Papst Benedikt in Deutschland Hirte kommt, Herde bockt

Papst Benedikt trifft auf eine Kirche in der Krise, wenn er nach Deutschland kommt. Die Mitgliederzahlen sinken rapide, der Missbrauchsskandal hat das Vertrauen der Gläubigen tief erschüttert. Das nützt Reformern - die nun immerhin gehört werden, wenn es um Tabuthemen geht.
Papst Benedikt: Seine Kirche steckt in Deutschland in einer tiefen Krise

Papst Benedikt: Seine Kirche steckt in Deutschland in einer tiefen Krise

Foto: Maurizio Brambatti/ dpa

Hamburg - "Das ist einfach aus mir rausgeplatzt", erinnert sich Georg Streiter. Eine spontane Idee, ohne länger nachzudenken: "Wir sind Papst!" Kaum eine Titelzeile wurde so häufig zitiert wie die der "Bild" am 20. April 2005, einen Tag nach der Wahl Joseph Ratzingers zum 264. Papst der katholischen Kirche. Sie wurde ausgedeutet in Essays über die neue Religiösität der Deutschen, über den neuen Mut zur Identifikation mit der katholischen Kirche.

Streiter, damals Leiter des Politik-Ressorts der "Bild", erinnert sich, wie er mit Kollegen vor dem Fernseher saß und gebannt auf den Schornstein der Sixtinischen Kapelle starrte. Als der Name Ratzinger verkündet wurde, entfuhr ihm "wir sind Papst". Es war ein Ausruf, der nicht einmal von seiner persönlichen Begeisterung für die Kirche zeugte. Streiter ist Christ, aber längst aus der Kirche ausgetreten.

Sechs Jahre ist das her. Die Millionen Menschen, die Johannes Paul ihre letzte Ehre erwiesen, die Hunderttausenden, die seinem Nachfolger zujubelten, schienen damals Zeugen einer Renaissance des Glaubens zu sein.

Am Montag verhüllte der Axel-Springer-Verlag Teile seines Gebäudes in Berlin mit einer 2880 Quadratmeter großen Version des Titelblattes von damals - doch von einem Wir-Gefühl zwischen den Deutschen und der katholischen Kirche kann keine Rede sein.

Seit 2005 sind rund 700.000 Menschen in Deutschland aus der katholischen Kirche ausgetreten. Allein 2010 kehrten mehr als 180.000 Katholiken ihrer Kirche den Rücken, erstmals waren es mehr, als getauft wurden. Sollte Religion für die Deutschen an Bedeutung gewonnen haben, hat die Kirche davon nicht profitiert. Aus katholischer Sicht ist Benedikts Besuch in Deutschland eine Reise in eine Krisenregion.

Glaube ja, kirchliche Gemeinde nein

Die Zukunft sieht wenig rosig aus: Viele Gemeinden werden aus Mangel an Priestern oder aus Mangel an Nachfrage zusammengelegt. Zwischen 1990 und 2010 ist die Zahl der Priester von gut 20.000 auf rund 15.000 gesunken. Und der Anteil der Katholiken, die regelmäßig den Gottesdienst besuchen, sank von 16,5 Prozent im Jahr 2000 auf 12,6 Prozent im Jahr 2010.

Jugendforscher zerstreuen schon seit Jahren kirchliche Hoffnungen auf eine Renaissance des Religiösen: Eine Studie aus dem Jahr 2008 attestierte nur vier Prozent der Menschen zwischen 14 und 27 eine "große Nähe" zur Kirche, alle anderen haben wenig bis gar nichts mit ihr am Hut. Das bestätigte die jüngste Shell-Studie: Religion spiele für die Mehrheit der Jugendlichen "nur eine mäßige Rolle", sogar unter den Katholiken behaupteten nur 44 Prozent von sich, Gott sei für sie von Bedeutung.

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Benedikt auf Deutschlandtour: Große Erwartungen, wenig Hoffnung

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Glaube ja, kirchliche Gemeinde nein, das scheint die Einstellung der Mehrheit zu sein. Natürlich trifft das die Kirche nicht unvorbereitet. Seit langem befassen sich Theologen mit der Individualisierung der Gesellschaft und betonen die Aufgabe, die sie für die Kirche bedeute. Doch bisher hat sie keinen Weg gefunden, sich auf dem freien Markt der Religionen als attraktives Angebot zu präsentieren. Im Gegenteil.

Dabei haben viele Pfarrer längst verstanden, was die Stunde geschlagen hat. "Wir sind doch längst keine Volkskirche mehr, wir sind eine Entscheidungskirche", sagt etwa Johannes Pricker, Pfarrer der St. Antonius Gemeinde in Hamburg. Früher seien die Menschen in der Gemeinde getauft und in ihr sozialisiert worden, ohne das weiter zu hinterfragen. "Die Zeiten sind vorbei."

Einmal in der Woche bietet er eine Lebensberatung an. "Früher hätte man das wohl Beichte genannt", sagt Pricker. Doch die Menschen wollen heute keinen Ablass mehr, sie suchen Rat. Bevor Papst Benedikt XVI. Mitte August zum Weltjugendtag nach Madrid reiste, versprach der Vatikan allen Besuchern einen vollkommenen Ablass ihrer Sündenstrafen.

Die Kirche ist in Bewegung

Spricht man mit Pfarrern, hört man wenig Wehklagen über die rapide sinkenden Mitgliederzahlen. Dabei ist ihnen das keinesfalls egal: Es liegt ihnen nur eben mehr daran, über die Diskrepanz zu sprechen zwischen ihrer Arbeit an der Basis und dem Tun ihrer Vorgesetzten in den Bischofsämtern.

