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24. März 2012, 13:45 Uhr

Benedikt XVI. besucht Castros Kuba

Pontifex Maximus beim Máximo Líder

Von , Havanna

In Mexiko liegen ihm Hunderttausende zu Füßen, die Menschen in Kuba lässt der Besuch von Gottes Stellvertreter eher kalt. Die katholische Minderheit auf der Insel ist zerstritten, mit Kritik am Sozialismus hat Benedikt XVI. noch vor seiner Ankunft das Wohlwollen vieler Kubaner verspielt.

Padre Israel Pérez kommt gut an bei den Teenies von Marianao. Er ist jung, er mag Reggaeton, die kubanische Variante des HipHop, er versteht die Nöte der Jugendlichen in diesem tristen Viertel von Havanna. Schnörkellos predigt er über Gott und die Welt, auch gegenüber der Regierung nimmt er kein Blatt vor den Mund. Doch seine jüngste Mission stellt den Gottesmann vor eine Herausforderung: Padre Israel soll seinen kubanischen Schäflein den Papst erklären.

Am Montag wird Benedikt in Kuba einschweben, zuvor besucht er Mexiko. Drei Tage bereist er die Insel, 600 Journalisten haben sich in Havanna akkreditiert, 60 bringt er in seinem Flugzeug mit, die ganze Welt wird die Worte des Pontifex verfolgen. Doch an der Kirchenbasis in Marianao ist der deutsche Papst ein großer Unbekannter. Die Kirche hat deshalb eine Roadshow zum Thema "Benedikt" in Auftrag gegeben.

Seit Wochen touren Priester mit Laptops, Videoprojektoren und Lautsprecheranlagen durchs Land. Multimedial und mit viel Musik bringen sie den Kubanern den deutschen Papst nahe. Der Vatikan hat einen Kurzfilm über Benedikts Lebensgeschichte beigesteuert, ein PR-Mann mit zweifelhaftem Geschmack hat das offizielle Material mit Ausschnitten aus Mel Gibsons blutigem Jesus-Schinken "Die Passion Christi" kombiniert. Fetzige Salsa- und Reggaeton-Rhythmen untermalen das Werk. Ohne Tanz und Musik geht auf Kuba gar nichts.

Etwa 30 "Soldaten Christi", Missionare der katholischen Jugendorganisation, haben sich auf dem Parkplatz vor dem Kinderkrankenhaus von Marianao versammelt. Padre Israel lässt ein Porträt Benedikts auf die Wand des riesigen weißen Gebäudes projizieren. "Wie heißt der Papst?", ruft er ins Mikrofon. "Be-ne-dic-to!" schallt es zurück.

"Benedikt ist super!"

Der Tonmann zieht den Regler hoch, Reggaeton wummert aus den Lautsprechertürmen. "Benedicto chévere!", skandieren die Jugendlichen: "Benedikt ist super!" Sie entzünden Fackeln, verteilen Flugblätter und Sonnenblenden mit Papstfoto, einer filmt das Spektakel mit einem iPad.

Am Rand des Parkplatzes steht ein Mann mit Baseballkappe, Markenturnschuhen und rotem Puma-Hemd. Leóclides Pérez, 38, ist gerade aus dem Krankenhaus gekommen, er hat seine Schwägerin mit ihrem Neugeborenen besucht, er hat ihr Essen und Kleidung gebracht. Jetzt amüsiert er sich über die Papstshow. "Ich bin Agnostiker", sagt er. "Ich habe marxistische Dialektik studiert, Marx, Hegel und so weiter. Von Religion verstehe ich nichts."

Normalerweise hat der Papst in Lateinamerika ein Heimspiel, die Region ist weitgehend katholisch. Doch im sozialistischen Kuba hat die Katholische Kirche Nachholbedarf: Nach der Revolution 1959 wurden Priester verfolgt und in Arbeitslager aufs Land geschickt, viele Kirchen wurden geschlossen. Erst 1997, wenige Wochen vor dem historischen Besuch von Papst Johannes Paul II., durften die Kubaner erstmals offiziell Weihnachten feiern.

Die meisten Jugendlichen sind aufgewachsen, ohne jemals eine Messe besucht zu haben. Nur etwa die Hälfte der zwölf Millionen Kubaner ist Schätzungen zufolge katholisch, wenige gehen regelmäßig in die Kirche. Millionen sind dagegen Anhänger der Santería, wie die Afroreligionen genannt werden. Auch evangelische Kirchen sind auf dem Vormarsch.

Beim Besuch von Johannes Paul II. vor 14 Jahren musste Fidel Castro Parteimitglieder zu den Gottesdiensten herankarren lassen, um die Plätze zu füllen. Auch Benedikt muss nicht fürchten, vor leeren Plätzen zu predigen: Die Regierung hat den Staatsangestellten freigegeben, die Schulen schließen während des Papstbesuchs. Treue Parteikader werden bei Bedarf die Reihen füllen.

