Patientenverfügung Die letzte Frage

Ans Bett gefesselt, an Schläuche angeschlossen, komplett hilflos - für viele Todkranke ist dies Horrorszenario Realität. Patientenverfügungen könnten ein solches Ende verhindern, doch die sind oft unklar oder nur mündlich formuliert. Der Bundestag will jetzt Klarheit schaffen.

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Hamburg - Jahrelang litt Elisabeth R. an einer Krebserkrankung - und kam trotzdem alleine gut zurecht. Bis zum 23. Dezember 2005, dem Tag, an dem sie stürzte, sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzog und in die Charité eingeliefert wurde. Zwei Wochen später dann der plötzliche Kollaps: Elisabeth R.s Körperfunktionen brachen vollständig zusammen - sie fiel ins Koma, wurde künstlich beatmet - gegen ihren Willen, sagen ihre Anwälte.

Schwerkranker Patient: Wie verbindlich soll der letzte Wille sein?
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Schwerkranker Patient: Wie verbindlich soll der letzte Wille sein?

"Sie hatte eine glasklare Patientenverfügung", sagt Anwältin Beate Steldinger, deren Münchner Kanzlei mit dem Fall betraut war, SPIEGEL ONLINE. Zehn Jahre lang hatte Elisabeth R. diese immer wieder aktualisiert und festgeschrieben, dass sie für einen solchen Fall jegliche lebensverlängernde Maßnahmen ablehne. Auf den schriftlich geäußerten Willen der Patientin will die Betreuerin, ihre Nichte, immer wieder hingewiesen haben, doch in der Charité weigerten sich die behandelnden Mediziner nach Angaben der Anwälte, die Beatmungsgeräte abzustellen. Stattdessen, so der Vorwurf, wurde sie wochenlang künstlich am Leben gehalten, bis sie sich wund gelegen hatte. Der behandelnde Arzt wollte auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE keine Stellung nehmen, schließlich befinde er sich in einem laufenden Verfahren.

Die Münchner Kanzlei ging rechtlich gegen die Charité vor und erstattete Anzeige wegen vorsätzlicher und fahrlässiger Körperverletzung. Das Verfahren sei kurz darauf eingestellt worden, die Beschwerde dagegen schwele noch, so Anwältin Steldinger. "Generell", sagt der ärztliche Direktor der Klinik, Professor Ulrich Frei, SPIEGEL ONLINE, "respektieren wir Patientenverfügungen. Aber man muss fragen, inwieweit sie den Ärzten eigentlich jeglichen Handlungsspielraum nehmen. Oft erfolgt die Erstellung von Verfügungen zudem fachunkundig und es kommt zu inhaltlichen Problemen."

Grundsätzlich sind Patientenverfügungen verbindlich

Die 86-Jährige ist eine von rund neun Millionen Deutschen, die per Patientenverfügung erklärt haben, wie sie im Krankheitsfalle behandelt werden wollen, sollten sie nicht mehr in der Lage sein, für sich selbst zu sprechen. Und damit auch ausschließen können, gegen ihren Willen von Apparaten der Hochgerätemedizin am Leben gehalten zu werden. Seit einem Urteil des Bundesgerichtshofs im Jahr 2003 steht grundsätzlich fest: Ärzte müssen sich an mündliche und schriftliche Patientenverfügungen halten - sonst machen sie sich wegen Körperverletzung strafbar.

In der Praxis - dies verdeutlicht der Fall von Elisabeth R. - herrscht erhebliche Unsicherheit. Letztlich sind es die Mediziner, die über Leben und Tod entscheiden, mitunter durch Knopfdruck. Zwar geht es nicht um Sterbehilfe durch Spritzen und Überdosen oder um Sterbebegleitung, wie sie die Schweizer Organisation Dignitas durchführt. Beides ist in Deutschland eindeutig verboten.

