Wüsten-Wiesn »Feiern und sich hemmungslos betrinken – eine deutsche Kernkompetenz«

Ein Oktoberfest in Dubai – geht das? Die Stadt München zieht dagegen vor Gericht. Elmar Wiesenmüller spielt Wiesn-Musik in aller Welt. Er weiß, wie sich das Volksfest im Ausland anfühlt.
Ein Interview von Laura Binder
Oktoberfest in München (2016): »Ein Hygienekonzept mit Betrunkenen ist nicht möglich«

Oktoberfest in München (2016): »Ein Hygienekonzept mit Betrunkenen ist nicht möglich«

Foto: Andreas Gebert / picture alliance/dpa

O'zapft is? In diesem Jahr wird der Münchner Oberbürgermeister zum zweiten Mal auf diesen Ausruf verzichten müssen. Das Oktoberfest ist, wie auch 2020, coronabedingt abgesagt. Dafür soll etwa 4500 Kilometer Luftlinie entfernt das Bier sprudeln – in der arabischen Metropole Dubai.

Die Veranstalter der Wüsten-Wiesn wollen am 7. Oktober starten. Das Fest soll ein halbes Jahr lang dauern. Gefeiert werden soll in über 30 Festzelten und auf 400.000 Quadratmetern. Die Stadt München ist deshalb vor Gericht gegangen. Denn die Macher des Oktoberfests in Dubai werben mit dem Slogan »Oktoberfest goes Dubai« und Bildern des Münchner Originals. Das erwecke den Eindruck, die Veranstaltung ziehe in die Arabischen Emirate um, teilte das Gericht mit und verbot die entsprechende Werbung per einstweiliger Verfügung.

Ist das Oktoberfest in Dubai nun eine Kopie oder ein ganz anderes Event? Ein Anruf bei jemandem, der sich mit Oktoberfesten im Ausland auskennt: Elmar Wiesenmüller. Er trage das Wort »Wiesen« zwar im Namen, sagt er, doch stamme er aus dem Ruhrgebiet und lebe in Essen. Mit seiner Partyband »Bergvagabunden « feierte Wiesenmüller bereits Oktoberfeste in Frankreich, den USA und an der Küste Italiens.

Zur Person
Foto: Viola Schmitz

Elmar Wiesenmüller, 52, gründete vor 15 Jahren die Partyband »Bergvagabunden«. Die Besetzung ist nicht immer gleich, rund ein Dutzend freie Musiker und Musikerinnen treten für ihn auf – als Trio, Quartett oder Quintett. Nur der Anspruch ist derselbe: Feierlaune und Schlagerstimmung in deutscher Trinkmanier.

SPIEGEL: Herr Wiesenmüller, kann das Oktoberfest in Dubai gefeiert werden, als wäre man in München?

Elmar Wiesenmüller: Es ist nicht nur die Theresienwiese, die ein besonderes Flair hat. Hinzu kommt: Die ganze Stadt München ist in Partylaune. Überall wird in Trachten gefeiert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in Dubai so sein wird. Das Bedürfnis der deutschen Oktoberfestliebhaber geht auch zu mehr Brauchtum. Es gibt die »Oide Wiesn«, ein Zelt, in dem nur traditionell bayerische Musik gespielt wird. Oktoberfeste im Ausland sind oft das Gegenteil davon, eher etwas trashig und klischeehaft. Stichwort: Ententanz und »Highway to Hell«.

SPIEGEL: Sie treten mit Ihrer Partyband oft im Ausland auf. Sind Sie auch in Dubai dabei?

Wiesenmüller: Wir haben bisher keine Anfrage bekommen und würden sie auch ablehnen. Ich kriege Bauchschmerzen bei dem Gedanken. Der Hauptgrund für die Absage in München ist nicht, dass die Bayern keine Lust haben zu feiern. Wir haben zwar langsam wieder Inzidenzen, die das erlauben könnten, aber selbst wir privilegierten Europäer können solche Großveranstaltungen aktuell nicht verantworten. Wir sollten nicht Menschen aus aller Welt zum Reisen animieren. Und ein Hygienekonzept mit Betrunkenen ist nicht möglich. Auch die ganze Logistik, das ganze Zeug, das hingekarrt werden muss, passt meiner Meinung nach nicht in unsere Zeit.

SPIEGEL: Die Veranstalter werben mit dem Satz »Wenn Tradition auf Superlative trifft«. Ist es das, was die Menschen wollen?

Wiesenmüller: Ich glaube nicht, dass man das Oktoberfest in München noch überbieten muss. Wir haben schon für eine Handvoll Leute auf einer Jacht vor Portofino in Italien ein Oktoberfest gespielt. Den Menschen geht es vor allem um gute Stimmung. Im Ausland versteht man alles, was bayerisch ist, als deutsch. Egal ob wir in Frankreich oder den USA auftreten: Die Leute wollen feiern und sich hemmungslos betrinken. Eine deutsche Kernkompetenz. In diesen Tagen findet so etwas Anklang, weil bei vielen Partytouristen die Feierlaune wohl größer ist als die Vernunft. Und die Veranstalter wollen und sollen Geld verdienen.

SPIEGEL: Was fasziniert Sie als Ruhrgebietler am Oktoberfest?

Wiesenmüller: Das Oktoberfest ist das Volksfest Nummer eins, ein internationaler Schmelztiegel für Bierfreunde. Es ist in der ganzen Welt bekannt. Ich bin zwar nicht aus Bayern, aber ich halte das Fest für eine wunderbare Gelegenheit, um mit Menschen aus allen möglichen Ländern in ungezwungener Atmosphäre zu feiern. Wir können so eine Seite von Deutschland zeigen, die dem vom Faschismus geprägten Bild im Ausland entgegenwirkt. Das ist etwas viel Pathos, aber genau das fasziniert mich.

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