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Schwimmerin Kirsten Bruhn: "Projekt Gold"

Foto: Kirsty Wigglesworth/ AP

Paralympics-Star Kirsten Bruhn "Pistorius wäre in Deutschland undenkbar"

Dreimal hat Paralympics-Schwimmerin Kirsten Bruhn schon Gold geholt - und "Projekt Gold" heißt das Filmprojekt, bei dem sie mitmacht. Es soll dazu beitragen, die alltägliche Ausgrenzung und Bevormundung Behinderter abzubauen. Gerade in Deutschland sei da noch eine Menge Umdenken nötig, sagt sie.

"Man soll abtreten, wenn es am schönsten ist", sagt Kirsten Bruhn. Die deutsche Vorzeigeschwimmerin wird daher allenfalls ein bisschen wehmütig sein, wenn sie am Sonntag zu ihrer letzten Schlussfeier bei Paralympischen Spielen ins Londoner Olympiastadion einrollt. Sie will ein letztes Mal die Euphorie der britischen Gastgeber genießen - mit ihrer dritten Goldmedaille um den Hals.

"Die Londoner Spiele waren etwas Besonderes", sagt die 42-Jährige aus Neumünster. Die Engländer seien "superherzlich" gewesen und das Medieninteresse "extrem". Das Fernsehen übertrug zwar immer noch deutlich weniger als bei Olympia, doch zum ersten Mal wurden Olympische und Paralympische Spiele als Einheit vermarktet, als "London Games".

"London wird einen nachhaltigen Effekt haben", glaubt Bruhn, die querschnittgelähmt ist und sich über einen Sieg im 100-Meter-Brustschwimmen freuen konnte. Es waren nach Athen und Peking ihre dritten Spiele, und so präsent war Behindertensport noch nie. Sie hofft, dass die Begeisterung diesmal etwas länger anhält - und will dazu mit einem Film beitragen, der im Februar 2013 in die deutschen Kinos kommt. "Projekt Gold" dokumentiert den Alltag von drei behinderten Athleten aus Deutschland, Kenia und Australien vor den Londoner Spielen.

Der Film werde unter die Haut gehen, verspricht Regisseur Andreas Schneider, der selbst im Rollstuhl sitzt. 18 Monate lang sind die Kameraleute Bruhn gefolgt, haben sie beim Anziehen, beim Training, im Kreise der Familie gefilmt. Teilweise klingelten sie schon morgens um sieben Uhr. Es war "mentaler und optischer Striptease", sagt sie. Bruhn fühlte sich zwar geehrt, doch manchmal ertappte sie sich bei dem Gedanken: "Warum habe ich mir das bloß angetan?"

"Ich habe es nicht mit den Ohren, sondern mit den Beinen"

Sie macht es aus dem gleichen Grund, aus dem sie sich seit Jahren öffentlich für den Behindertensport engagiert. Sie will das Verhalten der nichtbehinderten Mehrheit ändern. Gerade in Deutschland, sagt sie, sei noch eine Menge Umdenken nötig.

Bruhn kann unzählige Anekdoten aus dem Alltag erzählen. Viele Menschen wüssten mit Behinderten nicht umzugehen, und viele öffentliche Räume seien nicht barrierefrei, sagt sie. "Da muss man durch die Küche ins Restaurant, oder durch den Keller zum Klo." Bestimmt dreimal im Monat packe einfach jemand die Griffe ihres Rollstuhls und versuche, sie irgendwohin zu schieben, erzählt Bruhn. "Das ist so, als wenn Sie eine alte Frau plötzlich am Arm nähmen und sie über die Straße schleiften, obwohl sie gar nicht will. Auf den Gedanken käme ja auch niemand."

Bevormundung kann die Norddeutsche nicht leiden. Und je nachdem, in welcher Stimmung sie gerade ist, sagt sie dem übereifrigen Helfer dann auch ihre Meinung. Ein gewisses Verständnis für Unbeholfenheit bringt sie auf. Nicht jeder habe schließlich alltäglich mit Rollstuhlfahrern zu tun, sagt sie.

Aber einen grundsätzlichen Respekt erwartet sie schon. "Manche Menschen sprechen extra laut und langsam, wenn sie mit mir reden", sagt sie. "Sie behandeln mich, als wäre ich ein Kleinkind, nur weil sie zu mir runterreden müssen". Sie kann dann manchmal nicht an sich halten und erklärt ihrem Gegenüber: "Ich habe es nicht mit den Ohren, sondern mit den Beinen."

Bruhn hat eine fixe Zunge, ist sehr offen und direkt. Besonders kritisch sieht sie die Ausgrenzung von Behinderten in Deutschland. "Wir trennen gern, das geht schon im Kindergarten los." Behinderte würden von Nichtbehinderten ferngehalten, dabei seien längst nicht alle "so hochgradig behindert, dass sie drei Betreuer brauchen".

Premiere in einem Flugzeughangar

Es ist daher auch kein Zufall, dass es in Deutschland keine Behindertensportler-Ikonen wie den südafrikanischen Sprinter Oscar Pistorius oder die britische Schwimmerin Ellie Simmonds gibt. "Pistorius wäre in Deutschland undenkbar", sagt Bruhn lachend. "Es ist noch niemand auf die Idee gekommen, mich neben Britta Steffen zu plakatieren." Sie kann persönlich gut ohne Plakat leben, aber es sagt eben doch etwas über die Einstellung im Land aus.

Mit "Projekt Gold" wollen die Filmemacher zeigen, dass Behinderte ein normales Leben führen. Die Premiere findet Ende Februar 2013 in einem Hangar auf dem Flughafen Hamburg statt, damit auch Rollstuhlfahrer zugucken können. In gewöhnlichen Kinosälen seien ja nur wenige Plätze für sie vorgesehen, sagt Schneider.

Der Regisseur hätte keine bessere Protagonistin finden können als die Sympathieträgerin Bruhn. Sie ist seit einem Motorradunfall im Alter von 21 Jahren inkomplett querschnittgelähmt. Danach hat sie elf Jahre in der "Grauzone" gelebt, wie sie sagt. Dann entdeckte sie den Sport wieder - und seither läuft ihr Leben auf Hochtouren.

Auch das Ende ihrer Sportkarriere ist schon durchgeplant. Als nächstes zieht sie aus Neumünster nach Berlin, wo ihr Freund wohnt und sie einen neuen Job als Sprecherin des Berliner Unfallkrankenhauses hat. Die WM in Kanada 2013 und die Deutschen Meisterschaften 2014 will sie noch mitmachen, dann soll Schluss mit dem Leistungssport sein.

Die Schwimmerin hofft, dass die Londoner Spiele die Integration von Behinderten und Nichtbehinderten weiter vorantreiben. Deutsche Meisterschaften sollten künftig nicht mehr getrennt abgehalten werden, sagt sie. Stattdessen könnten Nichtbehinderte und Behinderte im Wechsel je einen Tag antreten. Entsprechende Überlegungen in den Sportverbänden gebe es bereits. Vielleicht wird ihr der Wunsch ja schon 2014 erfüllt - als Abschiedsgeschenk.

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