Vereinfachung von Ehe-Annullierungen Franziskus' Finte

Schneller, billiger, in einer Instanz: Papst Franziskus hat das Verfahren zur Nichtigkeitserklärung von katholischen Ehen radikal vereinfacht - und schlägt den Hardlinern in seiner Kirche ein Schnippchen.

Papst Franziskus: Kluger Fingerzeig für katholische Gläubige
DPA

Papst Franziskus: Kluger Fingerzeig für katholische Gläubige


Etwa 300 Jahre war das kirchliche "kanonische" Recht in einer wichtigen Frage im Kern unangetastet geblieben: Eine einmal geschlossene Ehe annullieren zu lassen, war fast unmöglich. Heute wurde es mit zwei päpstlichen Schreiben, im Vatikan "Motu proprio" genannt, geradezu revolutioniert.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 37/2015
Das tödliche Geschäft der Schlepper-Mafia

Bislang war die Annullierung einer Ehe ein eher seltener Ausnahmefall, mit langen Prozeduren und stattlichen Kosten, etwa für im Kirchenrecht bewanderte Anwälte. Lange Zeit galt es als Schlupfloch für scheidungswillige Blaublüter und Promis.

Künftig kann es sich jeder leisten. Denn es soll im Prinzip kostenlos sein, nur eine Auslagen- und Aufwandserstattung kann die Kirche noch einfordern.

Auch der bislang vorgeschriebene Gang durch mindestens zwei Institutionen fällt weg. Der Bischof der Diözese, in der ein Ehepaar oder jedenfalls einer der Partner seine Hochzeit rückwirkend revidieren will, ist der zuständige Richter, der über deren Antrag entscheidet. Und wenn er nicht selbst aktiv werden mag, setzt er einen Beauftragten dafür ein. In jedem Fall soll das Verfahren möglichst binnen Jahresfrist abgeschlossen sein.

"Historische Reform"

Mit seiner Reform, die etwa die römische Tageszeitung "La Repubblica" als "historisch" einordnet, löst Papst Franziskus gleich zwei Probleme: Eines für viele gläubige Katholiken, die eine unglückliche Ehe per Scheidung beendet haben und eine neue Verbindung eingehen wollen oder schon ein zweites Mal geheiratet haben, und dazu eines für seine katholische Kirche.

Bislang nämlich dürfen geschiedene Katholiken in zweiter Ehe zwar in der Kirche mitbeten und mitsingen. Das Sakrament der Eucharistie dürfen sie aber nicht empfangen.

Unter dem Ausgeschlossensein von Sakramenten leiden viele gläubige Katholiken, schon seit etlichen Jahren wird innerhalb der Kirche diskutiert, wie man das ändern könnte.

Ihnen das einfach zu erlauben, steht jedoch sogar dem Papst nicht an. Denn eine noch höhere Instanz, Jesus selbst, hat die Ehe für unauflöslich erklärt. Die katholische Ehe bleibt mithin bestehen, auch wenn das Standesamt die weltliche Verbindung geschieden hat. Sex mit einem neuen Partner ist, auch nach einer Scheidung, laut katholischem Recht Ehebruch - also Sünde.

Wenn Papst Franziskus "Türen öffnet"

Aus diesem Dilemma kam die Bischofssynode im vorigen Herbst nicht heraus. Und die für diesen Oktober angesetzte zweite Runde der Versammlung der Bischöfe aus aller Welt hatte beste Aussichten, sich erneut im Streit um die "Unauflöslichkeit der Ehe" zu verbeißen.

Schon vorab lieferten sich orthodoxe Dogmatiker und reformorientierte Modernisten öffentliche Wortgefechte. Die einen sehen das "auf eheliche Treue gegründete traditionelle Familienbild des Evangeliums" in Gefahr. Andere, etwa der deutsche Kardinal Walter Kasper, fordern seit Langem "neue Wege", um das alte Kirchenrecht mit der Lebenswirklichkeit der Gläubigen in Einklang zu bringen. Auch Papst Franziskus hatte angekündigt, "Türen zu öffnen" und "diesen Menschen eine brüderliche Aufnahme in der Kirche zu bieten".

