Paare in den Siebzigern und heute Auf Abstand

Händchenhalten oder Distanz wahren? Sich inszenieren oder sich einfach ablichten lassen? Ein Fotoprojekt zeigt, wie sich das Selbstverständnis von Paaren in Deutschland seit den Siebzigern gewandelt hat.
Aufrecht und geradeaus: Eines der Paare der Fotografin Beate Rose

Aufrecht und geradeaus: Eines der Paare der Fotografin Beate Rose

Foto: Beate Rose

Kein Lächeln, keine Berührung. Sie, Hausfrau, 44, lässt die Arme seitlich am gemusterten Kleid herunterhängen, der Rücken ist durchgedrückt, die Haltung steif. Er, Pastor, 57, legt die Hände vor dem Bauch ineinander. Der breitbeinige Stand ist fest, das Kinn über der Krawatte leicht angehoben.

Das Foto lädt zum Rätseln ein, zum Geschichtenspinnen. Es ist nichts weiter bekannt von ihm und ihr, keine Namen, nichts, nur ihr Alter und der Beruf.

Das war das Konzept der Fotografin Beate Rose: Sie lud 1971 Paare in Deutschland ein, sich vor ihre Kamera zu stellen, und gab ihnen nur eine einzige Anweisung: "Schaut in die Kamera". Rund 70 der Schwarz-Weiß-Fotografien, die auf diese Art entstanden, brachte Rose in einem Buch zusammen unter dem schlichten Titel "Paare".

Heute, mehr als 40 Jahre später, sind die Porträts Fenster zu einer vergangenen Zeit. Die Haltung des Pastors und der Hausfrau offenbart offiziöse Distanz, die Kleidung des Paars zeugt von Ordnung und wirtschaftlicher Sicherheit. Ist er ein Patriarch? Das Bild gibt keine Antwort. Das Muster im Kleid der namenlosen Hausfrau verrät immerhin: Sie mag am Herd stehen, doch sie ist kein Mauerblümchen.

Im Jahr 2011 fiel Beate Roses Buch Nadine Preiß und Damian Zimmermann in die Hände. "Für uns sind diese Bilder nicht mehr nur Porträts von Paaren, sie halten Zeitgeist fest", sagt Zimmermann. Schnell war die Idee geboren, das Projekt weiterzuführen. Und so zogen auch Preiß und Zimmermann durch Deutschland, um Paare zu fotografieren - vor weißem Hintergrund mit Blick in die Kamera.

Betrachtet man die neuen neben den alten Porträts, wird sichtbar, wie sich die Gesellschaft in der Zwischenzeit gewandelt hat.

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Foto: Beate Rose

Die Menschen in Roses Bildern wirken aus heutiger Sicht unterkühlt. Sie schmiegen sich nicht aneinander, setzen sich nicht in Szene. Ganz anders das, was Preiß und Zimmermann eingefangen haben: Durchdachte Posen, bewusste Nähe, hier die Hand auf der Brust des Partners, dort die Finger zum Peace-Zeichen gestreckt.

"Ich glaube, dass es den Menschen heute darum geht zu zeigen, wie sie sind. Damals ging es eher darum zu zeigen, wer sie sind", sagt Preiß. Die heutigen Bilder und Posen zu lesen, fällt ihr leicht. "In den alten Bildern aber sind so viele Chiffren, die wir heute nicht mehr kennen und nicht richtig deuten können." Ist körperlicher mit emotionalem Abstand gleichzusetzen? Steht ein ernster Blick für schlechte Laune, eine steife Haltung für Unbehagen?

Beate Rose schmunzelt darüber, wenn man ihre Bilder auf diese Weise betrachtet. Für sie ist es genau andersherum. "Selbst mit 40 Jahren Abstand sind mir die Fotos von damals näher. Die Selbstdarstellungskultur, die heute herrscht, ist mir fremder." Doch nicht alles Fremde ist auch schlecht. "Damals gab es keine Küsse in der Öffentlichkeit, was nicht heißt, dass ein Paar nicht verliebt war. Aber es ist eine positive Entwicklung, dass wir Zuneigung heute offener zeigen."

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Foto: Nadine Preiß/ Damian Zimmermann

Nicht nur Haltung und Kleidung haben sich seit den Siebzigern verändert. Noch etwas zeigt sich beim genaueren Betrachten der Bilder: Stellt man Menschen gleichen Alters von damals und heute nebeneinander, sehen die Menschen der Siebziger deutlich älter aus, teils um Jahrzehnte. Rose sagt, ihr falle auf, dass die Menschen heute offenbar Wert darauf legen, jünger auszusehen.

Jung - und vor allem glücklich miteinander: Das ist die Botschaft, die Preiß und Zimmermann vielen der neuen Fotos entnehmen. Es gebe nur wenige Paare unter 40, die sich auf den Bildern nicht anfassen, die es aushalten, ihr Glück nicht zu inszenieren und einfach nur da zu sein, sagt Zimmermann.

Preiß fällt dazu eine Anekdote ein. Sie habe jungen Mädchen das Projekt in einem Fotokurs vorgestellt. Die Reaktion: "Damals waren die ja total fies zueinander. Die waren überhaupt nicht fröhlich und hatten furchtbare Beziehungen." Preiß nennt das den Blick durch die 2015-Brille einer Generation, die durch digitale Fotografie geprägt ist. Dabei sei es sicher interessant zu überlegen, welche der Paare heute noch zusammen sind: Die, die schlicht nebeneinander stehen, oder die, die sich auf den Bildern in den Armen liegen.

Das LVR-Landesmuseum Bonn zeigt noch bis Januar 120 Fotografien von Nadine Preiß, Damian Zimmermann und Beate Rose in der Ausstellung "Paare".

Ein Begleitkatalog zur Ausstellung mit dem Titel "Paare - Menschenbilder aus der Bundesrepublik Deutschland zu Beginn des 21. Jahrhunderts" ist im Kettler Verlag erschienen.

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