Papst-Reise Josephs Heimkehr

Papst Benedikt XVI. genoss sichtlich den ersten Tag seines Besuchs in Bayern. Der Himmel strahlte, die weiß-blaue Hauptstadt zeigte sich gelb-weiß – und weil sich alles um Maria drehte, wurde Joseph Ratzinger ganz sentimental.

München – Das mit dem Wind hatte sich der Papst gemerkt. Vom letzten Besuch in Deutschland. Auf dem Kölner Weltjugendtag im vergangenen Jahr fegte ein Windstoß Benedikt XVI. die weiße Kappe vom Kopf. Nach der Landung seiner Allitalia-Maschine heute auf dem Münchner Flughafen bringt er sie schon auf der Gangway in Sicherheit, wagt dann aber einen neuen Versuch. Und gerade als sich die Militärmusiker durch die Deutschlandhymne arbeiten, da kommt der Windstoß. Die Kappe wackelt, doch der Papst greift flugs zu. Diesmal nicht.

Benedikt XVI. hat alles im Griff bei seinem zweiten Besuch in Deutschland seit Pontifikatsbeginn im April 2005. Und weil das eigentlich keine Deutschlandvisite, sondern ein Bayernbesuch ist, scheint der katholische Oberhirte Ratzinger ganz bei sich selbst. Die sechs Tage Bayern in diesem September, sie sind Josephs Heimkehr.

Der einst so gestreng wirkende Chef der Glaubenskongregation zeigt als Papst sentimentale Anwandlungen. Schon vor seiner Reise nach München, Altötting, Regensburg und Freising hatte er klar die Beweggründe genannt: Der Grund des Besuchs in Bayern sei "eigentlich eben doch der, dass ich noch einmal die Orte, die Menschen sehen wollte, wo ich groß geworden bin, die mich geprägt und mein Leben geformt haben, und dass ich diesen Menschen danken wollte".

Benedikt XVI.: "Zurück in meine Heimat, zu meinen Landsleuten"

Und heute im Flugzeug über den Alpen erzählt Benedikt XVI. den Journalisten dann noch, dass sein Herz bayerisch schlage. Und dass er nicht wisse, ob er es aufgrund seines Lebensalters noch ein weiteres Mal in sein Geburtsland schaffen werde. Deshalb ist ihm diese Heimkehr 2006 so wichtig. Später werden sich die Menschen vielleicht an den glücklichen Papst erinnern, wenn sie von diesen Septembertagen in Bayern erzählen. Joseph Ratzinger lächelt, seine Augen glänzen. "Ich kehre zurück in meine Heimat, zu meinen Landsleuten", sagt er beim Empfang durch Bundespräsident Horst Köhler auf dem Flughafen. Der Papst spricht nicht von Deutschland.

Für das große Ganze zwischen Rhein und Oder hat er keine heimatlichen Emotionen, dafür aber Versöhnung im Gepäck. Deutschland gilt im Vatikan als schwierig, weil zu einem großen Teil protestantisch. Nachdem Horst Köhler als evangelisches Staatsoberhaupt von seiner Hoffnung auf "ökumenischen Fortschritt" spricht, erwidert das katholische Kirchenoberhaupt, man müsse sich "mit Herz und Verstand bemühen, dass wir zueinander finden".

Diese Szenen, insbesondere natürlich die bayerischen, werden in der Münchner Innenstadt mit großem Jubel aufgenommen. Denn dort warten rund 70.000 Menschen bei strahlendem Sonnenschein auf den Papst und verfolgen seinen Weg über Videoleinwände. Niemand will sich das Spektakel entgehen lassen, selbst die Bierzapfer auf dem Viktualienmarkt haben sich einen Flachbildschirm über die Zapfhähne montiert: "Mir san immer informiert."

Exquisites Winkelement für das Pop-Idol

Die weiß-blaue Landeshauptstadt zeigt heute gelb-weiß. Emsige Pfadfinder und Helfer aus christlichen Jugendgruppen verteilen seit dem frühen Morgen Papier-Fähnchen und Halstücher in den Farben des Vatikans. Bei Kaufhof gibt’s das Winkelement für den exquisiteren Geschmack: Gelb-weiß auf Stoff für 3,95 Euro. Nur das bayerische Pilgerbüro verteilt Fähnchen in den bayerischen Landesfarben mit "Grüß Gott Papst Benedikt" darauf. Immer wieder fällt die Menge in rhythmische "Be-ne-detto"-Gesänge. Stadionatmosphäre auf dem Marienplatz. Überhaupt: Videoleinwände, Public Viewing, Fahnen im Wind – alles erinnert ein bisschen an die Fußballweltmeisterschaft.