Die heute verkündete Vereinfachung der Ehe-Annullierungsverfahren könnte man, frei interpretiert, als einen päpstlichen Fingerzeig in diese Richtung verstehen: Wer sich unbedingt trennen und - weltlich - scheiden lassen will, möge zugleich die Ehe - katholisch - für nichtig erklären lassen. So haben Kirche und Geschiedene ein Problem weniger. Das Prinzip der Unauflöslichkeit der Ehe bleibt unangetastet, Nichtig-Verheiratete-Geschiedene dürfen auch in zweiter Ehe alle Sakramente empfangen.

Wann ist eine Ehe nichtig?

An den Gründen, die kirchlich abgesegnete Hochzeit - denn wer nur standesamtlich verheiratet ist, lebt ja ohnehin gegen die katholischen Vorschriften - für nichtig erklären zu können, ändert sich durch die Reform nichts Wesentliches.

Dazu zählen zum Beispiel eine Scheinehe oder eine erzwungene Hochzeit. Auch wenn ein Partner von Anfang an keine Kinder haben wollte oder einer der beiden oder beide die eheliche Treue nicht für beachtenswert hielten, kann die Verbindung ohne sakramentale Folgen gelöst werden. Sollte einer der Partner sich nicht bewusst gewesen sein, dass die Ehe nach katholischem Verständnis unauflöslich ist, ist die Verbindung gleichermaßen ungültig geschlossen, weil sie mit einem Erkenntnis- oder Willensmangel behaftet war. Dazu kann auch ein psychischer oder körperlicher Defekt gerechnet werden, etwa die "Beischlafunfähigkeit" eines Partners, freilich nicht die bloße "Zeugungsunfähigkeit".

Das Verfahren selbst bleibt im Kern ebenfalls unverändert: Wer meint, nicht gültig verheiratet zu sein, geht zur Leitung seiner Diözese und stellt einen Antrag, benennt darin die Gründe und mögliche Zeugen oder andere Belege.

Auch wer schon geschieden ist und eine neue Bindung anstrebt, kann die erste Ehe im Nachhinein für nichtig erklären lassen. Wenn der Partner oder Ex-Partner damit einverstanden ist, erleichtert das die Sache. Ansonsten wird der natürlich angehört, und das kann die Beweislast erschweren und den Prozess in die Länge erziehen. Aber das kann Franziskus nicht auch noch auf die Schnelle ändern.

insgesamt 100 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
femtom1nd 08.09.2015
1. Simply the best ...
Er ist und bleibt der beste Papst, den wir je hatten.
Cotti 08.09.2015
2. Werteausverkauf
Jetzt muss der "Papst" nur noch erklären, dass es gar keinen "Gott" gibt und sein Amt demokratischen Wahlen ausliefern. Als Atheisten sind mir viele Werte der Kirchen mehr als fremd, jedoch erkenne ich an, wenn in solchen Gemeinschaften nach anderen Werten gelebt wird. Wenn diese jetzt über Bord geworfen werden, kann man die Organisation gleich mit auflösen, dann haben sie keinen eigenen Wert mehr.
pleromax 08.09.2015
3. Dieser Papst ist und bleibt eben
Dieser Papst ist und bleibt eben ein Jesuit - spitzfindig und intellektuell für seine kirchlichen Widersacher nur schwer anfechtbar.
dahalag 08.09.2015
4. Das sind ja rekordverdächtige zwei...
... theologische Scheinlösungen für Scheinprobleme in einer Woche! Zeitlich befristet dürfen in Kürze ja auch Abtreibungen vergeben werden... Haben die auf diese Weise nie verheiratetet gewesenen, dann eigentlich nachträglich die ganze Zeit in Sünde gelebt? Am Ende hatten die sogar noch außerehelichen Sex miteinander? Dafür muss noch eine Scheinlösung her...
Emderfriese 08.09.2015
5. Sinnsuche
Wäre es nicht viel einfacher, an all den ganzen Mumpitz nicht mehr zu "glauben" (denn selbst mit Glauben hat das eigentlich nicht viel zu tun), die ganzen kirchlichen Dogmen zu Seite zu schieben, um dann den lieben Gott für sich selber zu suchen und mit ihm und allen anderen Menschen in Frieden auszukommen? Macht das nicht mehr Sinn?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.