Papst unter Druck Ratzinger wusste offenbar von Kinderschänder

Alle warten auf die Reaktion des Papstes: An diesem Samstag will er sich zum Missbrauchskandal äußern. Vorher gerät Benedikt XVI. weiter unter Druck. Nach SPIEGEL-Informationen war Ratzinger in seiner Zeit als Münchner Erzbischof besser über einen pädophilen Kaplan informiert als bislang bekannt.
Papst Benedikt XVI: Offenbar besser über Kinderschänder informiert als bislang bekannt

Papst Benedikt XVI: Offenbar besser über Kinderschänder informiert als bislang bekannt

Foto: GREGORIO BORGIA/ AP POOL

Hamburg - Kurz vor Veröffentlichung des Hirtenbriefs zu den Missbrauchsfällen in der irischen Kirche gerät Papst Benedikt XVI. in Deutschland unter Druck. Nach SPIEGEL-Informationen wurde Joseph Ratzinger in seiner Zeit als Münchner Erzbischof 1980 besser über den Fall eines aus Essen nach München versetzten Kinderschänders informiert als bislang bekannt. In einem Übergabebrief des Bistums Essen an die von Ratzinger damals geleitete Erzdiözese hatte klar erkennbar gestanden, dass Kaplan Peter H. sich sexuell an Kindern seiner Gemeinde vergriffen hätte. So erklärte es das Bistum Essen vorige Woche gegenüber dem SPIEGEL. Man habe München nicht im Unklaren gelassen, was für ein Problemfall da komme.

Unter Ratzingers Vorsitz befasste sich der erzbischöfliche Ordinariatsrat am 15. Januar 1980 mit dem Fall. Laut Sitzungsprotokoll habe der Kaplan "für einige Zeit um Wohnung und Unterkunft" in einer Münchner Pfarrgemeinde gebeten: "Kaplan H. wird sich einer psychisch-therapeutischen Behandlung unterziehen." Trotzdem meldeten Ratzinger und sein Erzbistum den Kinderschänder nicht der Polizei. Im Sitzungsprotokoll heißt es stattdessen lediglich über die Wohnungssuche des Geistlichen: "Dem Gesuch wird zugestimmt."

Gleichzeitig erhob der Psychotherapeut Werner Huth schwere Vorwürfe gegen das Essener Bistum. Huth sagte dem Berliner "Tagesspiegel", er habe die Bistumsleitung davor gewarnt, den pädophilen Kaplan in der Jugendarbeit einzusetzen. Auch in der Amtszeit von Ratzinger habe er seine Bedenken leitenden Geistlichen vorgetragen, darunter auch einem Weihbischof, sagte der Psychotherapeut. Die Warnungen seien ignoriert worden. Der heute 80-jährige Huth hat als Psychiater und Psychotherapeut unter anderem sexuelle Störungen behandelt und war lange Berater für die katholische und die evangelische Kirche.

Unterdessen ist die Zahl der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungsverfahren gegen Geistliche weiter gestiegen. Nach einer SPIEGEL-Umfrage unter allen 24 deutschen Generalstaatsanwaltschaften, an der sich 15 beteiligten, wird derzeit gegen mindestens 14 Priester wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch ermittelt. Hinzu kommen Verfahren gegen elf weltliche Lehrer und Erzieher.

hpi/dpa