Obdachlos im Winter Lebensgefährlich kalt

Minus zehn Grad, minus 15 Grad, minus 20 Grad: Deutschland erlebt die kältesten Tage des Jahres. Für Obdachlose sind die eisigen Temperaturen lebensgefährlich. Was tun Städte, um zu helfen? Der Überblick.

Obdachloser in Berlin
imago/ Jürgen Ritter

Obdachloser in Berlin

Von Viktoria Degner, und


Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt - für mehr als 50.000 Obdachlose in Deutschland ist das Winterwetter lebensgefährlich. Hauseingänge oder Brücken bieten vielleicht notdürftigen Schutz vor Schneefall oder Eis, aber nicht vor Frost. "Für diese Menschen besteht derzeit ein erhebliches Risiko, draußen zu erfrieren", sagt Thomas Specht, Sprecher der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe.

Seiner Erfahrung nach hängt das Engagement für Obdachlose sehr von der jeweiligen Kommune ab. "Einige Städte geben sich große Mühe, die Menschen zu versorgen", sagt Specht. "Aber andere Kommunen würden Obdachlose einfach wegschicken." Außerdem handele es sich bei den Hilfen im Winter meist um Maßnahmen, die allenfalls in den Bereich humanitäre Hilfe fielen. "Das ist wie nach einem Erdbeben, wenn man das nackte Überleben von Menschen sichert", sagt Specht. "Nur bei diesem Erdbeben weiß man, dass es kommt, und zwar jedes Jahr wieder."

Dass sich an dem Problem nichts grundlegend ändert, liegt für Specht auch daran, dass die Politik nicht einmal das Ausmaß der Wohnungsnot in offiziellen Statistiken erfasst. "Das ist ein seit Jahren andauernder Skandal." Der Verein fordert, jede Kommune müsse Obdachlose dauerhaft unterbringen, nicht nur im Winter, nicht nur in Notunterkünften. Das absolute Minimum sei aber, dass Betroffenen zumindest der Aufenthalt in U-Bahnhöfen und ähnlichen Orten erlaubt werde. "Immerhin hat in diesem Punkt ein gewisses Umdenken stattgefunden", sagt Specht.

Was tun Städte angesichts der Minustemperaturen für Obdachlose? Und gibt es angesichts des extremen Frostes zusätzliche Angebote? SPIEGEL ONLINE hat in mehreren Großstädten nachgefragt.

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In Hamburg leben nach einer groben Schätzung rund 2000 Obdachlose. Die Stadt bietet ihnen elf Tagesaufenthaltsstätten sowie zwei Einrichtungen zur Übernachtung an. In der kalten Jahreszeit kommt nach Angaben der Senatsverwaltung für Soziales ergänzend das Winternotprogramm hinzu.

Es bietet 873 zusätzliche Schlafplätze in Betten in Räumen mit bis zu acht Betten. Es gebe abschließbare Schränke, abgetrennte Frauenbereiche, barrierefreie Zimmer und eine Wärmestube, sagt Marcel Schweitzer, Sprecher der Sozialbehörde. Dieser nächtliche staatliche Erfrierungsschutz sei etwa in der besonders kalten Nacht von Sonntag auf Montag von 665 Menschen in Anspruch genommen worden. Das entspreche einer Auslastung von 87 Prozent. "760 Betten gibt es, bei Bedarf können wir mehr zur Verfügung stellen."

Für Menschen, die nicht ins Winternotprogramm wollen, gibt es Hilfe vom sogenannten Mitternachtsbus der Diakonie Hamburg. Er fahre eine reguläre Strecke ab und biete Lebensmittel, warme Getränke und Decken an, außerdem motivierten die Helfer Menschen, die draußen schlafen wollten, die Notunterkünfte zu nutzen.

Der Hamburger Mitternachtsbus ist den Angaben zufolge nicht vergleichbar mit dem Berliner Kältebus. In Notlagen müsse der Rettungsdienst der Feuerwehr gerufen werden. Rettungsdienste ebenso wie Polizeikommissariate seien für das Problem sensibilisiert. Bei extremer Kälte könne die Polizei anordnen, dass alle Obdachlosen das Winternotprogramm aufsuchen müssten, sagte Schweitzer.

Die Unterkünfte sind von 17 Uhr bis 9.30 Uhr geöffnet. Je nach Wetterlage kann der Betreiber Schweitzer zufolge das Winternotprogramm länger öffnen. "In den vergangenen Tagen hatte es von 15 Uhr bis 11 Uhr geöffnet, Kranke und/oder Menschen im Rollstuhl konnten den ganzen Tag die Aufenthaltsräume nutzen", sagt der Sprecher. Die längere Öffnungszeit werde jedoch nur von einem Bruchteil der Übernachtenden genutzt.

"Die Notunterkünfte richten sich an Menschen, die gar nichts haben und die sich nicht selbst helfen können", sagt Schweitzer. Zunächst werde jede und jeder aufgenommen - unabhängig von der Nationalität. Häufig werde in der anschließenden Sozialberatung dann festgestellt, dass Menschen Möglichkeiten zur Selbsthilfe hätten. Wer etwa eine Wohnung an einem anderen Ort habe, könne mit staatlicher Unterstützung dorthin reisen. Wer eine Rückreise ablehne, könne die Wärmestube, die ebenfalls Teil des Winternotprogramms sei, als nächtlichen Erfrierungsschutz nutzen.



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