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Dramatischer Appell auf Lampedusa Papst fordert mehr Solidarität mit Flüchtlingen

Der Papst hat auf der Insel Lampedusa an das Elend der dort strandenden oder im Meer ertrunkenen Migranten erinnert: Ihr Schicksal gehe alle an. Kirchenvertreter sprechen von einem wichtigen Signal, im Vergleich zu seinem Vorgänger zeige Franziskus endlich Barmherzigkeit.

Rom - Einen "kurzen Besuch in der größtmöglichen Diskretion" hatte der Vatikan zuvor angekündigt - tatsächlich wurde der Besuch von Papst Franziskus auf Lampedusa ein kleines Spektakel. Seine erste Reise als Kirchenoberhaupt der Katholiken führte ihn zu den Flüchtlingen. Franziskus prangerte auf der italienischen Insel die Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal von Migranten an.

In einem dramatischen Appell rief er zu mehr Solidarität mit den verzweifelt Hilfesuchenden auf. Unsere Wohlstandskultur führe dazu, "dass wir nur an uns selbst denken, sie macht uns gefühllos dem Aufschrei der anderen gegenüber, lässt uns in schönen Seifenblasen leben", sagte der Papst in einer Messe auf dem Sportplatz der Insel. Vor etwa 10.000 Migranten und Inselbewohnern forderte er die Abkehr von einer "Globalisierung der Gleichgültigkeit".

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Papst Franziskus: Besuch auf Lampedusa

Foto: Gregorio Borgia/ AP/dpa

Der Tod von Migranten bei einer Überfahrt stecke wie ein schmerzender "Dorn im Herzen", sagte Franziskus. Der Mensch sei orientierungslos geworden, er kümmere sich nicht mehr um den anderen. Gott müsse um Vergebung für diese Gleichgültigkeit gebeten werden. Er werde die Menschen auch danach beurteilten, wie sie die Armseligsten behandelten, schrieb Franziskus nach der Messe über Twitter .

"Ich bete für alle, die nicht bis hierher gekommen sind"

"Und wenn diese Orientierungslosigkeit weltweite Ausmaße annimmt, dann kommt es zu solchen Tragödien", so der Papst. Zur Grausamkeit in der Welt trügen dabei auch jene bei, die soziale und wirtschaftliche Weichen stellten, die den Weg zu dramatischen Schiffbrüchen ebneten.

Zuvor hatte Franziskus für die vielen Menschen gebetet, die bei Flüchtlingskatastrophen im Mittelmeer umgekommen sind. Bei einer Fahrt durch die Menschenmenge küsste er Kinderhäupter und schüttelte Dutzende Hände.

Auf Lampedusa stranden jedes Jahr Tausende Afrikaner. In der Hoffnung auf ein besseres Leben in Europa wagen sie die gefährliche Überfahrt in meist überfüllten und wenig seetüchtigen Booten. Dabei kommen immer wieder zahlreiche Flüchtlinge ums Leben. Zu ihrem Gedenken legte der Papst von einem Patrouillenboot der italienischen Küstenwache aus einen Kranz im Meer ab. "Ich bete für euch und für alle, die nicht bis hierher gekommen sind", sagte er. In den vergangenen Wochen waren wieder Hunderte Migranten auf der Insel vor Sizilien gestrandet.

Mehr als 200.000 Flüchtlinge

Der Besuch von Franziskus auf Lampedusa ist ein wichtiges Signal. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger wagt er sich nur wenige Monate nach seiner Wahl zum Kirchenoberhaupt an einen Ort, an dem es immer wieder Dutzende Tote zu beklagen gibt. Dass Franziskus seine erste Reise außerhalb Roms auf die Flüchtlingsinsel mache, sei ein "starkes Signal" an die Regierungen, ihre Einwanderungspolitik zu überdenken, sagte der für Flüchtlinge zuständige Kardinal Antonio Maria Vegliò.

Auch der Sprecher der Reformbewegung "Wir sind Kirche", Christian Weisner, nannte die Reise von Franziskus ein bemerkenswertes Zeichen. Der Papst erinnere damit an die vielen Toten an den Grenzen Europas und halte den europäischen Ländern und auch Deutschland in der Asylpolitik kritisch einen Spiegel vor. Solche Barmherzigkeit sei von vielen Gläubigen in der Amtszeit von Papst Benedikt XVI. vermisst worden.

Eine knappe halbe Stunde vor der Ankunft von Papst Franziskus war erneut ein Boot mit rund 160 Flüchtlingen in Lampedusa eingetroffen. Es wurde von Booten der Polizei sowie der Hafenbehörden zu der Insel geleitet. Von 1999 bis 2012 sind mehr als 200.000 Menschen auf Lampedusa angekommen. Nach Schätzungen kamen in den vergangenen 25 Jahren rund 19.000 Flüchtlinge bei der oft gefährlichen Überfahrt ums Leben.

Erst vor kurzem hatten die Vereinten Nationen in ihrem Jahresbericht zum Weltflüchtlingstag neue Zahlen veröffentlicht: Demnach lebten Ende des vergangenen Jahres 45,2 Millionen Menschen als Flüchtlinge. Das ist der höchste Stand seit Mitte der neunziger Jahre, als die Kriege in Ex-Jugoslawien und der Völkermord in Ruanda unzählige Menschen aus ihrer Heimat vertrieben.

aar/dpa/AFP
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