und das laute Lachen von Kindern." Am Tag zuvor sei er in derselben Unterkunft gewesen, und die Kinder hätten noch gelangweilt und traurig in der Ecke gesessen. Die Spielzeuge, die seine Organisation brachte, halfen demnach schneller als jedes Medikament. "Wenn die Kinder wieder lachen", sagt Woolverton, "dann hat das auch einen positiven Effekt auf die Erwachsenen. Es hilft allen."

Viele Kinder in den Evakuierungszentren seien allerdings verängstigt und traumatisiert. "Sie befinden sich inmitten einer Szenerie der Verwüstung, um sie herum sehen sie zerstörte Häuser und umgekippte Autos. Das sind für sie schockierende Bilder." Daher möchte "Save the Children" Kinder in speziellen Kinderschutzzentren unterbringen, wo sie mit Altersgenossen spielen können. Ein erstes Zentrum wurde bereits in der Stadt Sendai eröffnet.

Der dringendste Bedarf: Decken gegen die Kälte

Neben den Kindern sind es besonders ältere Menschen, die unter der Situation in den Notunterkünften leiden. Oftmals fehlen ihnen lebenswichtige Medikamente, sie sind zudem anfälliger für die schlechten hygienischen Zustände und die kargen Essens- und Wasserzuteilungen. In den letzten drei Tagen starben allein in der Präfektur Fukushima 14 ältere Menschen, wie die "Mainichi Daily News" berichtete. Zwölf von ihnen waren in einer zur Notunterkunft umgewandelten Schule in der Stadt Iwaki untergebracht, die anderen beiden schafften es nicht einmal bis dahin: Sie starben auf dem Weg zur Notunterkunft in einem Bus.

"Die chronischen Krankheiten von alten Menschen sind die Hauptprobleme", bestätigt Eric Ouannes, Geschäftsführer der japanischen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen". "Ihre Behandlung wurde unterbrochen - daher versuchen unsere Ärzte, sie wieder aufzunehmen, um einer akuten Lebensgefahr vorzubeugen." Die Organisation hat in den vergangenen Tagen rund 30 verschiedene Evakuierungszentren besucht. Am dringendsten, so Ouannes' Eindruck, würden derzeit Decken gegen die Kälte benötigt.

Für manche ältere Japaner kommen die Hilfsgüter über einige der wieder freigeräumten Straßen aber zu spät. So etwa in der entlegenen Stadt Kesennuma im äußersten Nordosten der Präfektur Miyagi. Dort traf die Tsunami-Welle ein Altersheim, 47 der 113 Bewohner starben sofort. Elf weitere, so berichtet die Nachrichtenagentur AP, starben seitdem an der Kälte.

Die restlichen Überlebenden des Altenheims sitzen nun in einer Basketballhalle der Stadt in Decken gewickelt um Kerosin-Heizöfen. Sie wissen, dass der Brennstoff langsam knapp wird.