Obdachlosigkeit 37.400 Menschen leben in Deutschland auf der Straße

Erstmals hat eine Studie belastbar erhoben, wie viele Obdachlose es in Deutschland gibt. Sie zeigt: Es sind weniger als bisher gedacht. Allerdings werden viele »verdeckt Wohnungslose« nicht erfasst.
Lieber auf der Straße als in der Unterkunft: Viele Obdachlose gaben in der Studie an, Unterkünfte seien ihnen zu gefährlich oder zu dreckig

Lieber auf der Straße als in der Unterkunft: Viele Obdachlose gaben in der Studie an, Unterkünfte seien ihnen zu gefährlich oder zu dreckig

Foto: Hauke-Christian Dittrich / dpa

In Deutschland leben 37.400 Menschen auf der Straße – etwa 20 Prozent weniger als bisher gedacht. Das zeigt eine Studie  im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS), die am Montag veröffentlicht wurde. Forschende haben laut eigenen Angaben erstmals repräsentativ erhoben, wie viele Obdachlose es in Deutschland gibt.

Bisherige Zahlen basierten auf Schätzungen eines Wohnungslosenverbands. Zuletzt war von etwa 45.000 Obdachlosen die Rede gewesen. »Es ist europaweit das erste Mal, dass in so einem großen Land wie Deutschland dazu belastbare Zahlen erhoben werden«, sagte der Vorstand der Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung e.V. (GISS) und Mitautor der Studie, Volker Busch-Geertsema, dem SPIEGEL. Die GISS führte die Studie im Auftrag des Ministeriums durch.

Insgesamt 90.000 Menschen nicht institutionell versorgt

Zu den Obdachlosen kommen laut der Studie noch 49.000 »verdeckt wohnungslos« lebende Menschen hinzu. »Verdeckte Wohnungslosigkeit ist häufig der erste Weg, den Menschen gehen, die ihre Wohnung verloren haben – sie fragen Freunde, Verwandte oder Bekannte, ob sie bei ihnen übernachten können. Das sind Menschen, die in höchster Not nicht wissen, wo sie übernachten sollen, und vermeiden wollen, auf der Straße schlafen zu müssen«, sagte Busch-Geertsema.

Außerdem lebten noch zusätzlich 6600 minderjährige Kinder und Jugendliche in Wohnungslosigkeit – 1100 gemeinsam mit ihren Eltern auf der Straße und etwa 5500 in verdeckter Wohnungslosigkeit. Insgesamt belaufe sich daher die Zahl derer, die in keiner Institution dauerhaft versorgt würden, auf 90.000 Menschen.

Die Hälfte aller obdachlosen Frauen gab an, sexuelle Gewalt erlebt zu haben

Obdachlose in Deutschland, so die Studie, sind zu 80 Prozent Männer. Rund ein Drittel seien keine deutschen Staatsbürger. Der häufigste Grund, warum die Menschen auf der Straße lebten, seien Mietschulden. Auch Trennungen und Inhaftierungen wurden als Gründe angeführt. Ein Viertel aller Obdachlosen hatte laut eigenen Angaben noch nie eine Wohnung in Deutschland gemietet – weil sie etwa aus dem Ausland kamen oder direkt nach dem Auszug aus dem Elternhaus obdachlos wurden. Die Hälfte der Befragten lebte schon länger als ein Jahr auf der Straße.

Das Leben auf der Straße ist laut der Studie gefährlich: Zwei Drittel der Befragten gaben an, Gewalterfahrungen gemacht zu haben. Obdachlose Frauen sind demnach besonders oft von sexueller Gewalt bedroht. Mehr als die Hälfte von ihnen gab an, bereits sexuell belästigt, missbraucht oder vergewaltigt worden zu sein. Bei den Männern waren es nur etwas mehr als vier Prozent.

Die meisten Obdachlosen haben laut der Studie schon mal in einer Unterkunft für Wohnungslose gelebt. Als Gründe, warum sie dennoch auf der Straße lebten, gaben sie häufig an, dass dort zu viele Menschen untergebracht sei oder ihnen die Unterkünfte zu gefährlich seien, weil man sie dort etwa bestehlen könne. Viele gaben an, die Unterkünfte seien ihnen zu schmutzig, und sie würden woanders bessere Schlafplätze finden.