In den vorderen Reihen stehen Hunderte gläubiger Katholiken, die beim Besuch des ersten deutschen Pontifex seit 947 Jahren sicher nicht an Ballsport denken. Für die große Masse aber ist der Papst längst ein Pop-Idol wie eben Poldi und Co. "Benedikt ist cool, da müssen wir doch hin", kichern zwei Mädchen und winken gelb-weiß. Die von den Pfadfindern verteilten Tücher werden zum Münchner Mode-Accessoire, dass man eben an diesem Samstag so trägt: Die Frauen über den Kopf gespannt, die Männer um den Hals gebunden.

Papstkritiker halten sich heute zurück. Eine ernsthafte Demonstration in München gab es nur am Vortag, als rund hundert Homosexuelle gegen ihre Ausgrenzung durch die katholische Kirche protestierten. Man wolle bewusst nicht provozieren, deshalb finde die Aktion vor dem Papstbesuch statt, sagte Thomas Niederbühl, Münchner Stadtrat der Rosa Liste und selbst Katholik sowie studierter Theologe.

Am Tag des Papstbesuchs selbst fallen andere auf. Etwa eine Agitations-Gemeinschaft aus der Schweiz, die nacheinander Münchner Blumenkübel erklimmt. Sie seien so glücklich, sagen sie, weil sie zu Jesus Christus gehörten. "Und wenn man ein Glied Jesu Christi ist, dann will man nicht zum Papst und zu niemandem gehören." Ein paar Ecken weiter warnt ein anderer mit großem Holzkreuz, der Papst sei "der Falsche, das ist der Antichrist höchstpersönlich". Nebenan derweil macht Leder-Fischer den "Papst-Preis": Zehn Prozent auf alles.

Der Papst und die Bayernhymne

Um 17.28 Uhr endlich kreischen die Menschen auf dem Marienplatz. Benedikt XVI. biegt gerade in seinem Papamobil auf den Platz ein. Als er aussteigt, erklingen Fanfaren. Joseph Ratzinger lächelt und winkt und lächelt und winkt. Er sagt nichts, er schaut nur. Im Zentrum des Platzes steht die Mariensäule. Um sie herum ist ein Holzpodest gefertigt worden, das der Papst nun besteigt. Er umrundet die Säule langsam, winkend. Dabei schaut er abwechselnd die Säule, die jubelnden Menschen und die Häuserfassaden an. Seine Augen glänzen feucht.

Hinter der Säule mit ihrer zwei Meter großen vergoldeten Marienfigur aus dem Jahr 1638 steckt eine ganze Menge – für Bayern und für Benedikt. Kurfürst Maximilian I. hatte sie nach dem Dreißigjährigen Krieg zum Dank für die Rettung Münchens vor der Zerstörung durch schwedische Soldaten errichten lassen. Die Jungfrau Maria gilt seither als Schutzherrin Bayerns, als "Patrona Bavariae". Außerdem nahmen Landvermesser die Säule als metrischen Nullpunkt Bayerns: Von hier beginnen zum Beispiel alle von München ausgehenden Straßen mit der Kilometerzählung.

Joseph Ratzinger war rund vier Jahre Erzbischof von München und Freising, bis er 1982 auf Wunsch von Papst Johannes Paul II. nach Rom wechselte. Damals nahm er an der Mariensäule Abschied von München. Maria bedeute ihm, so schrieb er später einmal, den "Ausdruck der Nähe Gottes". Deshalb ist der Weg Papst Benedikt XVI. an diesem 9. September 2006 zur Mariensäule die kleine Heimkehr in der großen. Und ähnlich der Landvermesser scheint ihm dieser Ort sein Ausgangspunkt zu sein. "Und so stehe ich also wieder vor der Mariensäule, um die Fürsprache und die Hilfe der Muttergottes zu erflehen", sagt der Papst heute.

Schon jetzt zeigen sich alle gerührt, doch es geht noch pathetischer. Denn am Ende macht Benedikt XVI. nicht nur bei den geistlichen Liedern mit, sondern auch bei der Bayernhymne. Kraftvoll und lächelnd singt er "Gott mit Dir, du Land der Bayern."

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