Oberbayern "Erschießen sollen sie den Bären"

Entsetzen in Oberbayern: Seit Tagen treibt ein zugewanderter Bär bei Garmisch-Partenkirchen sein Unwesen. Elf Schafe und zehn Hühner und Tauben fielen ihm bereits zum Opfer. Anwohner fürchten um ihr Leben. Jetzt ist der Bär zum Abschuss freigegeben.
Von Andrea Kinzinger

Hamburg - Kornelia Drexler ist wütend. "Ich bin keine Bären-Hasserin. Der Bär ist ein schönes Tier, aber wenn ich mir vorstelle, dass wir ihm beim Radfahren im Wald plötzlich gegenüberstehen. Schrecklich ist das", sagt die Mutter dreier Kinder. Sie wolle die Naturschützer einmal sehen, wenn sie tatsächlich mit dem Bär konfrontiert würden. Statt in freier Wildbahn herumzustreifen, solle das Tier lieber in einen Zoo oder einen Naturpark gebracht werden. Die Freude der Wissenschaftler über die Rückkehr des Bären nach Deutschland, könne sie nicht nachvollziehen. "Er ist eine massive Gefährdung. Kein Mensch kann seines Lebens mehr sicher sein."

Die 37-Jährige ist nicht die Einzige, die sich in Graswang bei Garmisch-Partenkirchen ängstigt. Ende vergangener Woche war das Wildtier dort zum ersten Mal aufgetaucht, am Wochenende tötete es neun Schafe. Drei davon gehörten Drexlers Nachbar, der Familie Ostler: "Die Schafe sind total panisch", sagt Elisabeth Ostler. "Erschießen sollen sie den Bären, bevor er Menschen anfällt." Inzwischen habe man alle Schafe des Dorfes auf eine Weide am Berg gebracht. Dort, so hoffen die Bauern, seien die Tiere sicherer.

Auch im 20 Kilometer entfernten Grainau herrscht Aufregung. Mitten in einem Wohngebiet hat der Bär in der Nacht ebenfalls zugeschlagen. Doch erst am Morgen entdeckt der Enkel den Hahn seines Großvaters in der Auffahrt - tot. "Das war der Bär", ruft Franco erschrocken. Keine fünf Meter weiter ist der Holzzaun, der das Gelände umrandet, auf einem Meter Breite durchgebrochen. Im Hühnerstall dann der Schock: Von den 15 Hühnern und Tauben überlebten nur fünf den Bärenangriff. "Die Nachbarn haben kurz vor ein Uhr in der Nacht einen Riesenlärm gehört", sagt Bauer Karl Walter dem "Garmisch-Partenkirchener Tagblatt", "aber sie haben nichts gemacht." Er selbst habe nichts mitbekommen.

Der Bär ist "außer Rand und Band"

Jetzt hat der bayerische Umweltminister Werner Schnappauf (CSU) den Bären zum Abschuss freigegeben. "Wir können das Risiko nicht auf uns nehmen, dass Menschen zu Schaden kommen", sagt der Politiker. "Stellen Sie sich die Situation vor, der Bauer geht in den Hühnerstall, in der Situation ist nicht mehr zu kalkulieren, wie sich das Tier verhält." Der Bär sei "ganz offensichtlich außer Rand und Band geraten". Alle Experten hätten diese Maßnahme deshalb empfohlen.

In der Tat sagt etwa der Bärenexperte Felix Knauer von der Universität Freiburg der Nachrichtenagentur AP, es sei jetzt "zu gefährlich, noch lange zu warten". Es sei nicht normal, dass er jedes Schaf reiße. Normalerweise blieben Bären im Wald.

Volker Homes, Artenschutzexperte bei der Umweltschutzorganisation WWF, bedauert die Entwicklung, pflichtet Minister Schnappauf aber dann doch bei: Je öfter der Bär mit Menschen in Kontakt komme, desto schwieriger sei es, ihn wieder umzuerziehen. Zunächst hatte sich der WWF dafür ausgesprochen, dem Tier mit Hilfe von Knallkörpern und Gummigeschossen Respekt einzuflößen, damit er sich den Menschen nicht mehr nähert. Das aber sei jetzt nicht mehr möglich. "Der Bär hat kapiert, dass es leichter ist, Schafe auf einer Weide oder Hühner in einem Stall zu reißen als ein Reh", sagt Homes. Ziel indes sei es noch immer, den Bären lebend zu fangen - mit einer Bärenfalle. In diesem Fall soll das Tier in ein Gehege kommen. Schnappauf zufolge ist eine Rückkehr in die freie Wildbahn auf keinen Fall mehr möglich.

Im Gegensatz zum WWF zeigte sich die "Stiftung für Bären" entsetzt von der Minister-Entscheidung: "Die Stiftung protestiert gegen die geplante Tötung des geschützten Wildtieres", heißt es in einer Pressemitteilung.

Wo genau sich der Bär aufhält, weiß niemand. Das nachtaktive Tier hatte zuletzt etliche Kilometer im Schutze der Dunkelheit hinter sich gelegt, tagsüber versteckt er sich wahrscheinlich in irgendeinem Dickicht. Homes rät Wanderern im bayerischen Alpenvorland deshalb, durch Singen und Pfeifen auf sich aufmerksam zu machen. So könne man vermeiden, dass man den Bären überrascht. Auf ihrer Internetseite gibt die Organisation Tipps für den Umgang mit Bären  (PDF-Dokument).

Der junge, männliche Bär stammt aus dem norditalienischen Trentino, vermuten die Experten. Dort gibt es ein Ansiedlungsprojekt. Vergangene Woche war das Tier in Österreich aufgetaucht. Binnen sieben Tage hatte es dort drei Schafe gerissen. Dann kam das Tier nach Oberbayern. Hier tötete der Bär im Laufe von nur zwei Tagen bereits elf Schafe, verletzte eine Reihe weiterer Tiere schwer und riss nun zuletzt die Hühner in Grainau.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.