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Oktoberfest Tag zwei: Der Trachten- und Schützenzug

Foto: Alexander Hassenstein/ Getty Images

Wiesn-Blog Dank Maß-Pass zum Fest-Ass

Von Laura Kaufmann

Vom Weinzelt-Balkon segelt ein rotes Einlassbändchen und landet beinah in meiner Flechtfrisur. Ein Trachtler neben mir sammelt es schnell vom Boden auf, bevor ihn der Security erwischt. Das Zelt ist dicht, vor den Eingängen drängeln sich die Wartenden. Aber mit dem Bändchen von seinem Kumpel kann der Mann jetzt durch den Reservierungseingang spazieren. Geschickt.

In ist, wer drin ist - und rein zu kommen, das ist für das gemeine Fußvolk, das sich stöhnend vor den Zelteingängen quetscht, nicht leicht. "Ich bin hier mit einer Frau in Ehekrise unterwegs, die hat da drin einiges vor", schnappe ich im Vorbeigehen auf. Immerhin kreativ. Die meisten leiern den Security mit "Meine Freunde sind schon drin und haben einen Tisch" voll, auch beliebt ist die "Ich war schon drin und hab meine Jacke/Tasche vergessen, ich muss nur ganz kurz rein!"-Nummer.

Ich schaue meistens, dass ich vorne am Eingang stehe, mit Blickkontakt zum Security. Dann: Geduld. Neben mir betteln und flehen, schieben und drängeln die Leute, der Mann an der Tür wird immer genervter. Ich werfe ihm einen verständnisvollen Blick zu. Noch einen. Irgendwann signalisiere ich ihm, dass ich allein da bin - und irgendwann winkt er mich rein. Wirklich, meistens funktioniert das. Blöde Sprüche hört der Mann den ganzen Tag. Zugegeben, als Frau ist das einfacher. Dafür hören wir Frauen auf der Wiesn auch genügend blöde Sprüche.

Ein paar Fanatiker vom Hackerzelt

"Wir sind gaaanz allein!", plärren mir wie auf Kommando ein paar Typen mit FC-Bayern-Kniestrümpfen ins Ohr, aber da kann ich leider nicht weiterhelfen, ich bin unterwegs zum Hackerzelt.

Es gibt Leute, die gehen auf die Wiesn. Und es gibt Leute, die sind einfach da. Immer. Man kann's auch übertreiben, und viele machen das leidenschaftlich. In solchen Fanatikerkreisen ist, was Wiesn-Besuche angeht, nur die Rede von "Fehltagen". Und Fehltage, die sind eigentlich nur in einem schweren Fall von Wiesn-Grippe akzeptabel. Eine Krankheit, die Ende September bis Anfang Oktober in der Stadt grassiert und mit einem gewissen Heldenstolz vor sich hergetragen wird.

Ein paar Fanatiker vom Hackerzelt kenne ich. Was schön ist, denn selbst ohne Verabredung weiß ich: Ich kann da reingehen und treffe fast immer jemanden, mit dem sich nett eine Maß trinken lässt. Liebhaber nennen das Zelt "Himmel der Bayern", wegen seiner Wolken-Sterne-Deko an der Decke, und gerade jüngere Leute feiern hier gern.

Jedes Zelt hat, wie sonst Bars oder Klubs, ein Stammpublikum. Im Hacker und im Schottenhamel feiern die Jungen. Die Jungen, die noch dazu reich und schön sind oder sich dafür halten, sind im Schützenzelt. Gesetzter geht's im Armbrustschützen-Zelt zu oder in der Ochsenbraterei, traditionell im Augustiner oder Löwenbräu, die Adabeis lassen sich im Käfer und im Weinzelt ablichten.

Dann, irgendwann, kennt einen der Wirt

Stammgast zu werden ist ein hartes Stück Arbeit. Die Hacker-Fanatiker hocken das ganze Jahr schon im Gasthaus des Wiesn-Wirts und versaufen da ihr Einkommen, und in einigen Fällen haben es ihre Eltern schon so gehalten. Dann, irgendwann, kennt einen der Wirt. Man bekommt vielleicht am Mittag einen Tisch im Zelt, irgendwann wird eine Abendreservierung daraus, und so weiter. Für ihre treuesten Freunde haben viele Wirte Einlasskarten, mit denen die Stammgäste auch bei Überfüllung ein- und ausgehen können. So eine Karte macht jeden Durchschnittslangweiler für 16 Tage zum heißbegehrten Typen: Viele Karten zählen auch für eine Begleitperson.

Neulich sah ich an einem Firmentisch einen Mann mittleren Alters sitzen, der eine goldene Uhr am Handgelenk trug. "Weinzelt" stand auf dem Ziffernblatt. Manche Zelte haben ein Merchandising-Sortiment, das einem Bundesligaverein Konkurrenz machen könnte, aber die Uhr kannte ich noch nicht. Er hatte sie als treuer Stammgast von einem Kellner des Weinzelts bekommen, als kleines Dankeschön sozusagen. Das muss man sich mal geben, dass die Kellner ihren Gästen Geschenke machen. Dem gemeinen Fußvolk passiert so etwas nicht. Die Wiesn als Volksfest zu bezeichnen, das ist in etwa so wie eine Schweinshaxe eine kleine Zwischenmahlzeit zu nennen.

Als ich kurz vor Schluss nach meiner Maß mit den Fanatikern (Fehltage bisher: 0) aus dem Hackerzelt spaziere, ist es immer noch wegen Überfüllung geschlossen. Ganz vorne an der Tür klebt ein verzweifelt schluchzendes Mädchen, die Wangen schwarz vor Wimperntusche. Vielleicht hat sie wirklich nur ihre Tasche drinnen vergessen.

Zur Autorin
Foto: Laura Kaufmann/SPIEGEL ONLINE

Laura Kaufmann, Jahrgang 1984 und gebürtige Münchnerin, wurde schon im Kinderwagen über das Festgelände geschoben. Jedes Jahr nimmt sie sich vor, nur gelegentlich privat auf die Wiesn zu gehen. Und jedes Jahr scheitert sie wieder an diesem Vorsatz.

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