Papst-Reise Benedikts türkische Hintergedanken

Kälte und Ablehnung wird Benedikt auf seinem Türkeibesuch entgegenschlagen. Doch dem Vatikan geht es bei der Visite nicht um die Türkei und den Islam. Rom will endlich einen Durchbruch im Konflikt mit den östlichen Schwesterkirchen.

Von Alexander Schwabe


Hamburg - Die meisten Türken sind Papst Benedikt nicht wohl gesonnen. Es gab bereits Proteste in der einst größten Kirche der Christenheit, der 1500 Jahre alten Hagia Sophia in Istanbul. Und auch die offizielle Türkei zeigt dem Papst die kalte Schulter: Ministerpräsident Tayyip Erdogan und Außenminister Abdullah Gül sind nicht einmal im Land, wenn der Papst den Boden betreten wird, auf dem einst der Apostel Paulus missionierte.

Benedikt XVI.: Der Blick richtet sich gen Moskau
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Benedikt XVI.: Der Blick richtet sich gen Moskau

Benedikts Vorgänger Johannes Paul II. hatte im Orient einen besseren Stand. Er trieb den muslimisch-christlichen Dialog voran, lud zu ökumenischen Friedensgebeten nach Assisi und machte deutlich, dass die Kreuzzüge gegen "die Ungläubigen" nicht sonderlich christlich waren. Und er vergab dem Türken Ali Agca, dem Mann, der ihn auf dem Petersplatz niederstreckte und schwer verletzte.

Dann kam Joseph Ratzinger. In den Augen vieler Muslime erfüllt er nicht, was sich Hanif Jallundri, Vertreter einer großen Vereinigung von Koranschulen in Pakistan, vom neuen Papst erhofft hatte: "Er sollte in die Fußstapfen seines Vorgängers Johannes Paul treten, der nichts von der These des Kampfes der Kulturen hielt."

Kritische Distanz statt Kuschelkurs

Stattdessen machte Benedikt XVI. eine Kehrtwende. Statt Kuschelkurs kritische Distanz. In seiner umstrittenen Regensburger Rede zitierte er einen mittelalterlichen Kaiser, der gegenüber einem persischen Gelehrten sagte: "Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten."

Das Zitat blieb hängen, als hätte es der Papst selbst ersonnen. Benedikts Thema in der wirkmächtigen Rede war eigentlich das Verhältnis von Glaube und Vernunft gewesen, nicht das von Islam und Christentum. Doch indem er gerade dieses Zitat heranzog, geriet die Rede auch zu einer Bestimmung des Islams aus christlicher Sicht - vielleicht war dies gewollt. Sie implizierte, dass dort der Glaube von der Vernunft losgelöst sei.

Wut und Aggression in weiten Teilen der islamischen Welt waren die Folge. Das Bild von Benedikt dem Kreuzfahrer wurde gestreut. Alles passte ins neue Feindbild: Hatte er sich nicht schon als Vorsitzender der Glaubenskongregation gegen den Beitritt der Türkei in die EU ausgesprochen? Es half auch nicht, dass der Papst sein Bedauern aussprach und seine Bischöfe zu einem intensiven Dialog mit dem Islam aufforderte.

Generalplan zur Rüstung des Christentums

Und warum dennoch die Türkei-Visite? Was bewegt Benedikt XVI. in ein Land zu fahren, in dem er nicht willkommen ist? Die Antwort ist denkbar einfach: Weil es ihm gar nicht um die Türkei geht. Die Reise soll aus Sicht des Vatikans keine politische Bedeutung haben, wenn sie auch ins öffentliche Bewusstsein bringt, dass christliche Kirchen in der Türkei benachteiligt sind - was einem EU-Beitritt des Landes am Bosporus nicht förderlich ist.

Es geht Benedikt bei dieser Reise auch nicht um den belasteten christlich-muslimischen Dialog, sondern um eine Begegnung mit der Orthodoxie, um eine Annäherung an die im Schisma von 1054 vom Okzident getrennten Ostkirche. Und deren höchster Repräsentant, der seit 15 Jahren regierende Patriarch Bartholomäus I., sitzt nun mal in Istanbul, dem früheren Konstantinopel.

Die Annäherung an die Ostkirche ist Teil eines Generalplans des Vatikans zur Rüstung des gesamten Christentums für die Zukunft. Kurienkardinal Walter Kasper, einst Bischof von Rottenburg-Stuttgart, gab dies vergangene Woche in Rom zu erkennen: Es gehe um die Stärkung des Christentums, das durch Säkularisierung und Islam bedroht sei. "Die Integration Ost- und Westeuropas kann nur gelingen, wenn man die orthodoxen Kirchen ins Boot bekommt", sagte der Ökumene-Beauftragte des Papstes.

Polemik und Provokationen

Die Einigung Europas auf der Grundlage des christlichen Glaubens - dieses Programm verfolgte bereits Johannes Paul II., Benedikt folgt ihm darin. Für ihn ist die Rückbesinnung auf die Wurzeln des Christlichen unumgänglich - wie im Westen so im Osten, dort nämlich, wo sie historisch liegen. In Kleinasien wurden die ersten Schriften des Christentums verfasst, dort wurden die ersten Weichen stellenden Konzile abgehalten.

In den Annäherungsbemühungen sind Fortschritte erzielt worden. Das einst äußerst getrübte Verhältnis Roms zur Orthodoxie - bis zum Jahr 1965 hatte man sich gegenseitig exkommuniziert - ist seit gut zwei Jahren auf dem Weg der Besserung. Noch im Herbst 2003 wurde der sehnliche Wunsch Johannes Pauls II., sich mit der östlichen Schwesterkirche auszusöhnen und den russisch-orthodoxen Patriarchen Alexij II. zu treffen, von Wladimir, dem Metropoliten von Taschkent, mit der Polemik abgetan, George Bush und Osama Bin Laden träfen sich ja auch nicht.

Reise mit Ziel Moskau

Johannes Paul, dem Polen, war es verwehrt, Alexij, den Russen, zu treffen. Die Einrichtung von vier Diözesen in Russland durch Johannes Paul war von Alexij 2002 noch als "Kampfansage an die Orthodoxie" bezeichnet worden. Doch schon zwei Jahre später sprach Ökumene-Kardinal Kasper in Moskau bei Alexij vor. Man kam überein, das angespannte Verhältnis zu entkrampfen. Und Bartholomäus, dem Patriarchen von Istanbul, gab man wertvolle Reliquien zurück, die der Westen während des vierten Kreuzzuges im 13. Jahrhundert in Konstantinopel geraubt hatte.

Inzwischen jubiliert Kasper, die Begegnung des Papstes mit einem Patriarchen sei zur Normalität geworden: "Das ist das eigentlich Spektakuläre an diesem Besuch." Man sei in einer Situation, von der man Anfang des 20. Jahrhunderts, zu Beginn der ökumenischen Begegnung, nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Die Reise nach Istanbul ist für den Vatikan ein weiterer Schritt auf dem Weg nach Moskau. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann Benedikt - oder ein Nachfolger - auf dem Roten Platz vor dem Kreml stehen wird.



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