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23. September 2011, 16:58 Uhr

Papst-Pilger in Thüringen

"Wir werden in die Geschichtsbücher eingehen"

Aus Erfurt und dem Eichsfeld berichtet

Papstbesuch als Happening: Zehntausende pilgern in der thüringischen Provinz zur Marienvesper mit Benedikt XVI. Für viele Gläubige wird ein Traum wahr, der zu DDR-Zeiten unerfüllbar schien. Doch unter den Teilnehmern sind auch viele Enttäuschte.

Im ökumenischen Kirchenladen am Domplatz in Erfurt sind Papst Benedikt XVI. und Martin Luther auf Augenhöhe. Der Ratzefummel mit dem Konterfei des katholischen Kirchenoberhauptes samt Heiligenschein für 1,50 Euro liegt neben einer Büste Luthers, "kleine Bleistiftsünden einfach wegradieren".

Wenige hundert Meter entfernt hat Benedikt am Freitag Kirchengeschichte geschrieben: Erstmals seit 2000 Jahren besuchte ein Papst das evangelische Augustinerkloster, in dem Martin Luther vor 500 Jahren als katholischer Mönch lebte, bevor er die Kirche kritisierte und spaltete. Im Kapitelsaal begegneten 20 Vertreter der katholischen Kirche 20 Gesandten der evangelischen, das ökumenische Gespräch gilt kirchenpolitisch als Höhepunkt der Reise Benedikts.

Anton Schmitt ist Protestant, pensionierter Religionslehrer aus einem Dorf im Landkreis Bayreuth, lutherisches Kernland und Hochburg der Reformation. Er wollte diesem historischen Moment beiwohnen, um 5 Uhr ist er zu Hause losgefahren. Doch das Kloster war weiträumig abgesperrt für den hohen Besuch.

So sitzt Schmitt mit seiner Ehefrau, seiner Tochter und deren Studienfreunden früher als geplant im Regionalexpress nach Leinefelde, auf dem Weg zum Eichsfeld, wo der Papst am Freitagabend eine Marienvesper feiert. An roten Bändern baumeln die Eintrittskarten für das Gelände, sie tragen atmungsaktive Jack-Wolfskin-Jacken, eine Art Uniform der Pilger. In ihren Rucksäcken stecken "Pannen-Ponchos", man weiß ja nie. Als der Papst am Donnerstag im Berliner Olympiastadion zur Messe schritt, zog sich der Himmel zu und es regnete.

"Vielleicht hatte ja doch jemand da oben etwas dagegen, dass sich der Papst ins Goldene Buch der Stadt Berlin einträgt, das homosexuelle Stadtoberhaupt aber - wohlgemerkt ein Katholik! - aus seiner Weltsicht nicht in seiner Gemeinde haben will", sagt Schmitt und summt zu den Gitarrenklängen, die aus dem Nachbarabteil herüberwehen.

"Meinen Glauben in die Kirche lasse ich mir vom Papst nicht nehmen"

Der Regionalexpress mutiert an diesem Freitag zu einer Art Sammeltaxi für Pilger, Familien und Ordensschwestern mit Schirmen in der Handtasche und Fotoapparaten um den Hals. In heiliger Mission bummelt er über Gotha, Bad Langensalza und Mühlhausen. An den Fenstern fliegen verblasste Spätsommerlandschaften vorbei, winzige Kirchtürme, herausgeputzte Fachwerkhäuser und Hochsitze am Waldesrand.

Schmitt ist bester Laune. "Wir haben einen gemeinsamen Gott und ein gemeinsames Evangelium", sagt er und nippt aus seiner Thermoskanne. "Es muss doch möglich sein, gemeinsam zu glauben, sich die Hand zu reichen und nicht loszulassen."

Doch Benedikt XVI. hatte schon im Vorfeld die Erwartung an die Begegnung im Augustinerkloster bewusst klein gehalten. "Wir erwarten keine Sensationen", hatte er in seinem "Wort zum Sonntag" angekündigt. Christen wie Schmitt wünschen sich zumindest Anstöße für ein besseres Miteinander. "Die Mühlen der Kirche mahlen so langsam", sagt er, "dass ich nicht erwarte, dass zu meinen Lebzeiten Bahnbrechendes geschieht, aber man muss doch auch an die denken, die nach uns kommen."

Das Treffen Benedikts mit Spitzenvertretern der evangelischen Kirche hat an Schmitts Einstellung nichts geändert: Der Papst unterließ ein klares Bekenntnis zu baldigen Fortschritten der Ökumene, wer ein ökumenisches Gastgeschenk erwartet habe, sei einem Missverständnis aufgesessen.

