Papst Franziskus Priester dürfen Abtreibung vergeben

Das Heilige Jahr geht zu Ende, und Franziskus zeigt Barmherzigkeit: Der Papst erteilt Priestern dauerhaft die Erlaubnis, Frauen die "Sünde" der Abtreibung zu vergeben.

Papst Franziskus
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"Misericordia et misera", "Barmherzigkeit und Not", heißt das apostolische Schreiben des Papstes, das der Heilige Stuhl am Montag veröffentlicht hat. Darin gibt Franziskus katholischen Priestern die Möglichkeit, auch nach Ende des Heiligen Jahres am 20. November Abtreibungen zu vergeben.

Dies war ursprünglich nur Bischöfen und ausgewählten Geistlichen gestattet. Zu Beginn des heiligen Jahres am 8. Dezember 2015 hatte Papst Franziskus jedoch allen Priestern eingeräumt, Absolution zu erteilen für einen medizinischen Eingriff, der in der katholischen Kirche eigentlich als "verabscheuungswürdiges Verbrechen" gilt. Demnach beginnt das Leben eines Menschen unmittelbar nach der Zeugung - eine Abtreibung ist mithin Mord. Frauen werden üblicherweise mit Exkommunizierung bestraft; auch jeder, der eine Schwangere bei dem Schritt unterstützt, muss die Kirche verlassen.

Beichte (in Polen)
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Beichte (in Polen)

In seinem apostolischen Brief ruft der Pontifex dazu auf, eine "Kultur der Barmherzigkeit" in der Kirche wachsen zu lassen. "Damit dem Wunsch nach Versöhnung und der Vergebung Gottes nichts im Wege stehe, gewähre ich von nun an allen Priestern die Vollmacht, kraft ihres Amtes jene loszusprechen, welche die Sünde der Abtreibung begangen haben. Was ich auf den Zeitraum des Jubeljahres begrenzt gewährt habe, wird nun zeitlich ausgedehnt, unbeachtet gegenteiliger Bestimmungen."

Wie gewohnt, versucht der Papst, mit einem Nachsatz seinen reaktionären Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: "Ich möchte nochmals mit all meiner Kraft betonen, dass Abtreibung eine schwere Sünde ist, da sie einem unschuldigen Leben ein Ende setzt." Dennoch gebe es keine Sünde, die durch "die Barmherzigkeit Gottes nicht erreicht und vernichtet werden kann". Jeder Priester sei aufgerufen, "auf diesem Weg der besonderen Versöhnung Führer, Halt und Trost sein".

Auswirkung auf die Abtreibungsdebatte in den USA?

Die Entscheidung des Pontifex fiel fristgemäß zum Ende des Heiligen Jahres, für die katholischen Christen in den Vereinigten Staaten allerdings kommt sie zu einem sensiblen Zeitpunkt. Mit der Wahl von Donald Trump zum neuen US-Präsidenten und dem damit einhergehenden Aufstieg der Rechten wird der Druck auf Frauen, die abtreiben, noch größer, als er im Land der erzkonservativen "Pro-Life-Bewegung" ohnehin schon ist.

Mike Pence, Trumps designierter Vizepräsident und Vertreter der Evangelikalen bei den Republikanern, hat bereits erklärt, dass er eine Verschärfung der Abtreibungsvorschriften wünschenswert finde. In seiner Amtszeit als Gouverneur des US-Bundesstaats Indiana hat er acht Gesetze gegen den vorzeitigen Schwangerschaftsabbruch auf den Weg gebracht.

Trump hat bereits angekündigt, für das Oberste Gericht nur Kandidaten zu nominieren, die gegen Abtreibung und für das Recht auf Waffenbesitz seien. Das seit mehr als 40 Jahren bestehende Recht der Frauen auf Abtreibung stünde damit zur Disposition. Sollte Abtreibung also staatlich verboten, aber vom Papst weiterhin vergeben werden, wären die Katholiken in den USA mindestens in einem Gewissenskonflikt.

Barmherzigkeit und Elend

Was Franziskus offenkundig zu der Verlängerung der umstrittenen Empfehlung getrieben hat, ist seine persönliche Erfahrung mit Frauen, die aus Not, Unwissenheit oder durch Zwangsprostitution schwanger werden. Bereits am Sonntagabend hatte der Papst dem Sender der italienischen Bischofskonferenz, TV 2000, ein 40-minütiges Interview gegeben, in dem er ausführlich über seine Begegnungen mit Frauen in Not gesprochen hat.

So habe er einmal eine "wunderschöne, sehr junge, ausgebeutete Afrikanerin" getroffen, die unter Schlägen und Folter dazu gezwungen worden sei, sich zu prostituieren. "Ich habe mein Kind auf der Straße zur Welt gebracht", habe sie ihm erzählt. "Allein. Mein kleines Mädchen ist dann gestorben." Bis zum letzten Tag vor der Geburt habe man sie gezwungen, zu arbeiten, sagte der Papst und stellte eine rhetorische Frage: "All jene, die die Mädchen bezahlt haben, wussten sie denn nicht, dass sie mit diesem Geld, nur um sich sexuelle Befriedigung zu verschaffen, den Ausbeutern halfen?"

"Misericordia et Misera" sind Begriffe, mit denen der heilige Augustinus im Johannes-Evangelium eine Begegnung Jesu mit einer Ehebrecherin beschreibt (Joh 8, 1-11). Franziskus bezieht sich in seinem Schreiben auf diese Begegnung: "Jesus hat dieser Frau in die Augen geschaut und in ihrem Herzen gelesen: Dort hat er die Sehnsucht entdeckt, Verständnis, Vergebung und Befreiung zu erlangen. Die Erbärmlichkeit der Sünde ist von der Erbarmung der Liebe überkleidet worden."

In seinem Schreiben geht Franziskus auch auf die hochumstrittene Pius-Bruderschaft ein und erlaubt Katholiken auch künftig, bei Priestern der Vereinigung zu beichten. "Für das pastorale Wohl dieser Gläubigen und im Vertrauen auf den guten Willen ihrer Priester, dass mit der Hilfe Gottes die volle Gemeinschaft in der katholischen Kirche wiedererlangt werden kann, setze ich aus eigenem Entschluss fest, diese Vollmacht über den Zeitraum des Jubeljahres hinaus auszudehnen."



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