Öffnungen für Deutschlands Discos Es darf wieder getanzt werden

In einigen Regionen dürfen Discos und Klubs öffnen. In Niedersachsen wird sogar fast wieder gefeiert wie vor der Pandemie. Wie soll das gut gehen?
Frankfurter Klub vor der Pandemie

Frankfurter Klub vor der Pandemie

Foto: Holger Leue / Getty Images

In den Online-Fotogalerien deutscher Großraumdiskotheken ist die Welt noch in Ordnung. Junge Menschen sitzen vor Eimern mit übergroßen Wodkaflaschen auf Eis, Frauen posieren für Gruppenbilder, Männer gucken nicht mehr ganz geradeaus. Die Bilder stammen aus dem Frühjahr 2020. Es waren die letzten rauschenden Partynächte vor der Coronapandemie.

Nun scheint die dritte Infektionswelle endgültig abzuebben. Die deutschlandweite Sieben-Tage-Inzidenz liegt im einstelligen Bereich, einige Kreise weisen keinen einzigen Infektionsfall mehr auf. Gastronomie und Geschäfte haben längst wieder geöffnet, auch Sportveranstaltungen finden wieder vor Tausenden Zuschauern statt. Das Tanzvergnügen, zumal in geschlossenen Räumen, bleibt jedoch vielerorts verboten. Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn übt im Interview mit dem SPIEGEL scharfe Kritik daran.

Die seit mehr als einem Jahr unterdrückte Partylaune bricht sich nun Bahn. In Freiburg und Augsburg starteten Jugendliche bei sommerlichen Temperaturen zuletzt kurzerhand ihre eigenen innenstädtischen Raves – es kam zu Ausschreitungen mit mehreren Verletzten. Und im Hamburger Stadtpark musste die Polizei am vergangenen Wochenende eine Massenparty mit 4000 Teilnehmern auflösen.

Auch um solche Szenen zu verhindern, will Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) im Norden das Feiern wieder legalisieren. Ab dem 20. Juli soll zunächst in drei Klubs wieder getanzt werden dürfen – ohne Teilnehmerbegrenzung, Masken und Abstand. Die Betreiber müssen dafür bis Anfang Juli umfangreiche Hygiene- und Belüftungskonzepte vorlegen. In drei Kategorien wird dann jeweils ein Betrieb für das wissenschaftlich begleitete Experiment ausgewählt. Man wolle »einer Branche, die als erste dichtmachen musste und als letzte öffnen darf, wieder eine Perspektive geben«, sagt Buchholz. Gleichzeitig müsse man verhindern, dass »das Infektionsgeschehen gerade in der jungen Zielgruppe explodiert«.

Das Vorhaben ist nicht ohne Risiko. Die besonders ansteckende Delta-Variante dürfte nach Einschätzung von Experten in den kommenden Wochen auch in Deutschland die dominierende Form des Coronavirus werden . In Großbritannien und Portugal sorgt die Mutation bereits jetzt für einen deutlichen Anstieg der Neuinfektionen und führt unabhängig vom Alter der Betroffenen zu schwereren Covid-19-Verläufen. Kinder und junge Menschen sind besonders gefährdet, weil sie in der Impfreihenfolge an letzter Stelle stehen. Die aggressivere Variante trifft auf die Bevölkerungsgruppe mit dem schwächsten Impfschutz – und damit auf jene, die es am stärksten zur Partynormalität drängt.

Schnelltests und Masken böten den besten Schutz

Was in Schleswig-Holsteins Discos droht, wenn Delta-Infizierte bei Partys unentdeckt bleiben, umriss zuletzt der Direktor des Max-Planck-Instituts (MPI) für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen, Eberhard Bodenschatz: »Wenn ich einer unmaskierten infizierten Person in 1,5 Meter Abstand ohne Maske gegenübersitze und in die Atemblase komme, liegt mein Ansteckungsrisiko, falls ich noch nicht geimpft bin, schon nach wenigen Minuten bei fast 100 Prozent.«  Mit sauber durchgeführten Schnelltests, die bereits bei geringer Viruslast anschlagen, lässt sich die Ansteckungsgefahr demnach auf 0,3 Prozent drücken. Gen null geht das Risiko jedoch erst, wenn neben Schnelltests auch permanent FFP2-Masken getragen werden. Doch das will man dem Partyvolk nicht zumuten.

Das norddeutsche Modellprojekt sieht daher einen regelrechten Testmarathon vor. Alle Gäste müssen vor Einlass einen Schnelltest vorlegen, der nicht älter als sechs Stunden sein darf. Nach der Feier müssen sich die Teilnehmer binnen zehn Tagen erneut insgesamt viermal schnelltesten lassen. Die Ergebnisse müssen den Discobetreibern übermittelt werden. Halten sich die Klubgänger nicht an die Vorschrift, sollen sie für weitere Veranstaltungen gesperrt werden.

