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28. November 2006, 09:01 Uhr

Papst in der Türkei

Besuch bei der 0,4-Promille-Gemeinde

Von , Istanbul

Angriffe auf Christen, enteignete Kirchengemeinden, Diskriminierung durch den Staat: Die 30.000 Katholiken in der Türkei erhoffen sich vom Papst-Besuch endlich mehr Anerkennung. Auch am Umgang der 73 Millionen Türken mit dieser Minderheit entscheidet sich, ob das Land reif für Europa ist.

Istanbul - Wenn Prälat Rainer Korten, 65, in Antalya auf die Straße geht, grüßen ihn seine Nachbarn freundlich. "Hallo Papaz, merhaba!", rufen sie dann mit dem türkischen Wort für Geistlicher. "Nasilsiniz?" - "Wie geht's?" Korten grüßt lächelnd zurück: "Iyiyim tesekkürler!" - "Danke, gut!" Viel mehr Türkisch kann er nicht, doch er versteht sich auch so mit den Leuten.

Katholiken bei einem Gottesdienst in der Türkei: "Anhaltende Diskriminierung"
AFP

Katholiken bei einem Gottesdienst in der Türkei: "Anhaltende Diskriminierung"

Als der weißhaarige Katholik im November 2003 als erster deutscher Touristenpfarrer in der Türkei seinen Dienst antrat und ein ehemaliges Internet-Café im Stadtzentrum Antalyas in eine kleine Kirche umwandelte, waren die Anwohner zunächst misstrauisch. Doch das gab sich schnell. Inzwischen schickt ihm der benachbarte Blumenzüchter sogar regelmäßig üppige Sträuße zu den christlichen Feiertagen. So entspannt wie Korten im sonnigen Antalya leben nicht alle Christen in der Türkei. Insgesamt sei "das Klima eher bedrückend", klagte der Katholische Bischof von Anatolien, Luigi Padovese, kürzlich bei einem Besuch in Rom vor italienischen Journalisten.

Auch Padovese residiert eigentlich relativ beschaulich im Mittelmeerhafen Iskenderun. "Die Menschen hier kennen uns, sie sind freundlich, nicht feindlich gesinnt", sagt er. Doch der Italiener ist zermürbt von den bürokratischen Hürden, die der türkische Staat den christlichen Kirchen trotz angeblicher Religionsfreiheit im Alltag immer wieder in den Weg stellt, von den Vorurteilen und Verschwörungstheorien, die in Presse und Büchern kursieren. Vor allem den Mord an einem seiner Priester, Andrea Santoro, kann der Bischof nicht überwinden. Santoro war im Februar beim Gebet in der Kirche von Trabzon am Schwarzen Meer hinterrücks erschossen worden. Nur wenige Monate darauf wurde der 75-jährige Pater Pierre Brunissen im 250 Kilometer entfernten Samsun mit dem Messer angegriffen.

Symbolischer Besuch bei Bartholomäus I.

Auch wenn solche Gewalttaten spektakuläre Ausnahmen bleiben, kommt der Papst auf seiner Türkei-Reise doch in eine christliche Diaspora, die kräftigen Zuspruchs bedarf. Die Christen in der Türkei sind eine winzige Minderheit von 100.000 bis 120.000 unter mehr als 70 Millionen muslimischen Türken.

Die meisten Kirchen des einst so mächtigen christlichen Kaiserreiches Byzanz wurden nach der Eroberung durch die Türken 1453 in Moscheen umgewandelt. Vielerorts kämpfen die christlichen Gemeinden heute ums Überleben. In Trabzon etwa, wo bis 1461 gut 250 Jahre lang das kleine christliche Reich Trapezunt bestanden hatte, finden sich heute kaum noch ein Dutzend Christen.

Die Gemeinschaft der orthodoxen Griechen, einst eine der wichtigsten Bevölkerungsgruppen Kleinasiens, ist in der ganzen Türkei auf 4000 Mitglieder geschrumpft. Beim erzwungenen "Bevölkerungsaustausch" zwischen Griechenland und der Türkei waren nahezu 1,5 Millionen orthodoxer Christen vertrieben worden. Noch vor der Gründung der türkischen Republik hatte das Land durch Massenmorde und Vertreibung der Armenier im Ersten Weltkrieg fast eine Million Christen verloren.

Vor allem dank eines hohen Anteils von Ausländern sind die mehr als 30.000 Katholiken nach den etwa 70.000 Mitgliedern der armenisch-apostolischen Kirche die zweitstärkste christliche Religionsgruppe in der Türkei - wenngleich ihr Bevölkerungsanteil bei rund 73 Millionen Türken nur 0,4 Promille ausmacht.

