Ökumenischer Kirchentag Papst verurteilt Missbrauch und predigt Hoffnung

Getrübte Stimmung bei der Eröffnung des Ökumenischen Kirchentages: Der Papst verurteilte erstmals den Missbrauch in der katholischen Kirche, Bundespräsident Köhler sprach von verlorenem Vertrauen. Dagegen sorgte Margot Käßmann für Begeisterung - es war ihr erster Auftritt nach dem Rücktritt.

Marienplatz in München: Eröffnungsgottesdienst des größten ökumenischen Treffens
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Marienplatz in München: Eröffnungsgottesdienst des größten ökumenischen Treffens


München - Das Wetter hatte Symbolkraft: Dunkle Wolken hingen beim Start des zweiten Ökumenischen Kirchentages über München. In einer Botschaft an die deutschen Christen verurteilte Papst Benedikt XVI. zum ersten Mal den Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche. In einem Grußwort zur Eröffnung bekannte er: "Es gibt das Unkraut gerade auch mitten in der Kirche und unter denen, die der Herr in besonderer Weise in seinen Dienst genommen hat."

Insgesamt nahmen nach Veranstalterangaben 80.000 Menschen an den drei Eröffnungsgottesdiensten unter freiem Himmel teil. Zu dem weltweit größten ökumenischen Laientreffen werden bis Sonntag rund 700.000 Teilnehmer erwartet. Mit Hinweis auf das Kirchentagsmotto "Damit ihr Hoffnung habt" erklärte der Papst in dem vom Münchner Erzbischof Reinhard Marx verlesenen Grußwort, die Meldungen der letzten Monate hätten die Kirche "als Ort der Hoffnung verdunkelt". Dennoch mahnte der Papst, sich nicht von der Kirche abzuwenden - sie sei ein Ort der Hoffnung.

Bundespräsident Köhler sagte beim Eröffnungsgottesdienst, "Führungsversagen, Missbrauch, Misshandlung" hätten die Kirche in eine schwere Krise geführt: "Viele Gläubige schämen sich, viel Vertrauen ist verlorengegangen." Mit Blick auf die Missbrauchsskandale sprach Köhler von "vielen dunklen Wolken" über der Kirche. Der Bundespräsident forderte Katholiken und Protestanten unter großem Beifall der Menge zu mehr Zusammenarbeit auf und verwies auf die großen Verdienste der Kirchen für eine soziale und humane Welt.

Das größte Christentreffen Europas steht unter dem Bibelwort "Damit ihr Hoffnung habt". Das Programm umfasst rund 3000 Veranstaltungen zu politischen und religiösen Themen. Es werden zahlreiche Bundespolitiker erwartet, am Freitag kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu einem Podium. Der Ökumenische Kirchentag wird von den Laienorganisationen Deutscher Evangelischer Kirchentag (DEKT) und dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken (ZdK) ausgerichtet.

Kein gemeinsames Abendmahl

Aus allen Teilen Deutschlands sind Pilger nach München gereist. Eine der anstrengendsten Anfahrten hatten die Teilnehmer von "Ökumene ins Rollen bringen": Am 2. Mai waren sie mit Fahrrädern in Berlin am Brandenburger Tor gestartet und Hunderte Kilometer bei Wind und Wetter nach München gestrampelt. "Irgendwann merkt man den Allerwertesten nicht mehr", beschreibt die 14 Jahre alte Paula Rosam aus Magdeburg die Strapazen. Doch die Erfahrung ist es ihr wert: "Egal wie das Wetter ist, die Gemeinschaft trägt einen weiter, auch wenn man vor einem hohen Hang steht!"

Die meisten Jugendlichen suchen auf dem Kirchentag vor allem Kontakte und Gespräche mit Gleichaltrigen. Cäcilia Hickl fühlt sich wohl inmitten der singenden und betenden Menschen und steht zur katholischen Kirche, auch wenn viele von einer Krise reden: "Wenn man austritt, kann man nichts verändern", erklärt sie bestimmt. Doch auch die 16-Jährige wünscht sich mehr Offenheit zum Thema Missbrauch: "Eingestehen, dass was falsch gelaufen ist."

Die strittige Frage eines gemeinsamen Abendmahls bleibt eine Trennungslinie zwischen Katholiken und Protestanten. Weil ein gemeinsames Abendmahl wegen der theologischen Unterschiede nicht möglich ist, wird an diesem Freitag eine orthodoxe Vesper gefeiert: An tausend Tischen wird Brot gesegnet und Obst verteilt, dazu gebetet und gesungen. Am Rande des ersten Ökumenischen Kirchentags 2003 in Berlin hatten gemeinsame Abendmahlsfeiern zu Schlagzeilen geführt. Erzbischof Marx betonte vor diesem Hintergrund, dass bei dem Münchner Treffen die Regeln der jeweiligen Kirchen beachtet und gegenseitig respektiert werden müssten.

Käßmann begeistert mit einer Buchvorstellung

Bei ihrem ersten Auftritt nach dem Rücktritt von ihren kirchlichen Ämtern hat Margot Käßmann am Mittwoch in München für Begeisterung gesorgt. Wenige Stunden vor Eröffnung des zweiten Ökumenischen Kirchentages (ÖKT) in München stellte Käßmann in einer Buchhandlung in der Innenstadt ihr neues Buch "Das große Du - Das Vaterunser" vor.

