Pakistan-Katastrophe Hunger bedroht Millionen Flutopfer

Das Welternährungsprogramm schlägt Alarm: Mehr als sechs Millionen Pakistaner haben ihre Häuser in den Fluten verloren und besitzen nun nichts mehr - bislang wurden aber nur 1,2 Millionen mit Lebensmitteln versorgt. Geld für Soforthilfe ist da, doch es fehlt an Hubschraubern.

dpa

Von , Islamabad


Gut drei Wochen hat es gedauert, jetzt hat die Uno die Soforthilfe für das überflutete Pakistan zusammen: Um knapp 460 Millionen Dollar hatte die Organisation gebeten, nach zunächst zögerlichen Zahlungen und dramatischen Appellen von Hilfsorganisationen und Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon floss das Geld schließlich. Am Ende kamen sogar fast 500 Millionen Dollar zusammen, weitere 325 Millionen wurden zugesagt. Das sei "ein guter Anfang", sagte Pakistans Uno-Botschafter Abdullah Hussain Haroon. "Die 20 Millionen Flutopfer wissen nun, dass die Welt ihnen beisteht."

Doch die Gefahren sind längst nicht gebannt, Millionen von Menschen drohen Hunger und Krankheiten. "Es gibt immer noch Gegenden, in die keine Hilfe vorgedrungen ist", sagte Amjad Jamal, Sprecher des Welternährungsprogramms (WFP) in Islamabad. "Inzwischen haben wir etwa 1,2 Millionen Menschen mit Lebensmitteln für einen Monat versorgt. Aber mehr als sechs Millionen Menschen sind auf Soforthilfe angewiesen."

Auch die pakistanische Armee und viele kleine Hilfsorganisationen versorgen die Menschen mit Lebensmitteln, Trinkwasser, Medikamenten und Zelten. Nach Schätzung des Militärs seien aber "längst nicht alle Bedürftigen" erreicht worden. Internationale Helfer sprechen von "mehreren Millionen Menschen", die noch auf Hilfe warteten. Allmählich würden in den bislang unerreichbaren Dörfern die Vorräte knapp.

" Was uns fehlt, sind Hubschrauber"

Das Problem ist Jamal zufolge, dass wegen zerstörter Brücken und weggespülter Straßen viele Regionen nicht zu erreichen sind. "Was uns fehlt, sind Hubschrauber." Das WFP werde am Montag, nachdem die pakistanische Regierung weitere Maschinen zur Verfügung gestellt habe, "40 bis 45 Hubschrauber" im Einsatz haben. Für die gigantische Zahl an Flutopfern sei das aber immer noch zu wenig. "Wir brauchen mehr dieser Lebensretter", forderte Wolfgang Herbinger, WFP-Chef in Pakistan. Mindestens 40 zusätzliche Maschinen seien nötig, schätzte er. "Helikopter sind das einzige Transportmittel, um Hilfsgüter in viele der Regionen zu bringen, in denen wir schon jetzt alle verfügbaren Fluggeräte einsetzen."

Derzeit versorgt das WFP mit 30 Partnerorganisationen täglich bis zu 150.000 Menschen mit Essen. "Anfang August, wenige Tage nach Beginn der Katastrophe, lag unsere Kapazität bei nur 2000 Menschen pro Tag. Innerhalb von 20 Tagen haben wir 1,2 Millionen erreicht", rechnete Jamal vor. "Wir hoffen, bis zum Ende des Monats 2,5 Millionen Menschen versorgt zu haben." Für die insgesamt mehr als sechs Millionen Menschen, die ihre Häuser verloren haben und dringend Hilfe benötigen, müsse man voraussichtlich drei Monate veranschlagen - eine lange Zeit, die womöglich viele nicht durchstehen können.

Uno-Nothilfekoordinator John Holmes betonte, bei dem jetzt eingeworbenen Geld handele es sich lediglich um die Soforthilfe. Im nächsten Schritt müssten dann die Schäden an der Infrastruktur eingeschätzt werden. Sie gingen voraussichtlich in die Milliarden, erklärte er. Pakistans Außenminister Shah Mahmood Qureshi hatte die Schäden auf 43 Milliarden Dollar geschätzt.