Wenn der Papst nun den griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomäus in Istanbul besucht, ist das keine bloße Höflichkeit, sondern die Anerkennung der Rolle, die Bartholomäus I., Erzbischof von Konstantinopel und Neu-Rom, als Ehrenoberhaupt von rund 300 Millionen Orthodoxen weltweit hat.

Kirche als Immobilien-AG

Auf dem Boden der muslimischen Türkei könnte das Treffen der beiden christlichen Kirchenführer sogar zu einem historischen Datum werden - wenn nämlich ein Durchbruch in der tatsächlichen Wiederannäherung der beiden jahrhundertelang verfeindeten, in Ost und West, Morgen- und Abendland gespaltenen Kirchen gelingt.

Nachdem Benedikts Vorgänger den Dialog in Gang gesetzt hatten, müssten nun konkrete inhaltliche Differenzen ausgeräumt werden wie das Selbstverständnis des Papstes als "Vikar Jesu Christi", also dessen Stellvertreter auf Erden, was die Orthodoxen strikt ablehnen.

In der Türkei, die eine säkulare Verfassung hat, können Christen ihre Religion im Prinzip frei ausüben. Doch noch immer haben die nicht-muslimischen Gemeinschaften mit erheblichen Schwierigkeiten zu kämpfen. Das kritisierte die EU erst jüngst in ihrem "Fortschrittsbericht" zur Türkei. So haben die Kirchen noch immer keinen Rechtsstatus und nur eingeschränkte Eigentumsrechte. Das bedeutet, dass die deutschsprachige katholische St. Paul-Gemeinde in Istanbul eine Immobilien-AG gründen musste, mit ihrem Pfarrer als Aktionär, um das Gemeindehaus samt Kirchensaal halten zu können. Das bedeutet, dass Bischof Padovese einen Teil seines Kirchengrundes in Iskenderun an die benachbarte Stadtverwaltung verlor, weil die einfach einen Parkplatz auf das Gelände setzte. Das bedeutet, dass die griechisch-orthodoxe Gemeinde in Istanbul von einstmals 11.000 Immobilien heute nur noch knapp 500 besitzt.

Vieles stand leer an ehemaligen Schulen, Krankenhäusern und sonstigen Sozialeinrichtungen der Griechen nach ihrer Zwangsumsiedlung. Der türkische Staat holte den Besitz in öffentliches Stiftungseigentum, damit war es praktisch enteignet, etliches wurde gar verkauft. Die Regierung von Tayyip Erdogan hat die Rechtslage durch Gesetzesnovellen etwas verbessert, doch noch immer gelingt es den Gemeinden nur in Ausnahmefällen, ihr Eigentum zurückzubekommen oder entschädigt zu werden.

Christen zur Hauptsendezeit

Viele Christen erinnern sich noch gut daran, mit welcher Euphorie ausgerechnet die islamisch verwurzelte AKP-Regierung bei ihrem Amtsantritt vor vier Jahren in Richtung Europa steuerte und auch bei den Minderheiten begründete Hoffnung auf mehr Pluralismus und volle Rechte weckte. Doch davon ist nicht mehr allzu viel übrig.

Ottmar Oehring, Menschenrechtsbeauftragter des Katholischen Missionswerkes Missio in Aachen und Fachberater des Vatikans für Fragen der Religionsfreiheit in der Türkei, sieht allenfalls "geringen Fortschritt" auf dem Weg zu vollständiger Religionsfreiheit. Er spricht von "anhaltender Diskriminierung" der nicht-muslimischen Minderheiten. So gebe es noch immer kein Signal, das 1971 vom Staat geschlossene Priesterseminar auf der Prinzeninsel Heybeli südlich von Istanbul, einst berühmte Lehranstalt der christlichen Orthodoxie, wieder zu öffnen.

Der türkische Staat, der auch die Ausbildung muslimischer Geistlicher streng kontrolliert, will keine freie theologische Akademie zulassen. Die EU fordert, dass das Seminar, wo Patriarch Bartholomäus noch studierte, wieder geöffnet wird. Vom Papst erwarten die Christen deshalb auch, dass er für sie in der Türkei nicht nur Messen lesen wird, sondern auch volle Rechte für sie einfordert.

Weltweiter Aufmerksamkeit können sie sich nun sicher sein, auch wenn das internationale Interesse weniger ihrer Lage als den Aussagen Benedikts zum Islam gilt. Nicht nur die Türken schauen nervös darauf, ob der Papst erneut mit einer provozierenden Bemerkung die Wut der islamischen Länder schürt - oder auf versöhnliche Gesten setzt. So oder so, in die Hauptsendezeit kommen die Christen auf jeden Fall. Bischof Padovese freut sich: "Die Welt wird sehen, dass es tatsächlich noch Christen gibt in der Türkei und eine katholische Kirche."

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