Polarisierung der Gesellschaft Kein "Pack" - und auch nicht "das Volk"

Wir leben im Zeitalter gesellschaftlicher Spaltungen, da braucht es mehr Dialog denn je - jedenfalls unter bestimmten Voraussetzungen. Wie lässt sich die Polarisierung bremsen? Versuch einer Anleitung.
Das selbst ernannte Volk: "Pro Chemnitz"-Kundgebung im September 2018 in Chemnitz

Das selbst ernannte Volk: "Pro Chemnitz"-Kundgebung im September 2018 in Chemnitz

Foto: JOHN MACDOUGALL/ AFP

Rutscht Deutschland nach rechts? Spaltet sich die Gesellschaft in verfeindete Lager, wachsen die Unterschiede zwischen Ost und West? Die "Thesen zum Riss" gehen diesen Fragen nach - sie sind überarbeitete Auszüge aus dem Buch "Die Reise zum Riss" , das den gesellschaftlichen Wandel anhand von Reportagen aus allen Ecken der Republik diskutiert.


Die Deutschen sind ein eigentümlich aufgeregtes Volk. Das zumindest legen all die hitzig geführten Diskussionen nahe, die allein in jüngerer Vergangenheit die Debattenforen der Republik so geprägt haben. Der Islam, das Asylrecht, die menschengemachte Erderwärmung, die Verkehrswende, die Gleichstellung von Frauen und Männern, und, und, und.

Es gibt aber ein Thema, das all die anderen Themen zu dominieren scheint: Identität, Heimat. Letztendlich geht es immer wieder um ziemlich große Fragen: Wer sind wir, und wer wollen wir sein? Wer gehört dazu, wen nehmen wir dazu? Wie bleiben wir, wer wir waren - und was müssen wir verändern, um nicht zu erstarren?

Dass sich mit diesen Fragen auch Politik machen lässt, belegen etwa der jahrelange Streit über eine "Leitkultur" und die Vereidigung des ersten Bundesministers mit einer Zuständigkeit für Heimat im März 2018.

Natürlich könnte man diese Kompetenzerweiterung für das Innenministerium als Dialogangebot interpretieren, im Sinne von: Liebe Heimatverbundene, wir haben verstanden, ab sofort nehmen wir eure Sorgen ernst. Allerdings ist mit der Umbenennung einer Behörde noch nicht viel gewonnen. Und echter Dialog sieht ohnehin anders aus.

Nur wie?

Rechtspopulisten auf Podien zu setzen oder auf Bürgerversammlungen ein "offenes Mikro" aufzustellen, sind streitbare Ansätze, die der Ausbreitung undemokratischer Ideen sogar Vorschub leisten können.

Allerdings ist das Repertoire kluger Alternativen überschaubar: Der Versuch etwa, einen Flüchtlingshelfer und einen "besorgten Bürger" für den SPIEGEL an einen Tisch zu bringen, war ein langwieriges Unterfangen mit aufschlussreichem, aber nicht gerade zuversichtlich stimmendem Ausgang. Der Meinungsaustausch verlief über weite Strecken offen und sachlich, am Ende zeigten sich beide zufrieden über das Gespräch - allerdings vor allem, weil sie sich in ihren Standpunkten bestätigt sahen.

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Und trotzdem führt am persönlichen Gespräch mit politisch Andersdenkenden kein Weg mehr vorbei, falls die gesellschaftliche Spaltung zumindest ausgebremst werden soll. Natürlich ist niemand gezwungen, das Gespräch mit strammen Neonazis zu suchen. Doch die bilden ohnehin eine Minderheit, selbst im unüberschaubaren Milieu-Wust aus selbst ernannten Abendland-Verteidigern, nationalliberalen Anzugträgern und demonstrierenden Wutbürgern.

Wer bereit ist, sich für einen Meinungsaustausch auf Gewaltlosigkeit und Höflichkeit als Mindestanforderungen einzulassen, verdient die Chance auf ein Gespräch (nicht zu verwechseln mit einer Plattform für die ungefilterte Verbreitung der eigenen Weltanschauung).