Bei manchen Discochefs sorgen die strikten Regularien für Zweifel. »Wir freuen uns grundsätzlich über den Vorstoß«, sagt etwa Knut Walsleben, Betreiber der Großraumdisco »Fun-Parc« im schleswig-holsteinischen Trittau und Präsident des Fachverbandes BDT. »Aber die Hürden sind hoch.« Sein Verband erwäge derzeit, ein bis zwei Tanzlokale für das Projekt anzumelden. Schwierigkeiten sieht er vor allem für die Betriebe der größten Kategorie mit bis zu 2000 Gästen. Für sie sei der Aufwand mit der nachträglichen Testkontrolle immens.

Längst angefeiert haben hingegen Holger und Klaus Bösch, Betreiber des »Index« in Schüttorf, Deutschlands wohl größter Disco. Die niedersächsische Coronaverordnung und die niedrigen Inzidenzen in der Grafschaft Bentheim nahe der niederländischen Grenze erlauben es, den Partytempel mit insgesamt fünf Dancefloors und etlichen Bars seit Anfang Juni wieder mit halber Auslastung und Maskenpflicht zu betreiben. Nun fallen auch Kapazitätslimit und Maskenpflicht. Holger Bösch zieht nach den ersten Wochenenden ein positives Fazit: »Wirtschaftlich ist der Betrieb für uns auch mit halber Auslastung, aber der Aufwand ist immens.«

Drive-in-Party vor dem »Index« in Schüttauf 2020: »Der Aufwand ist immens«

Drive-in-Party vor dem »Index« in Schüttauf 2020: »Der Aufwand ist immens«

Foto: Hauke-Christian Dittrich / picture alliance/dpa

Jeder Gast, egal ob geimpft oder genesen, braucht unmittelbar vor dem Einlass einen negativen Schnelltest vom Testzentrum auf dem Klubgelände. Drei positive Fälle wurden dabei bislang entdeckt, einer war ein doppelt geimpfter Mann. Der Klub verweigerte den Eintritt – und meldete den Befund dem Gesundheitsamt. Im Innern der Disco tauscht zudem eine spezielle Lüftungsanlage zwölfmal pro Stunde die Luft. Direkt am ersten Öffnungstag tanzten so 1200 Gäste, die Nachfrage nach Tickets ist laut Bösch aktuell fünfmal so hoch. »Das Nadelöhr sind die Tests«, sagt der Betreiber. Die aktuell zehn Spuren im Drive-in-Testbereich vor der Disco geraten schnell an ihre Grenze.

Der Kurs der niedersächsischen Landesregierung löst allerdings nicht überall Begeisterung aus. »Ich bin aktuell noch sehr skeptisch, was die Lockerungen angeht, gerade mit Blick auf die Delta-Variante«, sagt etwa Hendrik Teetz, Betreiber des »Studio 21« aus Buxtehude. Angesichts der niedrigen Inzidenzwerte im Landkreis Stade könnte auch er wieder öffnen. Den Gastronomen trafen die Lockerungen jedoch unerwartet. »Wir haben uns im Februar für einen Umbau mit neuem Konzept entschieden, weil wir nicht an ein schnelles Ende der Coronamaßnahmen geglaubt haben«, sagt Teetz. Von den Öffnungsschritten sei man überrollt worden. Starten könne er frühestens im September – wenn die Inzidenzen dann nicht wieder zu hoch seien.

Andernorts ist man vom fast normalen Klubbetrieb noch weit entfernt. Im benachbarten Nordrhein-Westfalen darf derzeit mit maximal hundert negativ getesteten Personen im Freien gefeiert werden, in Innenräumen soll das Tanzen frühestens Ende August möglich sein.

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Keine »Tanzlustbarkeiten« in Berlin

Und in der Klubhauptstadt Berlin? Dort sind »Tanzlustbarkeiten und ähnliche Unternehmen« in geschlossenen Räumen weiterhin untersagt. Draußen kann mit bis zu 250 schnellgetesteten Menschen gefeiert werden. Baden-Württemberg setzt derweil ebenfalls auf regionale Modellprojekte. Check-in-Apps und Vorher-nachher-Tests kommen zum Einsatz. Stuttgart plant zudem ein Experiment mit Distanztrackern, um Kontakte etwa auf der Tanzfläche nachzuvollziehen. 500.000 Euro soll das kosten.

»Absoluter Quatsch« sei das, sagt Discochef Bösch aus Schüttorf. Und auch dem schleswig-holsteinischen Modell kann er nichts abgewinnen. »Was soll denn da das Ergebnis sein? Die vier Nachtestungen sind schön und gut, aber was macht man, wenn hinterher wirklich einige Leute positiv getestet werden?« Sicherer Infektionsschutz funktioniere nur über solides Testen vor dem Einlass. So will Bösch seinen Klub auch an diesem Wochenende wieder füllen. Es könnten Bilder entstehen wie vor der Pandemie. Mehrere VIP-Lounges, in denen eisgekühlter Wodka auf den Tischen steht, sind bereits ausgebucht.

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