Johannes Paul II. gelang es, das Eis zwischen der Kirche und der Revolutionsregierung zu brechen. Kuba war das letzte Land Lateinamerikas, das der polnische Papst besuchte, er blieb eine Woche. Fast jeden Abend besuchte Fidel Castro den Pontifex Maximus in der Nuntiatur in Havanna, wo er übernachtete. Nächtelang diskutierten die beiden Männer über Gott und die Welt.

Von allen Staatsmännern habe Fidel Castro, der Máximo Líder, den größten Eindruck bei ihm hinterlassen, bekannte der polnische Papst. "Fidel ist Agnostiker, aber er schätzte das intellektuelle Format von Johannes Paul II.", sagt der brasilianische Dominikanermönch Frei Betto, ein Kenner des kubanischen Revolutionsführers.

Benedikt hat bislang wenig Interesse für Lateinamerika gezeigt

Benedikt will an den historischen Besuch seines Vorgängers anknüpfen. Dabei hat er bislang wenig Interesse für Lateinamerika gezeigt; Beobachter fürchten, dass es ihm vor allem um einen Fototermin bei der Revolutionsikone Fidel Castro geht. Der sitzt in seinem Haus in Havanna und schreibt am zweiten Teil seiner Autobiografie, nach seiner Erkrankung vor sechs Jahren hat er alle Partei- und Regierungsämter abgegeben.

Schrittweise hat Fidel die Macht seinem jüngeren Bruder Raúl übertragen. Der versucht jetzt, die Herrschaft der Kommunistischen Partei mit Hilfe marktwirtschaftlicher Reformen zu retten. Die katholische Kirche hat Raúl ihre Unterstützung zugesichert. Sie setzt darauf, dass sich nach der wirtschaftlichen Öffnung das politische System friedlich in eine Demokratie verwandelt. Damit hat sie sich auf ein riskantes Spiel eingelassen: Wie nah darf die Kirche der Regierung kommen, ohne sich von ihr einspannen zu lassen?

Kubas Dissidenten konnten bislang darauf bauen, dass ihnen die Kirche in schwierigen Situationen beispringt. Sie sind eine ziemlich kleine und zerstrittene Gruppe; in dem Papstbesuch sehen sie eine Gelegenheit, auf die Verfolgung von Regimegegnern aufmerksam zu machen. Jaime Ortega, der Kardinal von Havanna, hat in den vergangenen Jahren die Freilassung von über 50 politischen Gefangenen vermittelt, er galt unter den Dissidenten als verlässlicher Gesprächspartner. Doch jetzt fühlen sie sich im Stich gelassen.

Der Kardinal rief am vergangenen Wochenende die Polizei zur Hilfe, nachdem eine weitgehend unbekannte Gruppe von Regimegegnern eine Kirche in Havanna besetzt hatten. Die Räumung verlief friedlich, doch der Ruf der Kirche als unparteilicher Mittler ist angeschlagen.

"Kuba ist ein Cocktail für Erwachsene"

Ortega klagt über die "Politisierung" des Papstbesuchs. Doch die ist kaum zu vermeiden: An der letzten Bastion des Sozialismus auf der westlichen Halbinsel entzünden sich immer wieder hitzige Diskussionen. "Kuba ist ein Cocktail für Erwachsene", kommentierte die spanische Zeitung "El País" angesichts der spannungsgeladenen Atmosphäre auf der Insel.

Benedikt kann mit dem explosiven Gemisch offenbar nicht umgehen. Erst ließ er zu, dass die Kirche als Regimestütze in Verruf geriet. Dann verprellte er seine kubanischen Gastgeber, als er während des Flugs nach Mexiko vor Journalisten über das Ende des kommunistischen Modells spekulierte und einen demokratischen Wandel auf der Insel beschwor. Beobachter vermissen das diplomatische Feingefühl seines Vorgängers.

An der Kirchenbasis ist jedenfalls noch viel politische und religiöse Aufklärungsarbeit zu leisten. "Die Kirche kann ein Gütesiegel für den politischen Wandel sein", glaubt Leócrides Pérez, der Agnostiker vor dem Krankenhaus von Marianao. "Aber sie sollte ihre Bedeutung nicht überschätzen."

Padre Israel Pérez plädiert für einen pragmatischen Kurs. In Havanna bietet die Kirche jetzt Seminare für die "Zivilgesellschaft" an, schwärmt er. Wirtschaftsexperten unterrichten Kubas neue Kleinunternehmer in Betriebswirtschaft und Buchführung.

Wie sich die Arbeitsteilung zwischen Kirche, Regierung und Kleinunternehmern in Kuba zukünftig gestalten werde, lasse sich während des Papstbesuches studieren, lästert die Inhaberin eines Familienrestaurants, die nicht genannt werden möchte: "Die Sozialisten gehen zur Messe und wir Kapitalisten müssen arbeiten."

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