Papst-Prohibition Kein Wein, kein Whiskey, kein Wodka

Halb Polen liegt trocken. Während des viertägigen Papstbesuchs darf in Restaurants kein Alkohol ausgeschenkt werden, Läden, Supermärkte und Kioske dürfen keinen verkaufen. Die Prohibition wird streng überwacht.
Von Alexander Schwabe

Warschau/Tschenstochau/Krakau - Barmherzigkeit wurde während des Besuchs von Papst Benedikt XVI. in Polen nicht jedem zuteil. Die Besitzerin des kleinen Restaurants "Zakatek" in Tschenstochau musste einen ihrer Stammkunden ziehen lassen. Geradezu herzerweichend hatte er um eine Flasche Bier gebeten. Doch er ging mit leeren Händen und trockener Kehle. Sie hätte ihm die Flasche Bier gerne gegeben - nicht nur um ein kleines Geschäft zu machen, sondern weil sie Mitleid mit dem armen Schlucker hatte. "Es tut mir leid für ihn, doch was soll ich machen", fragte sie. Ihr hätte nicht nur eine saftige Geldstrafe gedroht, sondern sogar der Verlust ihrer Konzession.

Seit dem Eintreffen des Papsts herrscht in den Provinzen, durch die der Oberhirte kommt, striktes Alkoholverbot. Ministerpräsident Kazimierz Marcinkiewicz höchstselbst hatte es verhängt. Eine offizielle Begründung von Regierungsseite gab es nicht. Eine Sprecherin mutmaßte lediglich über die Motivation des Regierungschefs: "Wahrscheinlich geht es ihm darum, den Besuch des Papstes mit Würde zu begehen und Schlägereien zu vermeiden." Man wisse doch, was mit Alkohol verbunden sei.

Das Verbot trifft einige der größten Ballungsgebiete des Landes wie Warschau, Tschenstochau, Kattowitz und Krakau. Ordungshüter sind in den Bars, Cafes und Restaurants unterwegs und kontrollieren die Prohibition streng. Nicht einmal Irish Coffee wird serviert, kein Schwarzwald-Becher mit einem Schuss Kirschwasser. In Warschau spürten die Alkoholschnüffler einen Mann mit einer Plastiktüte auf. Darin trug er mehrere Bierdosen. Als er zugab, diese gerade gekauft zu haben, wurde die Verkäuferin, die geständig war und sich reuig zeigte, polizeirechtlich vernommen. Dem Käufer wurde auferlegt, sich zur polizeilichen Verfügung zu halten. Beiden wurde vorgeworfen, gegen das Gesetz zur "Erziehung zu Nüchternheit und zur Bekämpfung des Alkoholismus" verstoßen zu haben.

Ein paar Tropfen im Parlament ...

Am selben Tag machten sich Journalisten im polnischen Parlament einen Spaß. In einem Restaurant für die Abgeordneten des Sejm bestellten sie Whiskey und Bier. Und siehe da: Die Kunden gingen nicht leer aus. Als sie selbst auf das bestehende Alkoholverbot aufmerksam machten, fühlte sich das Management der Gaststätte bemüßigt, ein großes Schild aufzustellen, das auf das Verbot hinwies. Die Journalisten ließen nicht locker: Sie zeigten den Wirt an in der Hoffnung, dass dieser seine Konzession verliert - und die Abgeordneten auf dem Trockenen sitzen.

Um die Kunden nicht allzu sehr zu frustrieren, räumten viele Kioske und Läden den Alkohol aus den Regalen, Kühlboxen mit Bierdosen wurden mit Papier und Folie zugeklebt. Die Alkoholabteilung im Supermarkt wurde zur verbotenen Zone.

Ob das staatlich verordnete Trinkverbot effektiv ist, darf bezweifelt werden. Eine Verkäuferin in Warschau sagte einen Tag vor Beginn des Verbots: "Wer sonst zwei Dosen Bier im Einkaufskorb hat, kauft heute sechs Dosen." Um nicht gegen das Verbot zu verstoßen, aber auch die Kunden nicht zu verprellen, behalfen sich manche Dienstleister damit, ihren Gästen Alkohol zu schenken, statt ihn zu verkaufen. Mancher Hotelgast wurde getröstet: "Entschuldigen Sie, dass wir Ihnen keinen Alkohol verkaufen können, akzeptieren Sie dafür diese Flasche Wein als Geschenk."

... und ein paar Tropfen für den Papst

Das Verbot trifft keineswegs jeden. Papst Benedikt selbst hat gleich am ersten Tag seines Besuchs einen edlen Tropfen kredenzt bekommen. Und mit ihm etliche kirchliche Würdenträger und der Urheber der Prohibition, Ministerpräsident Marcinkiewicz.

Dass sich die hohen Herrn an von ihnen vertretene Gebote und Verbote nicht uneingeschränkt halten, erfuhren auch Journalisten, die im Vatikan-Tross mit dem Heiligen Vater aus Rom angereist waren. Auf ihrem Weg von Warschau nach Tschenstochau hielt der Bus für eine Mittagspause an. Der begleitende polnische Priester teilte den verblüfften Reportern mit, der Papst selbst habe sie davon dispensiert, am Freitag kein Fleisch essen zu dürfen. Nach einem Benedikt gewidmeten Tischgebet, schloss der Geistliche mit den Worten: "Amen. Guten Appetit." Dann ließ man sich die Schnitzel schmecken, und spülte sie mit einem Glas Wein hinunter. Warum auch nicht? Hatte nicht Jesus selbst Wasser in Wein verwandelt?