Schon seit langem schwelt der Konflikt zwischen Bischöfen und Basis in Deutschland. Immer mal wieder wurde über den Zölibat diskutiert, über das Diakonat der Frau, über den Umgang mit Wiederverheirateten und Homosexuellen. Die dogmatischen Positionen Benedikts provozierten Protest in Deutschland, doch katholischer Corpsgeist und die ebenfalls konservative Haltung vieler Bischöfe verhinderten lange einen offenen Dialog.

Das hat sich geändert - wenn auch von außen erzwungen. Kaum etwas hat in jüngster Zeit die katholische Kirche derart erschüttert, wie die Serie öffentlich gewordener Missbrauchsfälle. Nicht nur die Fälle selbst, auch der Umgang der obersten Kirchenvertreter trugen maßgeblich dazu bei, dass der bekannteste Papstkritiker Hans Küng in einem offenen Brief von der "tiefsten Vertrauenskrise seit der Reformation" schreiben konnte.

Das Ergebnis präsentierte die Bischofskonferenz selbst, als sie die Mitgliederzahlen für das Jahr 2010 veröffentlichte. Am deutlichsten wurde der Zusammenhang zwischen dem Missbrauchsskandal und dem Mitgliederschwund im Bistum Augsburg: Der dortige Bischof Walter Mixa hatte nach anhaltenden Misshandlungsvorwürfen seinen Rücktritt erklärt. Zuvor hatte er erst alle Vorwürfe abgestritten, dann aber zugegeben, Heimkinder geohrfeigt zu haben. In seinem ehemaligen Bistum verdoppelte sich die Zahl der Kirchenaustritte nahezu auf 12.073.

Spricht man heute mit Beauftragten für Missbrauchsfälle in der Kirche, hört man noch immer von Priestern, die trotz kirchenrechtlicher Verfahren so lange im Dienst belassen werden, bis Mitwisser mit dem Gang an die Öffentlichkeit drohen. "Viele haben immer noch nicht das Problem verstanden, in den Ämtern herrscht oft die Meinung, die Medien würden eine Kampagne gegen die Kirche fahren, was sie noch enger mit denen zusammenschweißt, die eigentlich an den Pranger gehören", sagt ein Vertrauensmann.

In seinem letzten Vortrag vor der Papstwahl hatte Kardinal Ratzinger kritisiert, heute entscheide über die Frage, was moralisch ist, "das Kalkül der Konsequenzen". Das gilt auch für manche Bistümer.

Liberale und konservative Bischöfe behaken sich

"Die Missbrauchskrise wäre nicht so entschieden bearbeitet worden ohne die kritische Begleitung durch die Öffentlichkeit", heißt es im offenen Brief "Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch", der im Februar veröffentlicht wurde und den inzwischen 240 deutsche Theologen unterzeichnet haben. Das Schreiben ist eine schonungslose Analyse des Zustands der katholischen Kirche: Viele Christen würden heutzutage ihr Glaubensleben privatisieren, "um es vor der Institution zu schützen".

Für die katholische Kirche ist das eine Bankrotterklärung. Während frühere Briefe dieser Art jedoch unkommentiert hingenommen wurden, zeigt die Reaktion der Bischöfe nun, dass etwas in Gang geraten könnte: Als im Juli in Mannheim ein von der Bischofskonferenz initiierter Gesprächsprozess mit Vertretern der Bistümer, der Laien, der Verbände und der Hochschulen begann, saßen die Initiatoren des Briefes mit am Tisch.

Von allen Beteiligten war Lob zu hören. Der Vorsitzende des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend, Dirk Tänzler, etwa sagt, auch heikle Themen seien offen angesprochen worden. Glaubt er daran, dass durch den bis 2015 angelegten Dialog tatsächlich Reformen in Gang kommen könnten? "Ich wäre kein Christ, wenn ich nicht hoffen würde, dass sich etwas verändert."

Mitte August reisten vier Bischöfe zur päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo, um Benedikt über den Dialog zu informieren.

Die Zusammensetzung der Besuchergruppe war geeignet, ihm einen guten Einblick in die Meinungsvielfalt unter deutschen Bischöfen zu geben: Unter den vier Bischöfen waren Franz-Josef Bode aus Osnabrück und der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck. Letzterer ist der jüngste Bischof Deutschlands und zugleich deren konservativster Vertreter. Er beharrt darauf, dass Homosexualität Sünde sei, den Zölibat erklärt er für nicht verhandelbar. Bode gilt als Liberaler, wie kein anderer Bischof sprach er nach den Missbrauchsfällen aus, was nun alle wussten: Dass die Kirche sich schuldig gemacht hatte.

Es ist die spannendste Frage, die sich zur katholischen Kirche derzeit stellt: Ob sich ein Flügel durchsetzen kann und ob der Vatikan einen deutschen Sonderweg zulässt, sollte es der liberale sein.

So warten katholische Laien, Bischöfe, Professoren und Priester gespannt auf das, was der Papst ihnen mitteilen möchte. Ein klares Bekenntnis für die eine oder andere Seite erwartet niemand, selbst die Reformer nicht, das wäre wohl auch ein naiver Glaube. Nur so viel: "Wir hoffen, dass er nicht nur als Redender kommt, sondern auch als Hörender", sagt Tänzler.

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