Opus Dei Ein Geheimbund kämpft um seinen Ruf

Dan Browns "Sakrileg" gehört zu den erfolgreichsten Büchern der Verlagsgeschichte. Die Verfilmung des Stoffs über die "größte Verschleierungsaktion in der Geschichte der Menschheit" sorgt beim Opus Dei für Unruhe. Die umstrittene Organisation versucht den Image-Schaden zu minimieren.
Von Alexander Schwabe

Hamburg - "Schwester Sandrine fuhr herum. Im Türrahmen stand der riesige Mönch. Er hielt einen eisernen Leuchter in den Händen ... 'Sie sind tot", sagte der Mönch. 'Alle vier. Sie haben versucht, mich zum Narren zu halten. Jetzt werden Sie mir sagen, wo der Schlussstein ist.' 'Ich weiß es nicht', sagte Schwester Sandrine ... Der Mann trat näher. Seine weißen Fäuste krampften sich um den Kerzenleuchter. 'Als katholische Ordensschwester helfen Sie denen?' 'Jesus hat uns nur eine Frohe Botschaft überbracht', sagte Schwester Sandrine trotzig. 'Bei Opus Dei kann ich diese Frohe Botschaft nicht erkennen.' In den Augen des Mönches explodierte die Wut. Mit einem jähen Ausfallschritt nach vorn schwang er den Leuchter wie eine Keule."

So lyncht in Dan Browns Bestseller "Sakrileg" der dem Opus Dei angehörige Albino-Mönch Silas auf seiner Suche nach dem Heiligen Gral eine Ordensschwester. Zuvor hatte er bereits den Direktor des Pariser Louvre bestialisch hingerichtet und dessen Leiden mit den Worten "Schmerz adelt" kommentiert.

Am 19. Mai hat die Verfilmung eines der erfolgreichsten Bücher der internationalen Verlagsgeschichte Premiere. In der Hauptrolle: Tom Hanks und Audrey Tautou. Und Opus Dei fürchtet, dass damit sein Image weiter ramponiert wird. Laut einem Bericht der "New York Times" haben führende Opus-Dei-Mitglieder versucht, Sony Pictures zu überzeugen, ihre Organisation im Film außen vor zu lassen. In einem Brief rügten sie die literarische Vorlage, der "Da Vinci Code", so der Titel des amerikanischen Originals, sei eine "grobe Entstellung und eine große Ungerechtigkeit".

Thomas G. Bohlin, Chef des Opus Dei in den USA und Absender des Briefes, erhielt eine "freundliche, doch kompromisslose" Antwort. Sony Pictures denkt nicht daran, die religiöse Heimat des fiktionalen Mörders Silas zu anonymisieren. Sprecher Jim Kennedy: "Wir sehen den 'Da Vinci Code' als Fiktion ohne das geringste Interesse, irgendeiner Organisation zu schaden. Im Kern ist der Film ein Thriller."


Ist es so? In einer Buchbesprechung des "Sakrilegs" auf der Website von Opus Dei schreibt José Garcia, Dan Browns Werk sei "nur vordergründig ein Thriller". Der Autor habe sich vielmehr zum Ziel gesetzt, die "größte Verschleierungsaktion in der Geschichte der Menschheit" zu enthüllen - Jesus Christus sei nicht nur mit Maria Magdalena verheiratet, sondern auch Vater eines Kindes gewesen - um damit die "Grundfesten der Kirche zu erschüttern", einer Kirche, die das "göttlich Weibliche" verdrängt habe. Brown selbst tritt als Kronzeuge Garcias auf: Er hält sein Buch keineswegs für Fiktion, er sagt, "dass die Geschichte im Kern stimmt".

Dass sie nicht stimmt, ist jedem klar, der sich statt an Phantastereien an wissenschaftliche Erkenntnisse hält. Was Brown etwa über die Göttlichkeit Christi schreibt, die angeblich Kaiser Konstantin im Konzil von Nizäa aus politischen Gründen habe feststellen lassen, was er über die angebliche Ehe zwischen Jesus und Maria Magdalena und ein gemeinsames Kind schreibt, ist schlicht abstrus. Dennoch ergötzen sich viele - selbst Akademiker - an dem Werk voller historisch-verbrämter, hanebüchener Behauptungen und nehmen für bare Münze - "wie interessant, dass Schlusssteine in Kirchengewölben nach oben geöffnet sind und die Form einer Vulva haben!" -, was ihnen in den esoterischen Kram passt.

