Obdachlos bei Minusgraden »Bei dieser extremen Kälte kann es besonders schnell kritisch werden«

Herbert Szukalsky hilft in Berlin Obdachlosen in Not. Im Interview erklärt er, warum er in der Kälte immer Zitronentee dabeihat und wie man erkennt, ob ein Mensch auf der Straße Hilfe braucht.
Herbert Szukalsky im Einsatz: »Das Wichtigste ist unser Zitronentee«

Herbert Szukalsky im Einsatz: »Das Wichtigste ist unser Zitronentee«

Foto: Brigitte Hiss/DRK / DRK Landesverband Berliner Rotes Kreuz

SPIEGEL: Herr Szukalsky, draußen ist es eisig kalt. Wen treffen Sie zurzeit auf den Straßen Berlins, wenn Sie nachts mit Ihrem Wärmebus unterwegs sind?

Herbert Szukalsky: Das sind immer noch erstaunlich viele Menschen. Wir kennen sie meist schon seit Beginn der Wärmebus-Saison im November, sie haben ihre festen Plätze. Es sind diejenigen, die ihren Platz trotz der extremen Kälte nicht verlassen wollen. Normalerweise fahren wir mit einem Bus, aber wegen der Kälte haben wir unser Angebot ausgebaut, momentan sind jede Nacht bis zu zehn Fahrzeuge unterwegs. Seitdem es so kalt geworden ist, bekommen wir so viele Hilferufe, dass wir sie sonst kaum bewältigen könnten.

Zur Person
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Herbert Szukalsky (Mitte), 70 Jahre alt, ist seit 2009 mit dem Wärmebus des Berliner Roten Kreuzes im Einsatz. Zwischen November und März ist die Initiative täglich von 18 Uhr bis Mitternacht auf Berlins Straßen unterwegs, um Obdachlose mit warmer Kleidung und Schlafsäcken zu versorgen – und sie im besten Fall in die Notunterkunft zu bringen.

SPIEGEL: Wie gefährlich ist es, jetzt draußen zu übernachten?

Szukalsky: Das kann sehr schnell lebensbedrohlich werden. Unser oberstes Ziel ist es immer, die Menschen in die Notunterkünfte zu bringen. Gerade im angetrunkenen Zustand merkt man nicht, wenn man auskühlt. Die Menschen wachen am nächsten Morgen einfach nicht mehr auf. Aber viele lehnen das Angebot ab.

SPIEGEL: Aus welchem Grund?

Szukalsky: Die Notunterkünfte sind nicht besonders beliebt. Obdachlose müssen sich ihr Zimmer mit mehreren anderen Menschen teilen, sie fürchten, bestohlen zu werden. Auch Gewalt haben dort viele schon erlebt. Und dann ist da noch Corona und die Angst vor der Ansteckung. Inzwischen haben einige Unterkünfte Schnelltests eingeführt, ohne negativen Abstrich kommt keiner rein. Das gibt ein bisschen Sicherheit, aber Abstand halten kann man natürlich nicht.

»Viele laufen nur in Turnschuhen herum. Das ist fatal bei diesen Temperaturen.«

Herbert Szukalsky

SPIEGEL: Was haben Sie in Ihrem Bus für die Erstversorgung dabei?

Szukalsky: Das Wichtigste ist unser Zitronentee. Den schenken wir zur Kontaktaufnahme aus. So kommt man ins Gespräch. Dabei machen wir uns einen Überblick, was die Leute brauchen: Haben sie Isomatten oder schlafen sie nur auf Pappen? Fehlt vielleicht eine dicke Jacke? Am häufigsten benötigen die Obdachlosen winterfestes Schuhwerk, davon haben wir eigentlich nie genug. Viele laufen nur in Turnschuhen herum. Das ist fatal bei diesen Temperaturen.

SPIEGEL: Für dieses Wochenende sind noch einmal Extremtemperaturen im Minusbereich angesagt, nachts soll es bis zu -15 Grad kalt werden. Machen Sie sich Sorgen um die Obdachlosen?

Szukalsky: Das machen wir immer. Unterkühlen kann man schon bei Plusgraden, im angetrunkenen Zustand kann alles unter zehn Grad Außentemperatur lebensgefährlich sein. Aber bei dieser extremen Kälte kann es besonders schnell kritisch werden. Neulich erst hatten wir so einen Fall. Da wurden wir angerufen, in einer Nebenstraße lehne ein Obdachloser betrunken an einer Mauer. Wir sind gleich hin, und das war gut so. Wären wir später gekommen, hätten wir den Rettungsdienst rufen müssen. Der Mann war schon unterkühlt, er hatte in seine Hose uriniert und war ziemlich betrunken.

SPIEGEL: Was machen Sie in so einem Fall?

Szukalsky: Wir konnten den Mann in eine Notunterkunft bringen. Natürlich müssen wir bei solchen Fahrten auch uns selbst schützen. Wir haben Masken, Handschuhe und Desinfektionsmittel an Bord. Außerdem eine Unterlage auf den Sitzen, die nach jeder Fahrt ausgetauscht wird. Wir haben lange überlegt, ob wir wegen Corona diesen Winter überhaupt fahren können. Aber bisher hat sich niemand aus dem Team angesteckt, auch Dank unseres strengen Hygienekonzepts.

SPIEGEL: Tut die Stadt Berlin bei diesen Temperaturen genug für die Obdachlosen?

Szukalsky: Als es letzte Woche so kalt wurde, sind von einem Tag auf den anderen 200 Plätze in einer Notunterkunft dazu gekommen. Insgesamt hat sich das Angebot in den letzten Jahren verbessert. Als wir vor über zehn Jahren mit dem Wärmebus angefangen haben, sah das noch anders aus. Trotzdem muss man sagen, dass es gerade für beeinträchtigte Menschen kaum Angebote gibt. Zum Beispiel für diejenigen, die im Rollstuhl sitzen oder gesonderte Pflege brauchen. Für die gibt es keinen Platz, sie bleiben außen vor. Auch bei dieser extremen Kälte.

SPIEGEL: Wie sollte ich mich selbst verhalten, wenn ich jetzt einen Obdachlosen auf der Straße sehe?

Szukalsky: Am besten ist es, den Menschen anzusprechen und ihn zu fragen, was er braucht und ob er Hilfe annehmen würde. Wenn man das nicht möchte, hilft es schon, einfach uns anzurufen. Wir können nicht jede Straße absuchen, nicht in jeden Hauseingang schauen. Wir sind auf die Mithilfe der Bevölkerung angewiesen, da wir nicht jede Straße absuchen oder in jeden Hauseingang schauen können. Der DRK-Wärmebus in Berlin ist täglich ab 18 Uhr unter 030 / 600 300 1010 erreichbar, wir sind bis nach Mitternacht unterwegs. Ähnliche Angebote gibt es in vielen Städten. Wenn Sie also einen Obdachlosen auf der Straße sehen, nicht nur bei diesen extremen Temperaturen: Rufen Sie uns bitte an!

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