Offenbarung eines Depressiven Nackt im Eiswasser

Er trug selbst in dunklen Räumen eine Sonnenbrille und aß mit Stöpseln in den Ohren, weil er das Klappern des Bestecks nicht ertrug: SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Hendrik Steinkuhl quälten jahrelang schwere Depressionen - bis ein Arzt das richtige Medikament fand. Bericht von einer Rückkehr ins Leben.
SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Steinkuhl: Als alle Farbe aus meinem Leben verschwand

SPIEGEL-ONLINE-Mitarbeiter Steinkuhl: Als alle Farbe aus meinem Leben verschwand

Foto: Jette Golz

Robert Enke

Ich habe einmal live gesehen, er spielte beinahe vollendet. Diese Reflexe, diese enorme Konzentration, aber vor allem: Wie er nach einem Gegentor sofort aufstand und völlig unaffektiert seine Mitspieler aufbaute.

Gern hätte ich das Spiel genossen, aber irgendwann wollte ich nur noch weg. Ich dachte, es ginge mir wieder besser. Dann stand ich in der Halbzeitpause Schulter an Schulter mit den Fans vor der Pinkelrinne, und diese körperliche Nähe, die mich früher nicht kümmerte, brachte mich fast um den Verstand.

Depression

Als ich hinter dem Stadion von Hannover 96 verzweifelt einen Baum und etwas Ruhe suchte, litt ich bereits seit zwei Monaten an einer schweren . Bis ich endlich das richtige Medikament fand, sollte es noch über zwei Jahre dauern. In dieser Zeit war mein Leben nichts als Kampf. Wenn ich auch nie geplant habe, mich umzubringen, weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn man einfach nicht mehr sein will.

Robert Enkes Depressionen waren von anderer Art als meine. Wir bekamen, um mit C. G. Jung zu sprechen, Besuch von derselben Dame in Schwarz. Doch während die Dame bei mir monatelang und für jeden sensiblen Beobachter sichtbar hauste, aber auch wieder auszog, besuchte sie Robert Enke wohl über Jahre hinweg immer wieder, und das weitgehend unerkannt für andere Menschen.

Verheerende Mischung

"Dysthymie" heißt diese Form der Krankheit, Robert Enkes Arzt benutzte den vielleicht inzwischen überholten Begriff "neurotische Depression". Wegen ihrer Dauer, und weil sie so schwer als klinische Melancholie auszumachen ist, halten manche Experten die Dysthymie für gefährlicher als die klassische Depression. Robert Enkes Selbstmord ist dafür der traurige Beleg.

Ob dysthym oder "normal" depressiv - die meisten Menschen, die unter Depressionen leiden, verbindet eine verheerende Mischung aus genetischer Vorbelastung, Kindheitstraumata und potentiell selbstschädigenden Eigenschaften: Perfektionismus, Neigung zu übertriebener Selbstkritik und sicher auch die fehlende Fähigkeit zu vergessen.

Ich bringe die meisten dieser negativen Vorzeichen mit. Sie alleine hätten mich noch nicht krank gemacht. Doch die ungünstige Mischung bekam ausreichend Nahrung, um mich von innen zu zerfressen, als mich mein Leben vor dreieinhalb Jahren heillos überforderte. Eine Verwandte starb, meine Beziehung zerbrach, Geschwister erkrankten, Freunde litten, alles innerhalb weniger Wochen, und ich stand hilflos daneben.

Bei mir in Behandlung

Ich wusste, was Depressionen sind. Als erst alle Farbe aus meinem Leben verschwand, und ich dann jede Nacht gegen drei mit Todesangst aufwachte, ahnte ich, dass es mich erwischt hatte. Ich ließ mich an einen Psychiater überweisen, der mir ein Antidepressivum verschrieb. Ich hatte auch einige Stunden Therapie. Aber nachdem ich meine Therapeutin, die im Rollstuhl saß, eine Stunde lang über ihre Krankheit ausgefragt hatte, sprach sie in den kommenden Sitzungen ausschließlich über sich. Ich brach ab und ging bei mir selbst in Behandlung.

Weil mir die Kraft zum Joggen fehlte, machte ich Spaziergänge und befragte mich an den besseren Tagen, wie ich in dieses Loch gerutscht war. Mehr als alles andere half mir das Buch "Das heimatlose Ich" von Holger Reiners, der selbst 20 Jahre lang depressiv war.

"Eine schwere Depression ist nicht nur eine vorübergehende Zäsur", schreibt er, "sie markiert das Ende des bisher gelebten Lebens, ohne auch nur die Konturen eines neuen anzubieten." Durch Reiners wurde mir klar, dass ich mich von Illusionen verabschieden musste. Es gibt Menschen, denen ich nicht helfen kann, es gibt Beziehungen, die nicht mehr zu retten sind. Jede schwere Depression hat ihre typischen Charakteristika: die Gefühlsverödung, die Antriebshemmung oder den Verarmungswahn. Trotzdem ist jeder anders depressiv.

Ich trug Ohrenstöpsel, weil ich das Besteckklappern nicht ertrug

Ich kenne zum Beispiel niemanden, der wie ich unter einer so starken Reizoffenheit gelitten hat. Selbst in abgedunkelten Räumen trug ich Sonnenbrille, beim Essen mit meiner Familie benutzte ich Ohrenstöpsel, weil ich das Besteckklappern nicht ertrug. Nach drei Monaten reiner Schwermut ging es mir langsam besser.