Zwei Drittel der Befragten gaben an, dass es ihnen gesundheitlich schlecht gehe. Ein Fünftel berichtete von einer körperlichen Erkrankung, etwa genauso viele waren psychisch krank. Knapp ein Drittel hatte laut der Studie eine Suchterkrankung.

Die meisten Befunde sind für Obdachlose und verdeckt Wohnungslose ähnlich – aber den verdeckt Wohnungslosen geht es dabei oft nur geringfügig besser. »Es gibt ganz oft den Begriff der ›Couchsurfer‹ für diese Menschen, doch die Studie zeigt, dass ihre Lage ähnlich prekär ist wie für Menschen, die auf der Straße leben«, sagte Volker Busch-Geertsema vom GISS.

Wohnungs- und obdachlose Menschen zu zählen ist schwierig, weil die Gruppe durch ihre Lebenssituation nirgendwo strukturiert erfasst wird. Für die Befragung wählten die Forschenden daher eine Stichprobe von 151 deutschen Gemeinden aus, darunter alle Großstädte mit mehr als 500.000 Einwohnern, und zufällig ausgewählte kleinere Städte und Gemeinden. In diesen Gemeinden kontaktierte man Institutionen, die mit Wohnungslosen zu tun haben.

»Die Politik hat es sich im Koalitionsvertrag zum Ziel gesetzt, bis 2030 Wohnungslosigkeit in Deutschland zu überwinden.«

Volker Busch-Geertsema, GISS

»Wir haben nicht nachts Leute auf die Straße geschickt, um Menschen zu befragen, die aussehen wie Wohnungslose«, sagt Busch-Geertsema. Stattdessen vertraute man auf Angebote für arme Menschen: »Tafeln, Suppenküchen, Kleiderkammern, die Beratungsstellen für Frauen und viele mehr«. Dort zählten Anfang Februar eine Woche lang Mitarbeitende die bei ihnen ankommenden Wohnungslosen.

Insgesamt zählten die teilnehmenden Institutionen mehr als 17.000 Wohnungs- und Obdachlose. Diese Zahlen wurden anschließend gewichtet und hochgerechnet. Um die Betroffenen zu befragen, wurden an jede zweite Person aus der Zielgruppe Fragebögen verteilt. Auswertbar waren laut GISS die Angaben von 465 Institutionen und von 1535 Wohnungslosen. 1112 davon waren »Wohnungslose ohne Unterkunft«, umgangssprachlich Obdachlose, 423 waren verdeckt Wohnungslose.

Hintergrund der Zählung ist das im März 2020 verabschiedete Wohnungslosenberichterstattungsgesetz, das unter anderem vorschreibt, Wohnungs- und Obdachlose in Deutschland zu zählen. »Man kann da sicher noch einiges verbessern«, sagte Busch-Geertsema, »aber es ist vorgeschrieben, dass alle zwei Jahre zu diesem Thema Zahlen erhoben werden.« Die Erhebung ergänzt die Wohnungslosenstatistik des Statistischen Bundesamts, die im Juli veröffentlicht wurde. Diese umfasste alle wohnungslosen Menschen, die im Januar 2022 in Not- oder Gemeinschaftsunterkünften lebten, insgesamt zählte man 178.000.

Die nun vorgelegte Studie sollte alle jene Menschen zählen, die nicht in Unterkünften versorgt werden – eben die nun gezählten 90.000. Es gebe eine kleine Überschneidung zwischen den Gezählten, sagte Busch-Geertsema. »Zieht man die doppelt Gezählten ab und addiert alles zusammen, lebten in Deutschland über 263.000 Menschen in Wohnungslosigkeit.«

Die Erkenntnisse der Studie müssten genutzt werden, um Angebote für Wohnungslose zu verbessern, sagte Busch-Geertsema. »Die Politik hat es sich im Koalitionsvertrag zum Ziel gesetzt, bis 2030 Wohnungslosigkeit in Deutschland zu überwinden. Die Studie zeigt Verbesserungsmöglichkeiten bei der Prävention und dem Zugang zu Hilfen, die genutzt werden sollten, um dieses Ziel zu erreichen«, sagte er. Die Zahl der Wohnungslosen sei nicht so hoch, dass es unmöglich wäre, bis 2030 Wohnungslosigkeit auf ein Minimum zu reduzieren.

has
Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.