Mehrere hundert Käßmann-Fans und Reporter drängten sich auf der kleinen Fläche in der Buchhandlung. Als die ehemalige Bischöfin erscheint, wird sie mit Applaus empfangen. Es ist ihr erster öffentlicher Auftritt nachdem sie wegen einer Alkoholfahrt von ihrem Bischofsamt und als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) zurückgetreten war.

lgr/dpa/ddp/AP



insgesamt 386 Beiträge
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Seite 1
Antaris, 12.05.2010
1. Fatima, nicht München.
Sie wissen schon, dass der Papst zur Zeit in Fatima (Portugal) ist und heute abend dort eine wundervolle Vesper mit Priestern, Ordenleuten, Seminaristen und anderen gottgeweihten Personen gefeiert hat? Wer die Überschriften liest, muss aber annehmen, dass der Papst beim ökumenischen Trubel in München mitmischt. Das tut er dankenswerter Weise nicht. ;)))))
kyon 12.05.2010
2. Religioese Deformation
Zitat von sysopGetrübte Stimmung bei der Eröffnung des Ökumenischen Kirchentages: Der Papst verurteilte erstmals den Missbrauch in der katholischen Kirche, Bundespräsident Köhler sprach von verlorenem Vertrauen. Dagegen sorgte Margot Käßmann für Begeisterung - es war ihr erster Auftritt nach dem Rücktritt. http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,694638,00.html
Die sich selbst Christen nennenden Teilnehmer des Kirchentages sollten sich schaemen, dass sie nicht faehig sind, ein gemeinsames Abendmahl zu feiern! Jesus von Nazareth haette niemanden vom Tisch verwiesen, sondern jeder Mensch, der sich hingezogen fuehlte, waere herzlich willkommen gewesen! Diese "Christen" stehen nicht in der Nachfolge Jesu , sondern sind durch die kirchlichen Organisationen religioes deformiert!
dramaticmoments 13.05.2010
3. .
Zitat von AntarisSie wissen schon, dass der Papst zur Zeit in Fatima (Portugal) ist und heute abend dort eine wundervolle Vesper mit Priestern, Ordenleuten, Seminaristen und anderen gottgeweihten Personen gefeiert hat? Wer die Überschriften liest, muss aber annehmen, dass der Papst beim ökumenischen Trubel in München mitmischt. Das tut er dankenswerter Weise nicht. ;)))))
Wer nicht nur die Überschriften liest, sondern auch den Text, muss annehmen, dass es sich bei den Worten des Papstes um eine Grußbotschaft handelte, die von Erzbischof Marx verlesen wurde. Wie gehabt lernen wir auch hier wieder einmal, dass es nicht die jahrzehntelang und tausendfach ausgeübten Verbrechen der klerikalen Sexualstraftäter waren, die die Kirche "als Ort der Hoffnung verdunkelt" haben, sondern *die Meldungen der letzten Monate*. "Die Meldungen der letzten Monate" sind das handelnde Subjekt in diesem Satz. Die Taten sind also kein Problem, das "belanglose Geschwätz" darüber ist eines. Ließ der Papst ausrichten.
dramaticmoments 13.05.2010
4. Irrtum
Zitat von kyonDie sich selbst Christen nennenden Teilnehmer des Kirchentages sollten sich schaemen, dass sie nicht faehig sind, ein gemeinsames Abendmahl zu feiern! Jesus von Nazareth haette niemanden vom Tisch verwiesen, sondern jeder Mensch, der sich hingezogen fuehlte, waere herzlich willkommen gewesen! Diese "Christen" stehen nicht in der Nachfolge Jesu , sondern sind durch die kirchlichen Organisationen religioes deformiert!
Die Teilnehmer des Kirchentages sind dazu sehr wohl fähig und wünschen sich nichts sehnlicher als das. Wer nicht dazu fähig ist, sind die katholischen Kleriker vom Bischof an aufwärts. Lesen Sie bitte noch einmal nach, wie es dem "einfachen Kleriker" Gotthold Hasenhüttl (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,694457,00.html) ergangen ist, der ein gemeinsames Abendmahl mit den Evangelischen gefeiert hat.
dramaticmoments 13.05.2010
5. Damit Ihr Hoffnung habt
---Zitat--- Egal wie das Wetter ist, die Gemeinschaft trägt einen weiter, auch wenn man vor einem hohen Hang steht! ---Zitatende--- Mit diesen Worten wird eine 14-jährige Teilnehmerin des Kirchentags im SPIEGEL-Artikel (http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,694638,00.html) zitiert. Eine besorgniserregende Äusserung, finde ich. Denn übersetzt heißt das ja, dass sie mit ihren 14 Jahren immer noch nicht imstande ist, auf ihren Laufwerkzeugen zu stehen und sich ohne fremde Hilfe mit ihnen fortzubewegen. Sie muss getragen werden. Menschen hingegen, die das Laufen bereits gelernt haben, werden das Gedicht zum Tag (http://giordanobrunostiftung.wordpress.com/2010/05/13/christi-hollenfahrt/) goutieren. Intranet statt Internet. Und: "Wie du quälst, ist wirklich toll."
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