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Suche nach Wiesn-Wirt: Der Kampf ums Hippodrom

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Wahl des neuen Wiesnwirts Sie nennen ihn nur Kiosk-Betreiber

Das Promi-Zelt Hippodrom ist Geschichte, jetzt kommt der Marstall der neuen Wiesnwirte Siegfried und Sabine Able. Die Platzhirsche des Oktoberfests wundern sich über die Entscheidung: Nehmen sie das Paar in ihren erlauchten Zirkel auf?

Die Sitzung im kleinen Saal des Münchner Rathauses wollte kein Ende nehmen. Drei Stunden debattierten die Mitglieder des Wirtschaftsausschusses über die Zukunft des Promi-Zelts Hippodrom auf dem Oktoberfest. Vor den verschlossenen Türen mit der Aufschrift "nichtöffentliche Sitzung" warteten zwei aufgebrachte Bürgerinnen auf die Entscheidung. "Das Hippodrom darf nicht sterben", lautete die Botschaft ihrer Online-Petition , die fast 7000 Menschen unterzeichnet haben. "Es darf nicht sein, dass eine jahrhundertelange Tradition von Bürokraten ausgelöscht wird", hatten die beiden Frauen den Stadtratsmitgliedern auf ihrem Weg in den Sitzungssaal noch hinterhergerufen.

Doch am Ende blieben ihre Stimmen ungehört. Der Stadtrat folgte dem Votum aus der Verwaltung: Der Wirt des Hippodrom, Sepp Krätz, bekommt nach einer Verurteilung wegen Steuerhinterziehung keine Zulassung für das nächste Oktoberfest. Damit verschwindet sein Zelt von der Wiesn. Am Haupteingang soll künftig der "Marstall" stehen, das Zelt der neuen Wiesnwirte Siegfried und Sabine Able.

Erstmals seit fast zwei Jahrzehnten gibt es damit auf dem Münchner Oktoberfest einen Wechsel in der Riege der alteingesessenen Wiesnwirte. "Ich kann mich nicht erinnern, dass es je so eine heftige Diskussion um die Vergabe der Zelte gegeben hat", sagte der designierte Oberbürgermeister Dieter Reiter direkt nach der Sitzung. Auch im neuen Zelt werde es Musik, Bier und Tanz geben, entgegnete er den jammernden Unterschriftensammlerinnen. Dass aus dem Hippodrom nun ein Marstall werde, sei keine "Revolution", sondern allenfalls eine "Evolution".

Kritische Nachfragen gab es allerdings auch aus den Reihen der Stadträte. Das Bewertungssystem, mit dem das Münchner Amt für Wirtschaft und Arbeit über die Zulassung zum Oktoberfest entscheidet, gehört zu den bestgehütetsten Geheimnissen der Stadt. 20 Kandidaten hatten sich in diesem Jahr für die insgesamt fünf Zeltplätze beworben, die jedes Jahr an freie Wirte vergeben werden. Eine Rangliste, in der die Bewerber in Kategorien wie "Volksfesterfahrung des Wirts", "Anziehungskraft" oder "technische Ausstattung" des Zeltes mit Punkten bewertet werden, entscheidet über die Platzvergabe.

"Der Able muss auf uns zukommen"

In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten belegten immer dieselben fünf Wirte die vorderen fünf Plätze. Doch in diesem Jahr gelang dem Ehepaar Able ein kometenhafter Aufstieg bis auf Platz zwei der Rangliste. Das machte auch einige Mitglieder des Stadtrats skeptisch, die dieses Ergebnis nun abnicken mussten. "Die Gerüchte, dass die Verwaltung sachfremd entschieden hat, konnte ich gegenüber dem Stadtrat alle ausräumen", betonte Reiter.

Doch die Riege der alteingesessenen Wiesnwirte, in der Siegfried Able als "Kiosk-Betreiber" verspottet wird, ist nach wie vor nicht überzeugt. "Eigenartig" sei diese Bewerber-Rangliste, findet Wiesnwirt-Sprecher Toni Roiderer. "A Geschmäckle hat es schon, wenn ein Wiesnwirt wie Stephan Kuffler, als einer der renommiertesten Gastronomen Deutschlands mit 30 Jahren Erfahrung auf der Wiesn, weniger Punkte bekommt als ein Standl-Wirt wie Able, der erst seit fünf Jahren ein kleines Zelt auf dem Oktoberfest führt."

Dem Ehepaar Able zur Wahl gratuliert hat der mächtige Sprecher der Wiesnwirte bislang nicht. Siegfried Able habe auch deswegen kein gutes Ansehen in dem handverlesenen Gastronomen-Zirkel, weil er den Wiesnwirten mehrere Betriebsleiter abgeworben hat, so Roiderer. Die Abwerbung sei zu einem Zeitpunkt erfolgt, als die Punkteauszählung im Stadtrat noch längst nicht abgeschlossen war. Das nährt Verschwörungstheorien, Able habe womöglich die Zusage für ein Wiesnzelt schon vor Monaten in der Tasche gehabt.

Die frischgebackenen Wiesnwirte wollen sich erst in den nächsten Tagen zu ihrer Bewerbung, den Mauschelvorwürfen und ihrem Marstall-Konzept öffentlich äußern.

"Wurscht"

Darüber, ob das Ehepaar Able Mitglied in der sagenumwobenen "Vereinigung der Wiesnwirte" werde, habe man noch nicht entschieden, sagte Roiderer. Er und Able hätten seit einem Jahr kein Wort miteinander gesprochen. "Der Able muss auf uns zukommen", sagt Roiderer. Tue er das nicht, sei ihm das auch "wurscht".

Favorit der Wiesnwirte wäre der Gastronom Lorenz Stiftl gewesen. Er landete aber nur auf Platz sieben der städtischen Rangliste und geht damit leer aus. Von Enttäuschung will er nicht sprechen. Er nimmt die Niederlage sportlich: "Wie bei der Olympiade ist auch hier der Platz direkt hinter dem Treppchen nichts wert, aber ich werde mich nächstes Jahr einfach erneut bewerben." Und zwar, so Stiftl, mit dem Hippodrom als Zelt. Das werde er Sepp Krätz - im Falle einer städtischen Zulassung - abkaufen.

Stiftl wird in den nächsten Tagen Einsicht in die Bewertung seiner Bewerbung beantragen. Vor Gericht ziehen will er allerdings nicht - zu groß wäre die Gefahr, sich damit Chancen auf eine Zusage im nächsten Jahr zu verspielen. "Der beste Streit", sagt Stiftl, "ist der, den man vermeiden kann".

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