Odenwaldschule
Internatsleitung bestätigt Missbrauch von Mädchen
Der Missbrauchsskandal an der hessischen Odenwaldschule weitet sich aus. Die Internatsleitung bestätigt, dass ein Mädchen zu den Opfern gehört - zwei Lehrer sollen sie sich einem Bericht zufolge als Gespielin geteilt haben. Die Direktorin: "Ihre Erfahrungen waren so schlimm, dass sie am Telefon weinte."
Die Odenwaldschule: "Wir haben jetzt 24 Fälle, 23 Männer und eine Frau"
Foto: RALPH ORLOWSKI/ REUTERS
Heppenheim - An der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim sind weitere Missbrauchsfälle bekanntgeworden. Am Wochenende hätten sich vier weitere ehemalige Schüler gemeldet, sagte die Direktorin der Reformschule, Margarita Kaufmann, am Montag in Heppenheim. Darunter sei auch eine Frau. "Ihre Erfahrungen waren so schlimm, dass sie am Telefon weinte", sagte Kaufmann.
"Wir haben jetzt 24 Fälle, 23 Männer und eine Frau." Sie geht von drei Lehrern als mutmaßlichen Tätern aus. Im Laufe des Montags sollte noch ein Brief an rund 900 Altschüler der vor 100 Jahren gegründeten Reformschule verschickt werden. Um 15 Uhr sollen auf einer Pressekonferenz Details bekanntgegeben werden.
Wie die "Frankfurter Rundschau" unter Berufung auf frühere Schüler berichtete, sollen sich in einem Fall zwei Lehrer das Mädchen als sexuelle Gespielin "geteilt" haben. "Es ging da in all den Jahren sehr freizügig zu",
wurde der frühere Schüler zitiert. In mehreren Fällen sollen Lehrer ihre jugendlichen Geliebten später geheiratet haben.
Ein weiterer Absolvent der Odenwaldschule berichtete in der "Frankfurter Rundschau" von einer "Anti-Spießer-Hysterie", welche die Übergriffe in den siebziger und achtziger Jahren erst möglich gemacht habe. Wer seinerzeit etwas bemerkt und gesagt habe, sei "sofort als Spießer geächtet worden - das war grauenhaft", wurde er zitiert.
Eine unabhängige Kontrollinstanz habe es nicht gegeben. Im Grunde hätte die Schulleitung eingreifen müssen, dort aber habe der Rektor gesessen, also derjenige, der die systematischen Übergriffe erst möglich gemacht habe. "Und da keine Krähe der anderen ein Auge aushackt, konnte dem niemand Einhalt gebieten", wurde der Altschüler zitiert.
Altschüler erwägen eine Verwaltungsklage
Sämtliche Vorwürfe sind nach bisherigem Kenntnisstand strafrechtlich verjährt. Allerdings erwägen Altschüler laut "Frankfurter Rundschau", eine Verwaltungsklage anzustrengen, um auf diese Weise Versäumnisse der hessischen Landesregierung aufzudecken. Hintergrund sind Vorgänge aus dem November 1999, als die Zeitung nach eigener Darstellung erstmals über den jahrelangen Missbrauch durch den früheren Schulleiter berichtete.
Schon 1999 hatten zwei frühere Schüler den ehemaligen Schulleiter des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Das Ermittlungsverfahren war aber wegen Verjährung eingestellt worden. Direktorin Kaufmann sagte der "Frankfurter Rundschau": "Es war eine Unterlassung und ein grober Fehler, dass die Schule damals nicht nachgeforscht hat."
Die Odenwaldschule ist in freier Trägerschaft und hat seit den sechziger Jahren den Status einer Unesco-Modellschule. Derzeit hat sie gut 200 Schüler. Besonderheiten sind das Lernen inmitten der Natur, die Möglichkeit, neben dem Abitur auch berufliche Abschlüsse zu erwerben sowie das Leben in Kleingruppen: Diese werden als "Familien" bezeichnet, "Familienoberhaupt" ist der Klassenlehrer. Eine Klasse besteht aus 16 bis 17 Schülern. Die Jahresgebühr für das laufende Schuljahr gibt die Schule mit 26.640 Euro an.