Papst-Besuch "Einfach schön mit Benedikt"

Der erste große Papst-Gottesdienst während des Bayern-Besuchs von Benedikt XVI. verlief reibungslos. Der Papst forderte die Rückbesinnung auf Gott, die Gläubigen feierten ihn – und sind richtig stolz auf einen der ihren.

Von , München


München – Stell' Dir vor, der Papst kommt, und es sind noch Plätze frei. Als das Papamobil heute um halb zehn aufs Münchner Messegelände rollt, sind noch große Lücken zwischen den rund 250.000 Gläubigen. So muss Benedikt XVI. aus dem Panzerglasaufbau hinaus in teils nicht geschlossene Reihen winken und grüßen. Die katholische Menge gibt natürlich alles: "Vivat il Papa" erschallt es immer wieder. Und vor allem das rhythmische "Be-ne-detto" ist den hauptsächlich aus Bayern angereisten Pilgern schon so in Fleisch und Blut übergegangen, dass es leicht zum diesjährigen Wies'n-Hit taugen könnte.

Die Organisatoren wollten zu perfekt sein, deshalb sind die Reihen nicht vollständig gefüllt. Sie halten dem Papst Tausende Gläubige vom Leib, die nicht um spätestens neun Uhr die Eingangstore passiert haben. Erst nach rund einer Stunde geht es weiter. Als die Neuen dann hereinströmen, fühlen sich die Frühaufsteher bestraft: "Ich bin um ein Uhr zu Hause los, stehe seit vier Uhr hier, um den Papst zu sehen – jetzt sehe ich einen großen Mann mit Karo-Hemd vor mir", sagt eine Pilgerin aus einem Münchner Vorort.

Als dann aber der Papst spricht, ist der ganze Ärger verflogen. Benedikt XVI. ist mit einem klaren Ziel nach Bayern gekommen. Das "Grundthema" sei, so kündigte er zuvor an, "dass wir Gott wieder entdecken müssen". Insbesondere Deutschland gilt dem Vatikan da als verdächtig, weil es ein konfessionell gespaltenes Land ist, weil hier immer weniger Menschen offensiv zum katholischen Glauben stehen. In seiner Predigt heute hat der Pontifex da ein schönes Beispiel mitgebracht: Die katholische Kirche in Deutschland sei "großartig durch ihre sozialen Aktivitäten", immer wieder würden ihm Bischöfe aus aller Welt "von der Großherzigkeit der deutschen Katholiken" erzählen.

Großer Applaus für mahnende Worte

Aber diese Bischöfe erzählten ihm eben auch, so Benedikt weiter, dass sie bei Projekten der Evangelisierung in Deutschland auf Zurückhaltung stießen. Der Papst dazu: "Offenbar herrscht da doch bei manchen die Meinung, soziale Projekte müsse man mit höchster Dringlichkeit voranbringen, die Dinge mit Gott oder gar mit dem katholischen Glauben, die seien doch eher nicht gar so wichtig." Die Evangelisierung müsse aber vorausgehen, "damit auch die sozialen Dinge vorangehen, damit Versöhnung werde". Nur so könne zum Beispiel "Aids wirklich von den tiefen Ursachen her bekämpft und die Kranken mit der nötigen Liebe gepflegt werden", so Benedikt XVI. Diese mahnenden Worte rufen großen Applaus bei der katholischen Viertelmillion auf dem Messegelände hervor.

Für Benedikt das große Thema seines Pontifikats: Die Rückbesinnung auf den Glauben an Gott. Joseph Ratzinger fordert "Maßstäbe" ein, "nach denen Technik in den Dienst des Rechts und der Liebe tritt". Wenn er nach der "Richtung unseres Tuns" fragt, dann trifft er eine gesellschaftliche Stimmung, die nach Jahren des Individualismus wieder eine Wertedebatte antreibt. Bei den deutschen Katholiken schlagen die päpstlichen Worte natürlich besonders ein: "Das war sehr beeindruckend", sagt ein Münchner, "er hat sehr einfach und verständlich rübergebracht, dass wir uns mehr auf Gott konzentrieren müssen".

Benedikt XVI. fordert außerdem Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Religionen. Die Ehrfurcht vor dem Heiligen der anderen setze voraus, "dass wir selbst die Ehrfurcht vor Gott wieder lernen". Bereits gestern Abend bat der Papst Bundespräsident Horst Köhler in einem Vier-Augen-Gespräch, noch mehr zu tun fürs friedliche Zusammenleben der unterschiedlichen Religionen in Deutschland.

"Mann mit Herz"

Der Papst zelebriert den als Eucharistiefeier angelegten Zwei-Stunden-Gottesdienst auf einer Altarinsel unter großem weißem Segeldach. Hinter ihm herrscht mit sechs Zypressen und einem Kruzifix vor weißem Grund eine fast schon protestantische Schmucklosigkeit. Dafür allerdings ist die Darstellung Christi eine ganz besondere: Das Enghausener Kreuz aus dem Jahr 890 ist das älteste lebensgroße Kruzifix der Welt.

Zu einer besonderen logistischen Herausforderung wird die Eucharistiefeier selbst, denn insgesamt 130.000 Hostien sind an die Gläubigen zu verteilen. Körbeweise werden sie von 927 Kommunionhelfern unters Volk getragen. Dankbar nehmen die Menschen die dünnen Brotscheiben entgegen.

Ein mittelaltes Paar aus Oberbayern ist glücklich: "Es ist einfach schön, dass wir einen deutschen Papst haben", sagen sie. Heute habe alles zusammen gepasst, "es hat viel Liebe aus ihm gesprochen". Joseph Ratzinger sei "ein Mann mit Herz". Besonders die Betonung seiner Wurzeln, das habe ihnen gefallen: "Wir spüren seine Liebe für uns, für sein Bayern". Ja, sagt der Mann, "mir san zwar nicht die Super-Katholiken", aber ein paar Tränen verdrückt habe er schon, "der Glaube ist nun mal Teil unseres Lebens".



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