Schmitt sitzt mit Klappstuhl und Isomatte im Zug auf dem Weg ins Eichsfeld, dem kleinen Landstrich in Thüringen, der, umgeben von Protestanten, immer katholisch geblieben ist. Die Nachricht, dass der Papst in Erfurt die Hoffnungen auf mehr Ökumene enttäuschte, trifft den Theologen ins Mark. "Es ärgert mich, dass der Papst es uns Christen so schwer macht, aber meinen Glauben in die Kirche lasse ich mir auch nicht von ihm nehmen. Ich hatte drauf gesetzt, dass es Bischof Wanke gelingt, Gedankenanstöße zu vermitteln."

Joachim Wanke ist Erfurts Erzbischof, ein Vordenker, wenn es um ökumenische Gemeinschaft geht, denn im Bistum Erfurt ist der Zusammenhalt zwischen Katholiken und Protestanten besonders ausgeprägt. Ein Überbleibsel aus DDR-Zeiten, in denen man zusammenhalten musste.

"Jahrhundertereignis"

Für die Menschen in der Region ist der Besuch des Papstes ein "Jahrhundertereignis", wie Renate Witte sagt. Die Zugfahrt ist für sie eine Art Heimkehr: Sie stammt aus dieser Gegend und will nun dort den Papst sehen. Die Messe dauere nur eine Stunde, aber: "Sie wird in die Geschichtsbücher eingehen. Seit der Wende haben wir daran gearbeitet, dass der Heilige Vater zu uns kommt." Die lokale Brauerei hat zu diesem Ereignis ein Festbier gebraut - "Benedictus - geistreich würzig".

Ab Leinefelde kann, wer möchte, elf Kilometer zu Kapelle pilgern. Die Menge aber drängt in den Shuttlezug am Gleis gegenüber. Nach 15 Minuten hält er in Bodenrode, Familie Schmitt stolpert aus dem Zug. Jetzt müssen alle pilgern, sechs Kilometer bis zum weiten Feld, auf dem sonst Hunderte Kühe weiden. 100.000 Menschen fasst das abgesperrte Areal, viele Karten wurden in den letzten zwei Wochen zurückgegeben, heißt es aus dem Organisationsbüro, man rechnet nun mit etwa 60.000 Besuchern.

Drumherum steht alles still. Zehn Kilometer der Fernstraße sind gesperrt, damit etwa tausend Reisebusse parken können, um Pilger zur Kapelle zu bringen. Knapp vier Kilometer Wege wurden gebaut, Stromleitungen verlegt, Videowände errichtet, Rettungswege geebnet.

Pietà unterm Pflug

Marienwallfahrten sind in Etzelsbach alter Brauch, sie haben mit der Geschichte der kleinen Kapelle zu tun, die auf freiem Feld von einem Bauern errichtet wurde. Der Legende nach haben die Pferde des Bauern beim Pflügen des Feldes drei Mal an derselben Stelle gescheut. Der Bauer begann an jenem Ort zu graben und stieß auf eine Pietà. Heute ist es üblich, dass die Besucher als Zeichen der tiefen Marienverehrung das Gnadenbild mit einem Tuch berühren, um den Schutz Marias zu erlangen.

Familie Schmitt kennt die Marienwallfahrtskapelle, sie war vor Jahrzehnten einmal hier, damals noch zu DDR-Zeiten. Heute ist sie da, um den Papst zu sehen, in der Hoffnung, dass er, der die moderne Welt als "Diktatur des Relativismus" gebrandmarkt hat, Brücken über die tiefen Gräben baut.

"Ich hätte mir gewünscht, dass er seinen Besuch in Erfurt zum Anlass nimmt, noch mehr Gespräche zuzulassen", sagt Theologe Schmitt. "Es gibt viel zu reden und noch mehr zu ändern. Und der Papst wird 85, viel Zeit hat er nicht mehr. Mit der Abfuhr an uns Protestanten hat er uns einen klaren Auftrag erteilt: Wir müssen auf den nächsten Papst setzen."

Schmitt marschiert entschlossenen Schrittes, den Klappstuhl unterm Arm. In der Ferne erblickt er einen Studienfreund aus Nürnberg. "Sehen'S, wir sind nicht die einzigen verrückten Protestanten in der Diaspora! Wir geben die Hoffnung nicht auf." Seine Ehefrau seufzt. "Dein Wort in Gottes Ohr."

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