Zum Tod von Peter R. de Vries Reporter ohne Grenzen

Er war schon lange über die Rolle des neutralen Berichterstatters hinausgewachsen, Peter R. de Vries unterstützte Angehörige, tröstete Eltern und beriet Zeugen. Er wurde Teil seiner eigenen Geschichten.
Ein Nachruf von Kristin Haug
Peter R. de Vries: Sein Motto ließ er sich eintätowieren – auf gebeugten Knien ist man nicht frei

Peter R. de Vries: Sein Motto ließ er sich eintätowieren – auf gebeugten Knien ist man nicht frei

Foto: Koen van Weel / picture alliance / ANP

Im Spätsommer 1998 erhält Peter R. de Vries einen Anruf. Es sind die Eltern von Nicky Verstappen, einem elfjährigen Jungen, der im August dieses Jahres in einem Ferienlager verschwunden war und später tot aufgefunden wurde. Die Eltern zweifeln an der Polizei, glauben, die Polizistinnen und Polizisten würden nicht gut genug arbeiten. Sie rufen de Vries an, weil sie hoffen, er könne den Fall aufklären.

De Vries ist da längst in den Niederlanden als Reporter bekannt. Nicht nur wegen seiner Kriminalsendung, die Hunderttausende Zuschauer erreicht, auch wegen seiner spektakulären Artikel über Morde und Entführungen. Die Menschen wissen, de Vries ist einer, der sich reinkniet, der alles versucht, um Mörder zu finden, die Wahrheit ans Licht zu bringen und auch, dass sich die mutmaßlichen Täter vor Gericht verantworten müssen. Zu den Angehörigen von Kriminalitätsopfern baut de Vries enge Beziehungen auf. Er begleitet sie über Jahre hinweg, beginnt irgendwann auch, sie zu unterstützen und zu beraten. Er ist nicht mehr nur der Journalist, der neutral berichtet. Er wird Teil der Geschichten, die er schreibt.

Aktuell unterstützte de Vries Nabil B., einen ehemaligen Komplizen eines Drogenbosses aus den Niederlanden, der begonnen hatte, gegen die Kriminellen auszusagen. B.s Bruder und Anwalt waren erschossen worden, womöglich, um den Kronzeugen einzuschüchtern. Am 6. Juli wurde de Vries Opfer eines Anschlags, mitten in der Innenstadt von Amsterdam. Nun ist der Journalist seinen schweren Verletzungen erlegen. Er wurde 64 Jahre alt.

Seine Karriere begann Peter R. de Vries mit 20 Jahren nach seinem Militärdienst in der Redaktion der Boulevardzeitung »De Telegraaf« in Den Haag. Nach einem Jahr wurde er in die Zentralredaktion nach Amsterdam versetzt. Mit 26 Jahren schrieb er über die Entführung des Biermagnaten Alfred »Freddy« Heineken und veröffentlichte ein viel beachtetes Buch. Jahre später spürte er einen der fünf Kidnapper in Paraguay auf. De Vries' zweites Buch über das Verbrechen wurde später unter dem Titel »Kidnapping Freddy Heineken« mit Anthony Hopkins verfilmt.

Von 1987 bis 1991 leitete de Vries die Wochenzeitung »Aktueel«, die er in ein Kriminalmagazin umwandelte, im Jahr 1995 folgte schließlich seine eigene TV-Sendung über Kriminalfälle. Seit 2013 arbeitete er freiberuflich, veröffentlichte mehrere Bücher, war an Dreharbeiten zu Kriminalfällen beteiligt. Aufsehen erregte de Vries auch mit einer zweieinhalbstündigen Filmdokumentation zum Mord an US-Präsident John F. Kennedy.

Bekannte des Kriminalreporters bezeichneten de Vries als »Pitbull« oder »Bluthund«, und zwar immer dann, wenn er einem Fall nachspürte, das berichtet die niederländische Zeitung »NRC«.  Demnach recherchierte er mit enormer Ausdauer, und wenn er das Gefühl hatte, nicht hart genug gearbeitet zu haben, trainierte er besonders hart im Sport, seine persönliche Art der Kompensation. De Vries trieb sich dauernd an, sammelte Tausende Euro, um die Belohnung für Hinweise zum Mord an Nicky Verstappen zu verdoppeln. Damals wusste er nicht, dass es 20 Jahre dauern würde, den Mörder des Jungen zu überführen. Erst im November vergangenen Jahres wurde der Täter zu zwölfeinhalb Jahren Haft verurteilt. De Vries begleitete die Eltern ins Gericht.

Geboren wurde Peter Rudolf de Vries am 14. November 1956 in Aalsmeer, einem Vorort von Amsterdam als viertes von sechs Kindern. In einem Buch über seine Jugend  schreibt er, er wäre als Jugendlicher fast selbst richtig kriminell geworden. In der Schule machte er damals Ärger, geriet in Schlägereien und klaute in Läden. Das Buch trägt den Titel »De R van Rebel« – das R steht für Rebell. Seitdem er in seinen Zwanzigern war, benutzte de Vries das R. seines zweiten Vornamens auch offiziell mit. Er wollte sich von anderen Männern mit dem Namen Peter de Vries unterscheiden.

Sein Einsatz für die Angehörigen von Verbrechensopfern kannte keine Grenzen. Erst vor drei Wochen gründete er eine Stiftung namens »De Gouden Tip«, der goldene Tipp. Mit ihr wollte er eine Million Euro einwerben, als Belohnung für diejenigen, deren Hinweise den Fall Tanja Groen aufklären. Die junge Frau war im Jahr 1993 nahe Maastricht spurlos verschwunden.

Laut »NRC« hielt er oft engen Kontakt mit den Angehörigen von Todesopfern, mit manchen schrieb er sich regelmäßig oder schickte Blumen zum Todestag ihres Kindes. Ein Vater, der einen Sohn an Drogen verloren hatte, sagte, de Vries habe ihm immer innerhalb von 24 Stunden geantwortet. Wenn sie sich sahen, habe der Reporter ihn immer umarmt.

Ministerpräsident Mark Rutte schrieb zum Tod des Journalisten: »Wir sind es Peter R. de Vries schuldig, dafür zu sorgen, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird. So etwas können und werden wir in den Niederlanden niemals dulden. Diese Feigheit kann nicht ungestraft bleiben.« Der Sender RTL teilte mit: »Peters Einfluss ist stärker als jeder Hass. Wir werden weiterhin offen über Missbrauch und Ungerechtigkeit in der Gesellschaft sprechen, so wie er es sein ganzes Leben lang getan hat.«

De Vries hatte keine Angst vor großen Geschichten oder Unterweltgrößen. Er lehnte es ab, von der Polizei beschützt zu werden, obwohl er wusste, wie gefährlich seine Arbeit war. »Das gehört zum Berufsrisiko«, sagte er erst kürzlich in einem Interview. Er wolle frei leben und sich nicht von Angst beherrschen lassen.

Auf seinen Unterschenkel ließ er sich laut »NRC« die Worte tätowieren: »On bended knee is no way to be free«, auf gebeugten Knien ist man nicht frei. Das Tattoo leitete er von dem Satz ab, der auf dem Grabstein seines Vaters steht: »Lieber im Stehen sterben, als auf den Knien leben.«

De Vries hat bis zum Schluss gestanden.

Mit Material von Reuters und dpa