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06. Februar 2018, 16:10 Uhr

Missbrauchsvertuschung in Chile

Papst in Erklärungsnot

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Gerade nahm der Papst einen chilenischen Bischof in Schutz, der Missbrauch vertuscht haben soll. Jetzt bringt ein Brief Franziskus in Bedrängnis: Wusste der Pontifex schon 2015 Bescheid?

"Heiliger Vater, ich schreibe Ihnen diesen Brief, weil ich es satt habe, zu kämpfen, zu weinen und zu leiden": Mit diesen Worten wendet sich Juan Carlos Cruz Chellew in einem Brief vom 3. März 2015 an Papst Franziskus. Er sei eines der Opfer des chilenischen Priesters Fernando Karadima, der ihn in den Achtzigerjahren missbraucht und damit fast in den Selbstmord getrieben habe.

Cruz nennt die Namen der heutigen Bischöfe, die zur Zeit der Übergriffe zur "Gruppe von Karadima" gehört haben sollen - darunter auch Juan Barros Madrid. Der Vorwurf: Die Geistlichen hätten dem Missbrauch beigewohnt und teilweise neben den Opfern gestanden, während sie von Karadima missbraucht worden seien. Karadima habe die Zuschauer zudem "in unpassender Weise" berührt: Er habe sie geküsst und ihnen kleine Schläge auf die Genitalien verabreicht.

Papst Franziskus hatte Juan Barros Madrid am 10. Januar 2015 zum Bischof der chilenischen Diözese Osorno ernannt - Hunderte Gläubige protestierten im März desselben Jahres gegen diese Entscheidung. "Heiliger Vater, für mich und sehr viele andere war diese Ernennung ein echter Schock", schreibt Cruz.

Doch sowohl die chilenische Bischofskonferenz als auch der Vatikan stellten sich hinter Barros - der Papst selbst nahm den Bischof bei seinem Chile-Besuch im vergangenen Monat noch in Schutz. Obwohl er den Kampf gegen Kindesmissbrauch stets als grundlegend für die Glaubwürdigkeit der Katholischen Kirche bezeichnet und im Jahr 2014 eine Kommission zum Schutz von Minderjährigen ins Leben gerufen hat.

Ein ehemaliges Mitglied der Kommission, Marie Collins, übergab der britischen BBC ein Foto, das belegen soll, dass sie Cruz' Schreiben im April 2015 persönlich an den Leiter der Päpstlichen Kinderschutzkommission, den Bostoner Kardinal Sean O'Malley, übergeben hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass Papst Franziskus noch 2015 über den Inhalt informiert wurde, ist groß. "Als wir ihm den Brief an den Papst gegeben haben, hat er uns versichert, dass er ihn dem Papst übergeben werde", sagte Collins der Nachrichtenagentur AP. "Und später hat er bekräftigt, dass das auch geschehen ist."

Kardinal O'Malley hatte Franziskus im vergangenen Monat öffentlich für seine Bemerkungen in Chile kritisiert. Er erklärte, der Pontifex habe den Opfern das Gefühl gegeben, alleingelassen zu werden.

Franziskus hatte stets behauptet, der Fall Barros sei eingehend geprüft worden, aber es gebe keine Beweise, die für eine Verurteilung reichten. "Als ob ich ein Selfie oder ein Foto hätte machen können, während Karadima mich und andere missbraucht und Juan Barros daneben gestanden und zugesehen hat", schrieb Cruz verärgert auf Twitter.

Bischof Barros bestritt, etwas über die mutmaßlichen Übergriffe durch Karadima zu wissen. Letzterer wurde in Chile nie strafrechtlich verfolgt, allerdings vom Vatikan dazu verurteilt, ein Leben in "Buße und Gebet" zu verbringen.

Franziskus kündigte vergangene Woche an, Erzbischof Charles Scicluna werde in Chile im Fall Barros erneut ermitteln. Die Zeitung "Le Tercera" berichtet, Cruz sei von der diplomatischen Vertretung des Heiligen Stuhls aufgefordert worden, am 20. oder 21. Februar vor Scicluna auszusagen. Da er in den USA lebt, soll er per Skype zugeschaltet werden.

Seinem Schreiben an den Papst fügte Cruz einen Brief an, den er einen Monat zuvor an den Vertreter des Vatikans in Chile, Erzbischof Ivo Scapolo, geschickt hatte. Darin heißt es, Juan Barros habe "die ganze schmutzige Arbeit von Fernando Karadima erledigt". Demnach wurde auch psychologischer Druck auf die Missbrauchsopfer ausgeübt. Als er 1987 beschlossen habe, Karadima und sein Umfeld zu verlassen, habe der übergriffige Priester eine Art Gericht gegen ihn einberufen, das einem Tribunal der Inquisition geglichen habe. Zwölf Mitbrüder hätten teilgenommen, darunter auch Juan Barros. In dem Gespräch seien private Informationen über ihn öffentlich geworden, die er seinem Beichtvater anvertraut hatte.

Eindringlich weist Cruz den Papst in seinem Schreiben darauf hin, dass die Mehrheit der Gläubigen in Chile angesichts des laxen Umgangs der Kirche mit Missbrauchstätern längst das Vertrauen in die Institution verloren habe.

"Ich bete und gehe weiterhin jeden Sonntag in die Messe", schreibt Cruz. Dafür ernte er häufig Unverständnis. Doch niemand könne ihm das Kostbarste nehmen, das ein Mensch haben könne - seine Beziehung zu Gott. Doch der Missbrauch und die fehlende Unterstützung der Kirche haben Spuren hinterlassen: "Ich schätze meinen Glauben, er trägt mich, aber er entgleitet mir."

Zu viele Opfer würden ein Leben lang schweigen, andere sich aus Verzweiflung das Leben nehmen. Der Appell an den Papst lautet: "Bitte, Heiliger Vater, seien Sie nicht wie die anderen. Es gibt so viele von uns, die trotz allem noch glauben, dass Sie etwas unternehmen können."

ala

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