Die Vermischung von Fakten und Phantasie stößt beim Opus Dei sauer auf. Auf der Website heißt es, "Sakrileg" zeichne ein "verzerrtes Bild der katholischen Kirche". Es verletze durch seine "respektlose Art" die "religiösen Überzeugungen von Christen". Man setze jedoch noch immer auf das "Einfühlungsvermögen der Produktionsfirma Sony-Columbia" und auf deren Bereitschaft, "konstruktiv auf unsere Initiative zu reagieren".

"Kulturelles Schmarotzertum"

Doch daran denkt bei Sony Pictures keiner. Sprecher Jim Kennedy ließ in der Manier eines Spindoctors über den Film wissen: "Wir stimmen damit überein, dass er für Opus Dei und andere Organisationen eine einzigartige Möglichkeit ist, um die Menschen mehr über ihre Arbeit und ihren Glauben wissen zu lassen."

Das "Werk Gottes" versucht nun aus der Not eine Tugend zu machen. Man wolle "versuchen, aus der Zitrone Saft zu machen", sagt Marc Carrogio, Pressesprecher des Werkes in Rom, angesichts des drohenden weiteren Image-Verlusts, der durch die Verfilmung droht. "Wir stehen vor einer großartigen Möglichkeit, um von Jesus Christus zu sprechen", sagt er weiter. Der Erfolg des Romans sei auf das "enorme Interesse für die Gestalt Jesu" zurückzuführen, er sei ein "typischer Fall von kulturellem Schmarotzertum".


Auch sei die Rezeption des Opus Dei von alten Klischees bestimmt. Das "Sakrileg" überlagere in Europa "eine Auseinandersetzung über das Opus Dei, die in den achtziger Jahren begann", so das Werk auf seiner Website. Dieser "alten Diskussion" gehörten im deutschen Sprachraum "manche Vorkämpfer" der 68er Generation an, jene, die für "eine andere, eine relativistische Kirche" kämpften, ein Kirchenbegriff, den Papst Benedikt XVI. strikt ablehnt. Für diese "Vorkämpfer der 68er Generation" habe sich das Opus Dei damals "als Prügelknabe" geradezu angeboten. Brown greife auf dieses "Opus-Dei-Zerrbild" zurück, schlachte es aus und treibe es auf die Spitze, um "den Kitzel" zu maximieren.

Ob man mit dieser Breitseite gegen die 68er-Generation das Negativ-Image abschütteln kann? Ein Image, wonach Opus Dei die Charakteristika einer Sekte hat: Es sei intransparent, manipuliere seine Mitglieder, verfolge eine enge und strenge Spiritualität, gehe offensiv gegen Kritiker vor, kultiviere ein Bewusstsein der Erwähltheit unter den Mitgliedern.

Selbstkasteiung mit der Fünfschwänzigen

Zudem heißt es, das Werk folge engen Moralvorstellungen, der zufolge die Frau unter dem Mann stehe. Es verfolge eine erzkonservative politische Agenda und nutze seinen enormen Reichtum, um in der Kirche Einfluss zu gewinnen für eine reaktionäre Kirchenpolitik.

Die Selbstkasteiung spielt bei den Mitgliedern eine große Rolle: In den Zentren des Opus Dei schlafen weibliche Numerarier wegen ihrer angeblich größeren "sinnlichen Anfälligkeit" auf blankem Bett oder nacktem Fußboden. Die Mitglieder dort tragen täglich für mindestens zwei Stunden das "Cilicium" um den Oberschenkel, eine Stachelkette, die sich ins Fleisch krallt. Einmal die Woche geißeln sie sich mit der fünfschwänzigen "Disciplina" - Phänomene im Opus Dei, die auch Brown aufgreift.

Trotz der literarischen und cineastischen Attacke auf das Opus Dei gibt man sich im Bemühen um einen besseren Ruf versöhnlich. Opus-Dei-Sprecher Carroggio versichert: "Niemand wird Drohungen verkünden, zu einem Boykott aufrufen oder Ähnliches." Man werde "höchstens eine Friedenserklärung abgeben". Beim Opus Dei begnügt man sich damit, Browns Buch und den Film als "eine indirekte Werbung" für die katholische Einrichtung zu sehen. Peter Hertel, einer der besten externen Kenner des Gotteswerks sagt, diese Strategie werde aufgehen. Es könne zu einem Solidarisierungseffekt unter jenen kommen, die für Browns Buch nicht anfällig sind, bisher jedoch in geneigter Distanz zum Opus standen. Auf jeden Fall wird der Film eine neue Debatte über das Opus Dei entfachen.

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