USA geben das meiste Geld

Größter Geldgeber sind bislang die USA mit 150 Millionen Dollar. Bereits im vergangenen Jahr haben die USA rund 7,5 Milliarden Dollar Wirtschaftshilfe für Pakistan, dem wichtigsten Anti-Terror-Alliierten, zugesagt. Dieses Geld solle nun auch für den Wiederaufbau der von der Flut zerstörten Infrastruktur verwendet werden dürfen. Saudi-Arabien ist mit mehr als 100 Millionen Dollar zweitgrößter Geldgeber, gefolgt von Großbritannien mit 65 Millionen Dollar, das auf 105 Millionen Dollar aufstocken will.

Deutschland stellt lediglich 25 Millionen Euro zur Verfügung. Mit den Mitteln, die über die EU nach Pakistan fließen, zahlt die Bundesrepublik rund 43 Millionen Euro. Das Geld wird an internationale Organisationen gegeben, nicht an die pakistanische Regierung. Das habe allerdings nichts mit Misstrauen zu tun, sondern sei der übliche Weg der Soforthilfe, sagte Markus Löning (FDP), der Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe. Löning besuchte Pakistan am Wochenende und schaute sich zwei überflutete Dörfer im nordwestlichen Distrikt Nowshera an. Er werde nun in Deutschland für eine größere Spendenbereitschaft werben und den Menschen versichern, dass das Geld nicht in die falschen Hände gerate und auch keine Extremisten auf dem Vormarsch seien. Die Hilfe laufe insgesamt gut an, sagte er in Islamabad.

Am Sonntag startete vom Nato-Militärflugplatz im nordrhein-westfälischen Geilenkirchen eine Frachtmaschine mit Hilfsgütern für die Flutopfer in Pakistan. An Bord befinden sich unter anderem Generatoren, Zelte und Wasserpumpen. Die Lieferungen erfolgten in Absprache mit den pakistanischen Behörden, teilte die Nato mit. Die Güter habe die Slowakei gespendet.

Wie der Internationale Währungsfond helfen soll

Weitere Hilfe soll Pakistan vom Internationalen Währungsfonds (IWF) erhalten. In welchem Umfang und in welcher Form, darüber wird die Organisation in der kommenden Woche in Washington mit Vertretern der pakistanischen Regierung beraten. IWF-Sprecher Masood Ahmed erklärte am Samstag in Washington, zunächst sollten die Auswirkungen der Flut auf die pakistanische Ökonomie beurteilt werden. Außer der Frage, was Pakistan selbst tun könne, stehe auch auf der Tagesordnung, wie der IWF helfen könne. Aus Regierungskreisen in Islamabad war zu hören, dass Finanzminister Abdul Hafeez Shaikh den IWF ersuchen wolle, den vor zwei Jahren gewährten Kredit über zehn Milliarden Dollar umzustrukturieren oder neue Finanzierungsmodelle zu prüfen.

Der pakistanische Premierminister Yousuf Raza Gilani kündigte für Dienstag ein Treffen zur Gesundheitslage an. Neben dem Gesundheitsministerium und der Katastrophenschutzbehörde NDMA würden daran auch alle Provinzregierungen, die Uno-Organisationen und internationale Partner teilnehmen, sagte der Regierungschef am Samstag. Es sollen auch Pläne und Maßnahmen zur Verhinderung des Ausbruchs von Krankheiten und Seuchen erörtert werden.

Nach Meinung von Experten werden die Wassermassen in den nächsten Tagen zurückgehen. Die Flut werde in das Arabische Meer abfließen, schrieb die pakistanische Tageszeitung "Dawn".

