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19. Januar 2018, 14:49 Uhr

Missbrauchsopfer in Chile

"Seine Bitte um Vergebung ist leer"

Papst Franziskus brüskiert Missbrauchsopfer in Chile. Bei seiner Südamerikareise hat er einen umstrittenen Bischof in Schutz genommen, der angeblich vom Kindesmissbrauch gewusst hat.

Papst Franziskus hat während seiner Südamerikareise heftige Kritik ausgelöst, weil er Missbrauchsopfer der Verleumdung bezichtigt hat. Er stellte sich damit vor den umstrittenen Geistlichen Juan Barros, dem vorgeworfen wird, von Kindesmissbrauchsfällen gewusst und nichts dagegen unternommen zu haben.

Barros soll die Verbrechen des Pfarrers Fernando Karadima gedeckt haben. Während Karadima wegen jahrelangen Missbrauchs von Minderjährigen 2011 vom Vatikan zu lebenslanger "Buße und Gebeten" verurteilt wurde, ernannte Franziskus wiederum Barros im Jahr 2015 zum Bischof von Osorno. Nun stellte sich der Papst erneut vor den umstrittenen Mann: "Es gibt keinen Fetzen an Beweisen gegen ihn. Es ist alles Rufmord. Ist das klar?"

Juan Carlos Cruz, eines der Opfer von Karadima, gehört zu den Kritikern des Bischofs. Cruz reagierte auf Twitter verärgert auf Franziskus' Äußerungen: "Als ob ich ein Selfie oder ein Foto hätte machen können, während Karadima mich und andere missbraucht und Juan Barros daneben gestanden und zugesehen hat." Nichts habe sich geändert. "Seine Bitte um Vergebung ist leer."

Anne Barret Doyle von der Internetplattform "BishopAccountability", die Unterlagen zum sexuellen Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche veröffentlicht, kritisierte die Äußerungen des Papsts scharf: Die Beweispflicht bleibe bei der Kirche, nicht bei den Opfern. "Er hat die Uhr gerade in die schwärzesten Tage dieser Krise zurückgedreht", sagte sie über den Papst. "Wer weiß, wie viele Opfer nun entscheiden werden, versteckt zu bleiben, aus Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird?"

bbr/AP

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