Franziskus-Interview "Der Hofstaat ist die Lepra des Papsttums"

Franziskus erregt erneut Aufsehen mit deutlichen Worten: Während seine Reformkommission die Arbeit aufnimmt, geht der Papst mit der "Vatikan-zentrierten" Kurie hart ins Gericht und spricht von narzisstischen Kirchenführern.
Papst Franziskus: "Die Führer der Kirche waren oft narzisstisch"

Papst Franziskus: "Die Führer der Kirche waren oft narzisstisch"

Foto: GIAMPIERO SPOSITO/ REUTERS

Rom - Papst Franziskus redet Klartext. Der 76-Jährige hat eine Nabelschau des Heiligen Stuhls kritisiert und diese "Selbstbezogenheit" im Vatikan als einen Defekt angeprangert. Die Kirche sei "Vatikan-zentriert", beklagte er in einem Interview mit der Zeitung "La Repubblica".

Auch wenn die Kurie in Rom in ihrer Gesamtheit kein Fürstenhof sei, so gebe es unter den Mitgliedern der Kirchenverwaltung bisweilen aber Höflinge, sagte Franziskus. Seine Äußerungen erschienen an dem Tag, an dem sich die vom Papst eingesetzte Beratergruppe aus acht Kardinälen erstmals mit ihm traf, um über Reformen der Kurie zu sprechen. Diese seien "keine Höflinge, sondern weise Personen", so Franziskus über seine Berater.

"Die Führer der Kirche waren oft narzisstisch, von Höflingen umschmeichelt und zum Üblen angestachelt. Der Hof ist die Lepra des Papsttums", sagte Franziskus in dem langen Interview mit dem "Repubblica"-Gründer Eugenio Scalfari . Das Treffen des Papstes mit dem namhaften Journalisten und überzeugten Atheisten fand am 24. September in Franziskus' Gemächern in Santa Marta im Vatikan statt. Vorausgegangen war ein Schriftwechsel, den die "Repubblica" veröffentlicht hatte.

Er teile eine auf den Vatikan und seine Interessen ausgerichtete Sicht nicht, so der Papst: "Ich werde alles tun, um sie zu ändern." Der Heilige Stuhl müsse im Dienst des Volkes Gottes stehen. Sein neues Beratergremium hob er dabei mit den Worten hervor, damit beginne "eine Kirche mit einer nicht nur vertikalen, sondern auch horizontalen Organisation".

"Seitdem wurde wenig erreicht"

Franziskus forderte die katholische Kirche auch erneut auf, sich der Neuzeit zu öffnen. Er plädiert seit seiner Wahl zum Papst im März für "eine arme Kirche für die Armen". In dem Interview sagte er, das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965), das die Kirche grundlegend veränderte, habe beschlossen, "der Zukunft mit modernem Geist entgegenzusehen". Die Väter des Konzils hätten gewusst, dass dies den Dialog mit den anderen Kirchen und den Atheisten bedeute. "Seitdem wurde wenig erreicht in diesem Sinne. Ich habe die Bescheidenheit und den Ehrgeiz, dies machen zu wollen", sagte der Papst.

Die größten Probleme der Welt seien die Arbeitslosigkeit der Jungen und die Einsamkeit der Alten. Der "wilde Liberalismus" führe dazu, dass "die Starken stärker, die Schwachen schwächer und die Ausgeschlossenen ausgeschlossener" würden.

Die Reformkommission will zunächst bis Donnerstag im Vatikan tagen. Sie ist vom Papst beauftragt, ihm persönlich Reformvorschläge für die Kurie und die Kirche vorzulegen. Weitere Zusammenkünfte der Beratergruppe in der nächsten Zeit sind geplant, Franziskus könnte dieses neue Gremium auch noch erweitern.

Dem Papst geht es um die Leitung seiner Weltkirche und um eine Revision der Struktur und Funktionsweise der Kurie. Der Vatikan hatte darauf verwiesen, dass die Kardinäle feste Berater des Papstes seien und selbst nichts entscheiden. Über die Ergebnisse ihrer Beratungen solle auch nichts mitgeteilt werden. Eine schlankere Kurie und eine stärkere Vernetzung der vatikanischen "Regierungsarbeit" dürften zu ihren Zielen gehören. Franziskus hatte bereits auch Kommissionen für wirtschaftliche Angelegenheiten und Verwaltungsfragen im Vatikan eingesetzt.

In dem Gespräch mit Scalfari wiederholt der Papst seine - in den Augen konservativer Theologen sehr umstrittene - Einschätzung, dass der Mensch ganz gut allein wisse, was gut und was böse sei: "Jeder hat seine Idee von Gut und Böse und sollte dem Guten folgen und das Böse bekämpfen, so wie er beides versteht. Das würde schon reichen, die Welt zu verbessern."

"Ich glaube nicht an die Seele", sagt Scalfari. "Sie glauben nicht dran, aber Sie haben eine", entgegnete Franziskus.

wit/ala/dpa/AFP
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