Über Gewaltverzicht als zivilisatorisches Grundprinzip muss weiter nichts gesagt werden, so selbstverständlich sollte es sein, aber warum ist Höflichkeit so wichtig?

Sigmar Gabriel, früherer Vizekanzler und SPD-Chef, bezeichnete 2015 rechte Randalierer als "Pack", nannte 2016 übergriffige Zuwanderer "Arschlöcher" und zeigte wenige Monate später einer Gruppe pöbelnder Rechter den Mittelfinger. Ungefähr zur gleichen Zeit zog Gabriel gegen einen sächsischen Werkzeughändler vor Gericht, der auf einer Pegida-Kundgebung einen Miniatur-Galgen mit sich führte, an dessen Schlinge auf einem Schild stand: "Reserviert Siegmar 'das Pack' Gabriel".

Selbst gebastelter Galgen auf Pegida-Demo 2015 in Dresden

Selbst gebastelter Galgen auf Pegida-Demo 2015 in Dresden

Foto: Nadine Lindner/DPA

Das Landgericht Hamburg verbot später den Handel mit Nachbauten dieses Galgens, Auswirkungen aber hatte Gabriels "Pack"-Äußerung trotzdem: Es entstand eine kleine "Wir sind das Pack"-Bewegung, die diesen Slogan auf Banner malte und auf Demonstrationen skandierte.

So erreichte Gabriel mit seinen Unanständigkeiten gegen die Unanständigen vor allem zweierlei: Seiner Anhängerschaft lieferte er ein vermeintlich starkes Signal - und vielen Frustrierten einen weiteren Grund, sich mit dem "Pack" am rechten Rand zu solidarisieren.

Eine Polarisierungsdynamik wie aus dem Lehrbuch.

Die große Gefahr besteht darin, dass am Ende einer solchen Entwicklung die gemäßigte Mittelschicht pulverisiert ist und sich fast jeder einem der beiden Lager zuordnet. Die USA zählen zu den Ländern des alten Westens, in denen solch ein Lager-Dualismus besonders augenfällige Folgen hatte: Ein liberaler Schwarzer als Staatspräsident, verachtet von Millionen konservativen Bürgern, wurde schließlich von einem nationalistischen Populisten, verachtet von Millionen liberalen Bürgern, im Amt abgelöst.

In Ansätzen lässt sich diese Zweiteilung der Gesellschaft auch hierzulande beobachten: Die einen sind eher selbstzufrieden, mobil, progressiv und kosmopolitisch - die anderen tendenziell verunsichert, traditionalistisch, sesshaft und bodenständig. Sesshaft und bodenständig, das ist in diesem Kontext durchaus wörtlich zu verstehen, womit wir wieder beim Heimatbegriff wären: Den größten Erfolg haben Rechtspopulisten in Dörfern und kleinen Städten. Warum eigentlich?

Eines der Probleme: Arroganz

In den meisten Ballungsräumen leben schon seit Jahrzehnten viele Zuwanderer, es gibt Flughäfen und Fernverkehrsbahnhöfe, ein vielfältiges kulturelles Leben, Armut und Glanz, Elend und Glück. Wer regelmäßig in großen Städten unterwegs ist, gewöhnt sich fast zwangsläufig an Vielfalt, Wandel - und ist beidem gegenüber tendenziell aufgeschlossen.

Das dürfte selbst für einen wegen der Pegida-Bewegung in Verruf geratenen Ort wie Dresden gelten: Ein erheblicher Teil der Pegida-Anhänger kommt nämlich nicht aus der sächsischen Landeshauptstadt, sondern reist eigens aus dem Umland an.

Solche Demonstranten sind weder "das Volk" noch "das Pack", sie sind einfach da. Und sie sind womöglich auch aus einer Art Trotzreaktion so viele geworden, weil eine urbane Oberschicht sie seit Jahren als irrational, dümmlich und moralisch verlottert abkanzelt, was wiederum Berufspopulisten für ihre Zwecke zu nutzen wussten.

Wer die gesellschaftliche Polarisierung stoppen möchte, könnte sich im ersten Schritt also an ein simples Rezept halten: mehr Höflichkeit, weniger Arroganz.

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