Odenwaldschule Pädagogen teilten "sexuelle Dienstleister" fürs Wochenende ein

Nach der langen Reihe bekanntgewordener Missbrauchsfälle ringt die katholische Kirche um ihre Glaubwürdigkeit. Sie ist jedoch nicht die einzige Institution, die solche Vorkommnisse vertuschte. Jetzt wurden auch an einer bekannten hessischen Privatschule Fälle von sexueller Gewalt bekannt.
Odenwaldschule in Heppenheim: Jahrelanger Missbrauch durch Pädagogen

Odenwaldschule in Heppenheim: Jahrelanger Missbrauch durch Pädagogen

Foto: Stephanie Pilick/ picture-alliance/ dpa/dpaweb

Frankfurt am Main/München/Berlin - Auch an einer hessischen Privatschule sind Schüler sexuell missbraucht worden. Der Vorstand der Odenwaldschule, einer Unesco-Modellschule in Heppenheim, habe den jahrelangen Missbrauch von Schutzbefohlenen durch Pädagogen eingeräumt, berichtet die "Frankfurter Rundschau". Schulleiterin Margarita Kaufmann sagte der Zeitung: "Es ist für mich eine Tatsache, dass hier mindestens seit 1971 sexueller Missbrauch stattgefunden hat."

Ehemalige Schüler berichteten der Zeitung davon, wie sie von Lehrern regelmäßig durch das Streicheln der Genitalien geweckt, wie sie als "sexuelle Dienstleister" für ganze Wochenenden eingeteilt und zu Oralverkehr gezwungen wurden.

Einzelne Pädagogen hätten ihren Gästen Schüler zum sexuellen Missbrauch überlassen, schreibt die "FR" weiter. Lehrkräfte hätten Schutzbefohlene geschlagen, mit Drogen und Alkohol versorgt oder beim gemeinschaftlichen Missbrauch eines Mädchens nicht eingegriffen.

Erste Vorwürfe gegen den langjährigen Rektor Gerold Becker, der die Schule von 1971 bis 1985 leitete, waren der Zeitung zufolge vor gut zehn Jahren publik geworden. Seinerzeit berichteten ehemalige Schüler von massiven Übergriffen Beckers gegen 13-Jährige. Die Vorwürfe wurden aber nur halbherzig aufgegriffen. "Es war eine Unterlassung und ein grober Fehler, dass die Schule damals nicht nachgeforscht hat", sagt Kaufmann, die seit 2007 im Amt ist.

Mindestens drei Lehrer verwickelt

Sie selbst sei im vergangenen Jahr erneut von Altschülern angesprochen worden, die fürchteten, die Schule werde sich auch bei der 100-Jahr-Feier im April 2010 wieder ihrer Verantwortung entziehen. Daraufhin habe sie etliche Gespräche mit Ex-Schülern geführt und dabei erst "das wahre Ausmaß" des Skandals erahnt. Kaufmann geht von mindestens drei Lehrern aus, die sich sexueller Übergriffe schuldig gemacht haben sollen. Von Zeugen habe sie "die Namen von 20 Opfern gehört". Nach "FR"-Recherchen gehen die betroffenen Altschüler von 50 bis 100 Missbrauchsopfern aus.

Die Schule wurde nach eigenen Angaben von Reformpädagogen gegründet und hatte eine Reihe prominenter Schüler, unter ihnen der frühere BDI-Chef Tyll Necker, der Schriftsteller Klaus Mann, der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit und ein Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.

Politiker fordern konsequente Aufklärung

Derweil gerät die katholische Kirche angesichts immer neuer Missbrauchsenthüllungen in Internaten und anderen Einrichtungen immer stärker auch von Seiten der Politik unter Druck. So forderte die bayerische Justizministerin Beate Merk eine konsequente Zusammenarbeit mit der Justiz. "Es gibt Fälle, in denen es nicht so läuft, wie es laufen sollte", sagte die CSU-Politikerin der "Süddeutschen Zeitung". Stelle sich heraus, dass die Kirche der Staatsanwaltschaft bewusst Verdachtsfälle von Kindesmissbrauch verschwiegen habe, dann werde das Verhältnis von Staat und Kirche beschädigt.

"Die Kirche muss jetzt ein klares Signal geben, dass ihr der Schutz der Opfer, das Mitgefühl mit den Kindern, wirklich das Wichtigste ist", forderte Merk. "Dafür muss sie ganz konsequent mit den Staatsanwaltschaften zusammenarbeiten." Es sei für sie unabdingbar, dass die Kirche sofort die Staatsanwaltschaft einschalte, wenn sie Hinweise auf Missbrauch erhalte. Merk forderte zudem, die Verjährungsfristen bei Kindesmissbrauch auf 30 Jahre zu erweitern - die jetzigen Verjährungsfristen seien viel zu kurz.

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles nannte die Missbrauchsdebatte um die katholische Kirche sehr deprimierend. Es sei richtig, dass sich die katholische Bischofskonferenz jetzt entschlossen habe, die Aufklärung der Missbrauchsfälle entschieden voranzutreiben. "Manche Verantwortliche wie zum Beispiel Bischof Ackermann aus meinem Bistum Trier gehen da vorbildlich voran", sagte Nahles der "Super Illu".

In der Vergangenheit habe es viel Vertuschung gegeben - wahrscheinlich bundesweit in allen Bistümern. "Das macht mir besonders deswegen Kummer, weil sexueller Missbrauch irreparable Schäden bei den Opfern verursacht", sagte Nahles. "Deshalb kann der einzige Weg der katholischen Kirche nur sein, rückhaltlos alles aufzuklären, den Opfern zu helfen und jetzt alle Karten auf den Tisch zu legen."

mik/AFP/ddp/dpa
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