"Es gibt kein Zurück" Wie Experten die Aussagen des Papstes zu gleichgeschlechtlichen Paaren bewerten

In einer Dokumentation hat sich der Papst zu Rechten gleichgeschlechtlicher Paare geäußert. Experten sehen darin einen spektakulären Kurswechsel.
Papst Franziskus (Archivbild): "Wir müssen ein Gesetz für nicht eheliche Lebenspartnerschaften entwerfen"

Papst Franziskus (Archivbild): "Wir müssen ein Gesetz für nicht eheliche Lebenspartnerschaften entwerfen"

Foto: Lauren DeCicca / Getty Images

Eine Äußerung des Papstes in einem Dokumentarfilm zu Rechten homosexueller Paare hat weltweit Schlagzeilen ausgelöst. Fachleute sprechen von einem unumkehrbaren Kurswechsel in der katholischen Kirche.

Papst Franziskus hatte sich in einem Dokumentarfilm dafür ausgesprochen, gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu schützen. "Wir müssen ein Gesetz für nicht eheliche Lebenspartnerschaften entwerfen. Auf diese Weise sind sie rechtlich abgesichert. Dafür bin ich eingetreten", sagte der Papst in der Dokumentation "Francesco", die am Mittwoch beim Filmfestival in Rom erstmals gezeigt wurde.

In der Vergangenheit hat sich der Papst wiederholt wohlwollend Homosexuellen gegenüber geäußert - jedoch ohne konkrete Folgen. Der jetzige Fall liege allerdings anders, sagt Michael Seewald, Professor für katholische Dogmatik an der Universität Münster.

"Man muss schon sagen, dass das im Vergleich zur bisherigen Haltung der katholischen Kirche eine massive Kurskorrektur ist." Es sei zwar nicht so, dass der Papst hier die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiere - wohl aber eingetragene Partnerschaften.

Dies sei eine neue Position, da die katholische Kirche auch eingetragene Partnerschaften ablehnten. "Nun gibt der Papst diese Ablehnung nicht nur auf, sondern er fordert das Gegenteil des bisher Vertretenen", sagt der Wissenschaftler Seewald.

"Raum des legitim Sagbaren und Denkbaren"

Der Papst eröffne damit in der Kirche "einen Raum des legitim Sagbaren und Denkbaren". Gleichgeschlechtliche Partnerschaften seien bisher von vielen als mit der katholischen Lehre nicht vereinbar abgeurteilt worden - diese Haltung sei jetzt kaum noch denkbar.

Dies werde gravierende Folgen haben etwa für den derzeit laufenden Reformprozess der katholischen Kirche in Deutschland, dem Synodalen Weg. Dort können sich die Reformer jetzt auf den Papst berufen.

"Wir hoffen sehr, dass bald weitere Schritte folgen"

Claudia Brand vom Verein "Regenbogenforum"

Der Verein "Regenbogenforum" christlicher Schwulen- und Lesbengruppen bezeichnete die Äußerungen des Papstes als guten Schritt nach vorn: "Wir hoffen sehr, dass bald weitere Schritte folgen", sagte Vorstandsmitglied Claudia Brand.

Der italienische Vatikan-Kenner Marco Politi schätzt die Äußerungen des Papstes ebenfalls als sehr bedeutsam ein. Sie kommen für ihn nicht überraschend: "Der Papst hat die ganze Besessenheit der katholischen Tradition mit Sex-Problemen vom Tisch gewischt", sagt Politi. "Insofern ist das ein Schritt, der sich ganz klar gegen die Linie seines Vorgängers Benedikt richtet."

Franziskus habe als erster Papst einen spanischen Transsexuellen mit seiner Verlobten und dem Bischof seiner Diözese im Vatikan empfangen. Noch vor wenigen Wochen traf er in Rom eine Mutter, die einer Bewegung von Eltern homosexueller Kinder angehört. Wieder habe Franziskus erklärt: "Das sind alle Kinder Gottes!"

"Schwelender Bürgerkrieg"

Die große Frage ist nun, ob es hier um einen dauerhaften Positionswechsel der Kirche geht. Politis Überzeugung ist: "Es gibt kein Zurück." Erst einmal würden die Äußerungen von Franziskus zwar den "schwelenden Bürgerkrieg innerhalb der Kirche" zwischen Reformern und Konservativen befeuern.

Doch ein völliges Zurückdrehen sei nicht mehr vorstellbar. "Das ist ähnlich wie bei der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene. Auch da ist nichts festgeschrieben, aber ein Zurück gibt es auch da nicht mehr."

jpz/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.