Was für Patienten eine schriftliche Versicherung ist, unter voller Kontrolle und selbstbestimmt das Lebensende zu planen, und auch im Sterben Würde zu wahren, ist für Mediziner oft eine Gewissensfrage. Die Ärzte stehen vor der Entscheidung, was sie höher einschätzen - die Autonomie und Selbstbestimmung des Menschen oder aber die lebenserhaltende Fürsorge für einen Patienten. Oft versuchen Ärzte daher, die Möglichkeiten der Medizin voll auszuschöpfen. Dies auch, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, sie hätten auf medizinisch mögliche lebensrettende Maßnahmen verzichtet.



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Seite 1
Azrael, 29.03.2007
1.
Zitat von sysopJustizministerin Brigitte Zypries will Patientenverfügungen gesetzlich regeln. Wollen Sie, wenn Sie todkrank sind, noch von Maschinen am Leben erhalten werden, oder sollten Ärzte Patienten auf deren Wunsch hin sterben lassen? Brauchen wir neue Gesetze?
Jeder sollte über sein eigenes Leben frei verfügen können. Es ist notwendig dies gesetzlich zu regeln.
horstauer 29.03.2007
2. noch'n Gesetz...
Bislang dachte ich, dass wir Gesetze brauchen, um das Leben zu regeln. Jetzt soll noch eins auf den Tisch, das das Sterben regelt... Nein danke.
forumgehts? 29.03.2007
3. Rechtssicherheit ist notwendig
Zitat von sysopJustizministerin Brigitte Zypries will Patientenverfügungen gesetzlich regeln. Wollen Sie, wenn Sie todkrank sind, noch von Maschinen am Leben erhalten werden, oder sollten Ärzte Patienten auf deren Wunsch hin sterben lassen? Brauchen wir neue Gesetze?
Wozu denn neue Gesetze? Wir Deutsche sind doch schon immer gern gereist: nach Holland zum Abtreiben und in die Schweiz zum Sterben. Wenn das Konto schon dort ist, können die Erben zum Überschreiben ja gleich mitkommen. Spass beiseite - auf jeden Fall sollte absolute Rechtssicherheit für die Ärzte bestehen. Sie sollen zwar das Leben verlängern können, aber nicht das Sterben verlängern müssen. Ausserdem sollten alle Beteiligten über die Palliativmedizin Bescheid wissen und die Betroffenen ggf auch sicher sein können, dass sie auch in diesem Bereich optimal versorgt sein werden. Wenn man sich aber die "Glanzleistungen" unserer Legislative in der Vergangenheit anschaut, dann schwant einem nichts Gutes. Weil du arm bist, musst du länger leiden....
Mitten in Bayern, 29.03.2007
4.
Zitat von AzraelJeder sollte über sein eigenes Leben frei verfügen können. Es ist notwendig dies gesetzlich zu regeln.
Juristen generieren ihre Daseinsberechtigung und ihre Einnahmequellen halt selbst. Schauen Sie mal nach, wieviele Juristen im Bundestag sitzen. Mir fällt der Vergleich von Krähen ein, die den anderen nicht die Augen aushacken.
Ha_Or, 29.03.2007
5.
Zitat von sysopJustizministerin Brigitte Zypries will Patientenverfügungen gesetzlich regeln. Wollen Sie, wenn Sie todkrank sind, noch von Maschinen am Leben erhalten werden, oder sollten Ärzte Patienten auf deren Wunsch hin sterben lassen? Brauchen wir neue Gesetze?
Ich finde es gehört zu der Würde des Menschen auch würdevoll sterben zu können. Ich persönlich will nicht 20 Jahre lang im Komma liegen... wie eine Pflanze. Ich denke, also bin ich. Wenn ich denke, bin ich ein Mensch; wenn mein Gehirn tot ist, ist der Körper nur unbrauchbares Rest. Da ist mir der Tod lieber. Ist zumindestens würdevoller.
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