Organspender Papst Benedikt XVI. "Ein Akt der Liebe"

Ist der Hirntod wirklich das Ende des Lebens? Ausgerechnet die offizielle Vatikan-Zeitung hat in Italien einen heftigen Streit um Transplantationen losgetreten - und das, obwohl gerade Papst Benedikt XVI. ein Organspender aus Überzeugung ist.

Vatikanstadt - Noch zu Kardinalszeiten, bevor er Papst Benedikt XVI. wurde, soll Joseph Ratzinger sich einen Organspenderausweis besorgt haben. Auf der Website der Italienischen Vereinigung für Organ-, Gewebe- und Zellspenden ist ein Interview Ratzingers mit der "Repubblica" aus dem Jahr 1999 zu lesen. Darin sagt der spätere Papst: "Ich habe mich schon vor Jahren bereit erklärt, meine Organe jedem zu überlassen, der sie braucht." Er trage seinen Spenderausweis stets bei sich, so Ratzinger.

Die eigenen Organe zu spenden, bedeute "einen Akt der Liebe, der solange moralisch statthaft ist, wie er aus freiem und spontanen Willen erfolgt." Dasselbe gelte allerdings nicht für die künstliche Befruchtung, die einen Akt der Liebe zwischen Eheleuten ausschließe, sagte Ratzinger, damals noch Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan.

Jetzt allerdings gerät Menschenfreund Benedikt XVI. mit seiner Entscheidung in die ideologische Bredouille. Indem er seine Organe zur Verfügung stellt, erkennt der Spender immer auch die offizielle Definition von Gehirntod als Ende des menschlichen Lebens an. Denn das irreversible Koma ist Voraussetzung für jede Organentnahme. Zwar hat die "Päpstliche Akademie für das Leben" der 1968 von der Universität Harvard aufgestellten Definition in den achtziger Jahren zugestimmt.

Am Dienstag jedoch sorgte ein Artikel in der amtlichen Zeitung des Apostolischen Stuhls, dem "Osservatore Romano", für Aufregung. Darin stellte die Vizevorsitzende der Vereinigung Wissenschaft und Leben, Lucia Scaraffia, die geltende Definition des Todeszeitpunktes zur Diskussion. Die Feststellung des Gehirntodes sei nicht gleichzusetzen mit dem Ende des Lebens, das angesichts wissenschaftlicher Erkenntnisse neu definiert werden müsse, hieß es.

Kritiker laufen Sturm

Ein Sprecher des Vatikans, Federico Lombardi, beeilte sich zu betonen, der Zeitungsbeitrag spiegle nicht die katholische Doktrin wieder. "Die Position der Kirche, was die Organspende betrifft, ändert sich nicht, sie ist dieselbe wie vor 40 Jahren", hieß es aus dem Vatikan. Bei der im "Osservatore Romano" formulierten These handele es sich um eine "persönliche Meinung" der Autorin.

"Zum heutigen Zeitpunkt gibt es keine Studien, die eine solche Behauptung unterstützen", wunderte sich Ferdinando Raimondi di Siaarti von der italienischen Gesellschaft für Anästhesie, Analgesie, Reanimation und Intensivtherapie (SIAARTI). "Wir sind überrascht angesichts solcher Behauptungen, die jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehren", sagte er dem Mailänder "Corriere della sera".

"Die Harvard-Kriterien sind von der Wissenschaft seit 40 Jahren niemals in Zweifel gezogen worden und werden in allen fortschrittlichen Ländern angewandt", pflichtete der Präsident des Nationalen Transplantationszentrums, Alessandro Nanni Costa, bei. Natürlich habe es immer Zweifel gegeben, der Hirntod sei aber alles andere als ein vegetativer Zustand, sondern das unumkehrbare Ende aller Hirnfunktionen, das mittels wissenschaftlicher Kriterien festgestellt werde.

Der Vorsitzende des Beirats für Bioethik, Maurizio Mori von der Demokratischen Partei (PD), kritisierte den Artikel im "Osservatore Romano" scharf. Die Kirche sei nicht in der Lage, neue Antworten auf die Fragen zum Ende des Lebens zu geben, und löse nur "unnötige Panik" aus. Der ehemalige Präsident der Gesundheitskommission, Ignazio Marino, nannte den Artikel "unverantwortlich", weil er die gesellschaftliche Solidarität für Tausende Menschen, die auf eine Transplantation hoffen, gefährde.

Kritiker der Hirntod-Definition hatten stets bemängelt, dass nicht sichergestellt sei, ob mit dem Wegfall der Gesamtfunktion von Groß- und Kleinhirn sowie Hirnstamm auch alle menschlichen Empfindungen endeten. Sie befürchten, dass bei einer Organentnahme die Würde des Spenders verletzt werden könne.

In Deutschland hatte der Fall des "Erlanger Babys" 1992 die Diskussion um den Hirntod entfacht. Damals hielten Ärzte des Erlanger Universitätsklinikums eine in der 15. Woche schwangere Frau nach dem Hirntod noch weitere fünf Wochen künstlich am Leben, damit der Fötus weiterwachsen konnte. Durch intensivmedizinische Maßnahmen wurde der Uterus der Frau in seiner Grundfunktion erhalten. Durch eine Infektion kam es dann aber zu einer Fehlgeburt.

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