Abgesang auf die Wiesn Der Alltag kommt, der Wahnsinn geht

Von Laura Kaufmann

Als wären noch nicht genug flennende Frauen über die Festwiese gerannt, haben jetzt auch gestandene Männer Tränen in den Augen. Nur weil die Wiesn ein Ende nimmt, ehrlich, man kann's auch übertreiben.

Um beim Finale, wenn Wunderkerzen das Zelt erleuchten, nicht loszuheulen, empfiehlt es sich, das letzte Wochenende nochmal mitten im Auge des Sturms zu verbringen. Das schützt vor Rührseligkeiten, die am letzten Abend beim ein oder anderen Fanatiker aufkommen können.

Ein bisschen Wehmut schwingt immer mit, wenn die letzten Klänge der Blaskapelle verstummen. Weil nicht nur die Wiesn endet, sondern endgültig auch die unbeschwerte Sommerzeit. Es stehen dunkle, verregnete Herbstwochen an und lange nichts im Kalender, bis Weihnachten.

Trauer und Trost auf der Wiesn

Trauer und Trost auf der Wiesn

Foto: Marc Müller/ picture alliance / dpa

Diese Spielstadt für Erwachsene hat München auf eine überschaubare Größe zusammengeschrumpft. Zu einem Ferienlager, in dem sich 16 Tage lang alles Leben abspielt, wo gegessen und getrunken wird, gefeiert und geliebt. Wo alle von einem gemeinsamen Nenner geeint werden: Platz finden und Bier trinken, bummeln und Spaß haben.

Wenn gleich die Zelte abgebaut werden, geht es nach Hause in die Realität. Wo der Kühlschrank wartet, der abgetaut werden muss, die Steuererklärung, die gemacht werden muss, und was immer sonst noch bis nach der Wiesn aufgeschoben wurde. Einlasskarten werden wieder zu einem wertlosem Stück Plastik, die Dirndl und Lederhosen hängen hinten im Schrank. Am Montag setzt nach 16 Tagen Dauerrausch der kollektive Kater ein.

Ich habe in den letzten Tagen mehr Leute aus aller Welt kennen gelernt als auf einer Backpacker-Reise durch Südostasien. Allein heute den Mann von den Fidschis, der für fünf Tage von "der besten Party der Welt" eine 24-Stunden-Flugreise auf sich genommen hat oder auch nur die Mädels aus Frankfurt, die 500 Euro pro Nase für eine Reservierung im Zelt gelöhnt haben.

Im Endspurt nach oben

Das verlängerte Wochenende stopft die Straßen auf der Festwiese wie Garn das Brandloch in der Schürze. Vorwärts geht's nur in Trippelschritten. Schon morgens haben sich Menschentrauben um die Eingänge der beliebtesten Zelte gebildet. Je später der Abend, desto fertiger die Leute, die in den Festhallen die Songs mitlallen, sie trinken seit dem Vormittag. Nüchterne Wiesngänger schwappen auf die Theresienwiese, betrunkene Wiesngänger schwappen von der Theresienwiese. Im Endspurt schaukelt sich das Fest noch einmal hoch. Und wer hier mitschaukelt, der kann den Wahnsinn am Sonntag ruhigen Gewissens verabschieden.

Hinter mir grantelt ein Mann auf der Bierbank, weil er nicht genug Platz zum Sitzen hat mit seinem Hintern. Meine Maß ist getrunken, und ich stehe auf, ich habe Hunger. Der Hintern füllt auch zwei Bierbänke.

Fünf verspeiste Hendl gehen auf mein Konto, plus eine Hendl-Schnitzel-Semmel. Besser waren die zwei Sherry-Matjes-Semmeln, nicht schlecht auch der Sauerbraten. Ich habe Schupfnudeln und Schoko-Erdbeeren gegessen, gebrannte Mandeln und Mandeln mit Schokolade; ja, ich habe jetzt alles gegessen, was ich auf der Wiesn essen will, mehrmals. Ich sehne mich nach einer guten Pasta. Oder einem griechischen Vorspeisenteller.

Deswegen ist es an der Zeit, dass es vorbeigeht. Dass der abendliche Treffpunkt nicht mehr Hacker oder Hofbräu heißt sondern Grieche oder Italiener, Kneipe oder Bar. Ins Kino könnte man gehen, oder ins Theater. Auf den Kater folgt eine Neuorientierung, im Kleiderschrank und in der Freizeitgestaltung. Die Stadt weitet sich wieder.

Noch stehe ich am Café-Stand, der für den nächsten Tag geputzt wird, die Fahrgeschäfte sind schon dicht. Der Chef im Trachtenjanker hat die Reste auf den Verkaufstresen gestellt; Brezn, Zwetschgendatschi, Schoko-Croissants. Dankbare Betrunkene greifen zu und versüßen sich den Heimweg.

Der Chef selbst mischt Zucker und Schlagsahne in einer Espressotasse und löffelt zufrieden, "ich mag des siaße Zeigl". Am Mandlstand lehnt eine schwankende junge Frau, die sich arg konzentriert, um mit der Hand noch die Popcorn-Tüte zu finden und dann den Mund, die Hälfte des Popcorns geht auf dem Weg verloren. Ich bin mir sicher, sie wird irgendwie erleichtert sein, wenn sie die Wiesn überstanden hat. Vielleicht ist das heute ihr letzter Abend.

Ich werde da sein am Sonntag, wenn es zu Ende geht. Eine Wunderkerze in der Hand, um der Wiesn ein letztes Gute-Nacht-Lied zu singen wie einem Kind, das endlich schlafen soll. Erst wenn die Wiesn ruht, laufe ich nach Hause.

Das Ende des Wahnsinns - bis zum nächsten Mal

Das Ende des Wahnsinns - bis zum nächsten Mal

Foto: Marc Müller/ picture alliance / dpa

Ja, ich laufe. Mein Fahrrad, das haben sie mir am letzten Wochenende noch geklaut. Scheiß drauf, wurscht, Zeit, dass wieder Alltag einkehrt in der Stadt. Der Wahnsinn, der kommt früh genug wieder. Zur nächsten Wiesn.

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