Plötzlich bekam ich von meiner eingeschalteten Zimmerlampe keine Kopfschmerzen mehr, ich hatte Lust auf Falco und hörte nicht mehr den ganzen Tag Nick Cave. Nach einem halben Jahr fühlte ich mich stabil und setzte das Medikament ab. Viel zu früh.

Ich rutschte zurück in die Depression, und wie bei den meisten verlief dieser Prozess so schleichend, dass ich es nicht merkte. Es ist, als ob die Körpertemperatur jeden Tag um ein Zehntel Grad sinkt, und irgendwann wacht man auf, steht nackt im Eiswasser und hat keine Ahnung, wie man da hingekommen ist.

Dunkelheit, Schmerzen und das Warten auf Nacht

Meine neue Depression hatte mit der alten nur noch den Namen gemein. Es gab keine Spaziergänge es gab kein Denken mehr, es gab nur noch Dunkelheit, Schmerzen und das Warten auf die Nacht, in der ich endlich schlafen konnte und ein paar Stunden Ruhe vor mir selbst hatte.

Freunde beklagten sich: Wenn es mir schlecht gehe, solle ich doch anrufen und mit ihnen über meine Probleme sprechen. Doch solche Probleme hatte ich nicht. Konflikte und Überforderungen führen zwar in die Depression, dann aber wird man von einem autonomen System regiert, das einem jede Sekunde die totale Sinnlosigkeit jeglichen Seins und Handelns erklärt.

Ab einer gewissen Schwere der Depression geht es dann nur noch um eines: überleben. Die einzige, die ich immer ertrug, war die wundervolle Anne. Sie hat sofort verstanden, dass sie nichts tun konnte, außer da zu sein. Und das war sie, obwohl ich mich in der ersten Depression von ihr getrennt hatte.

Die Ärzte haben versagt

Meine Ärzte haben mit einer Ausnahme komplett versagt. Der erste unterschätzte meine Depression völlig und verschrieb mir dann ein falsches Medikament, weil er mich mit einem anderen Patienten verwechselte.

Der nächste verweigerte mir ein modernes, aber gängiges Antidepressivum, weil es ihm zu teuer war.

Der renommierte Chefarzt einer Privatklinik schließlich sah bei mir keinerlei Ansatz für eine Gesprächstherapie und sagte, ich könne mich sowieso "auf Rückschläge noch und nöcher" gefasst machen.

Ich bin keine Ausnahme, die ärztliche Versorgung von Depressiven in Deutschland ist eine Katastrophe. Ich weiß von Psychiatern, die die erfolgreichen modernen Medikamente nicht einmal kennen, und es gibt immer noch zahlreiche Kliniken, die Depressive aus reiner Bequemlichkeit mit Tranquilizern ruhigstellen.

Ich hatte Glück, dass ich irgendwann einen Arzt fand, der mich ernst nahm. Aus reiner Notwehr hatte ich so viel über die Behandlung von Depressionen gelesen, dass ich für jeden anderen Psychiater eine Bedrohung war. Mein neuer Arzt hatte keine Allüren, mit ihm konnte ich offen über meine Medikation diskutieren.

Tagelanges Erbrechen

Wir probierten alles aus: Trevilor, Reboxetin, Abilify, Cipralex, ich hatte unzählige Nebenwirkungen, von tagelangem Erbrechen bis hin zu dem Gefühl, Elektroschocks zu bekommen. Am Ende half mir Lamotrigin, das ursprünglich für Epileptiker entwickelt wurde. Nachdem ich es drei Wochen lang genommen hatte, konnte ich endlich wieder arbeiten; wenn auch nur vier bis fünf Stunden täglich und unter enormer Anstrengung.

Im Vergleich zu den vergangenen drei Jahren geht es mir heute gut. Die Depression ist weg, allerdings leide ich noch an Restsymptomen wie Konzentrationsstörungen oder schneller Ermüdung. Andere Menschen, selbst die, die mich gut kennen, merken davon nichts. Natürlich hadere ich manchmal damit, dass mir die Krankheit drei Jahre meines Lebens geklaut hat.

Es gab zwar auch helle Stunden, die ich dann meist wie besessen zum Schreiben ausgebeutet habe; mit Leben hatte das alles aber nichts zu tun. Trotzdem klingt die Rede von der "Krankheit als Chance" für mich nicht nach Phrase. Ich habe viel gelernt - auch, Entscheidungen nicht mehr zu zergrübeln.

Als ich gefragt wurde, ob ich über meine Depression schreiben wolle, habe ich sofort zugesagt. Es gelingt mir allerdings nicht, Robert Enkes Selbstmord irgendetwas Gutes abzugewinnen, auch wenn durch ihn viele endlich verstanden haben, dass die Depression eine tödliche Krankheit sein kann .

Ich war selbst Torwart, ich habe Robert Enke schon mit 14 bewundert und tue es bis heute. Dass er tot ist, habe ich noch nicht ganz begriffen. Und wenn ich es tue, wird er mir furchtbar fehlen.

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.