Eine Entwarnung ist das aber noch nicht. Die Flüchtlinge würden bei ihrer Rückkehr sehr wenig vorfinden, da das Wasser Häuser, Straßen und die Ernte fortgespült habe. Die Katastrophe betrifft etwa ein Fünftel des Staatsgebietes. Am Samstag sind nach Behördenangaben nun auch zahlreiche Dörfer und Städte im Süden des Landes evakuiert worden. Zehntausende Menschen mussten in Sicherheit gebracht werden.

insgesamt 694 Beiträge
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jb_78 13.08.2010
1. Hilfe für Alle?
Zitat von sysopDer Planet versinkt an vielen Orten in Katastrophen: Wassermassen in Pakistan oder in Sachsen und Polen, dazu die verheerenden Brände in Russland - sind die Folgen des Klimawandels bereits spürbar?
Es macht sich eine Besorgnis breit über die Möglichkeit den Mernschen (ohne Ansehen von Geschlecht, Rasse, Religion, etc.) zu helfen. Sind es doch Drohungen und evtl. schon Exekutionen der Helfer (Nachichtenlage ist nicht klar) die Hilfe ohne Genehmigung der "örtlichen Gewaltinhaber" an die Menschen weiterzuleiten. Einige Organisationen wie z. B. "Die Ärzte ohne Grenzen" haben sich bereits einverstanden erklärt nur noch zu behandeln wenn es genehmigt ist. Sei es auch nur der Ehemann/Besitzer eines weiblichen Menschen. Die Naturkatastrophe in eine Möglichkeit des Massenmordes durch Hilfeversagung durch Selektion seitens der Taliban und andere "religiöse Fanatiker" umzufunktionieren ist bisher Einmalig in dieser Form der Weltgeschichte.
karmamarga 13.08.2010
2. Nein. Ihre "Einmaligkeit", wahrscheinlich nicht in diesem
Zitat von jb_78Es macht sich eine Besorgnis breit über die Möglichkeit den Mernschen (ohne Ansehen von Geschlecht, Rasse, Religion, etc.) zu helfen. Sind es doch Drohungen und evtl. schon Exekutionen der Helfer (Nachichtenlage ist nicht klar) die Hilfe ohne Genehmigung der "örtlichen Gewaltinhaber" an die Menschen weiterzuleiten. Einige Organisationen wie z. B. "Die Ärzte ohne Grenzen" haben sich bereits einverstanden erklärt nur noch zu behandeln wenn es genehmigt ist. Sei es auch nur der Ehemann/Besitzer eines weiblichen Menschen. Die Naturkatastrophe in eine Möglichkeit des Massenmordes durch Hilfeversagung durch Selektion seitens der Taliban und andere "religiöse Fanatiker" umzufunktionieren ist bisher Einmalig in dieser Form der Weltgeschichte.
Ausmass gab es schon einmal nach dem Tsunami in der indonesischen Provinz Aceh.
oberteil 13.08.2010
3. ,
Die ueberforderte Regierung und diese langbaertigen angeblichen Helfer sollten trotzdem niemanden daran hindern, dringend benoetigtes Geld für Trinkwasser, Lebensmittel und Medikamente zu spenden, den Opfern muss doch geholfen werden, die tragen doch keine Verantwortung fuer ihre katastrophale Lage.
N.Elias 13.08.2010
4. Jetzt spenden!
Unglaublich, wie hier alles in einen Topf geschmissen wird. Die Entwicklungshelfer wurden in Afghanistan ermordet, nicht in Pakistan. Afghanistan und Pakistan gleichzusetzen ist schon ziemlich daneben, auch wenn die Medien teilweise ein solches Bild zeichnen. Pakistan ist dann doch noch einen Tick sicherer, sofern die afghanische Grenze nicht allzu nah ist. Also, nicht blenden sondern spenden! Das Geld kommt bei den Menschnen an; auch bei den hungernden Frauen! http://www.aktion-deutschland-hilft.de/index.php
karrelgott500 13.08.2010
5. Hilfe?
Hallo, wer Geld für Atomraketen hat braucht keine Hilfe. Zumindest darf man nicht rummjammern. Punkt aus.
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