Pilger-Ansturm in Etzelsbach 90.000 Gläubige feiern Benedetto

Sie riefen "Benedetto", jubelten, fotografierten - und es kamen viel mehr als erwartet: Rund 90.000 Pilger haben Benedikt XVI. am Marienwallfahrtsort Etzelsbach in Thüringen empfangen. Der Papst warnte sie in seiner Predigt davor, Selbstverwirklichung als Ziel des Lebens zu sehen.

Gläubige nahe Etzelsbach: Katholiken in Luthers Stammland
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Gläubige nahe Etzelsbach: Katholiken in Luthers Stammland


Ohrenbetäubender Jubel brandete auf, als Papst Benedikt XVI. mit dem Papamobil durch die Menschenmenge fuhr. Im katholisch geprägten Eichsfeld in Thüringen feierten 90.000 Gläubige am Freitagabend das katholische Kirchenoberhaupt - viel mehr als erwartet wurden. Auf seiner Fahrt über das Pilgerfeld an der Wallfahrtskapelle Etzelsbach schallten ihm "Benedetto"-Rufe entgegen, die weiß-gelben Fahnen leuchteten in der Abendsonne.

Ein von dem Mammutprogramm während seines Deutschlandsbesuchs sichtbar gezeichneter Benedikt wurde von zwei Männern aus dem Papstgefolge gestützt, als er die Stufen der Altarinsel hochging. Der Gesang von 400 Chormitgliedern erschallte über das Pilgerfeld.

Seit dem Morgen waren auf mehreren sternförmig angeordneten Routen Pilger aus allen Teilen Deutschlands zu dem Feld in der Nähe der Gemeinde Steinbach gezogen. Sie waren mit Rucksäcken und Klappstühlen ausgerüstet und versuchten, möglichst alles im Bild mit Fotoapparaten und Handys festzuhalten. Viele Gläubige hatten Ferngläser mit, um dem Papst nahe sein zu können.

Benedikt warnte in seiner Predigt dann davor, Selbstverwirklichung als Ziel des Lebens zu sehen. "Nicht die Selbstverwirklichung, das Sich-selber-Haben-und-Machen-Wollen, schafft wahre Entfaltung des Menschen, wie es heute als Leitbild des modernen Lebens propagiert wird, das leicht in einen verfeinerten Egoismus umschlägt." Stattdessen habe die Gottesmutter Maria mit ihrer "Haltung der Hingabe" ein Vorbild für gelungenes Leben gegeben.

Der Papst trug einen prächtigen Chormantel aus Goldbrokat und Seide und sang zum Auftakt nach dem traditionellen Ritus: "O Gott, komm mir zu Hilfe."

"Ich dachte, ich muss das Eichsfeld einmal sehen"

Benedikt erinnerte an die wechselvolle Geschichte der Region Eichsfeld im Dreiländereck von Thüringen, Hessen und Niedersachsen. "In zwei gottlosen Diktaturen, die es darauf anlegten, den Menschen ihren angestammten Glauben zu nehmen, waren sich die Eichsfelder gewiss, hier am Gnadenort Etzelsbach eine offene Tür und eine Stätte inneren Friedens zu finden." Das Eichsfeld ist eine der wenigen katholischen Hochburgen in Ostdeutschland.

Zur Begrüßung wurde dem Papst ein Kreuz überreicht, das aus dem Zaun der ehemaligen Grenze gefertigt wurde. "Ich habe seit meiner Jugend so viel vom Eichsfeld gehört, dass ich dachte, ich muss es einmal sehen und mit euch beten", sagte der Papst und wich dabei von seinem Redetext ab.

Nach der Marienvesper traf Benedikt Thüringens ehemaligen CDU-Ministerpräsidenten Dieter Althaus und dessen Frau. Dabei schüttelten sie sich die Hände und wechselten einige Worte. Althaus hatte den Papst bei Privataudienzen nach Thüringen eingeladen.

Für die Christen habe Maria eine überragende Bedeutung, betonte der Papst: "Vom Kreuz herab (...) hat Jesus seine Mutter Maria den Menschen zur Mutter gegeben. Im Moment seiner Aufopferung für die Menschheit macht er Maria gleichsam zur Vermittlerin des Gnadenstroms, der vom Kreuz ausgeht."

Im ökumenischen Dialog ist die Rolle der Gottesmutter ein Streitthema. Nach katholischer Lehre ist Maria ein "Urbild der Kirche". Vom Beginn ihres Lebens sei sie vor Schuld und Sünde bewahrt geblieben. Die Protestanten lehnen eine solche ausgeprägte Marienfrömmigkeit ab. Sie betonen, dass es nur einen Heilsmittler gebe: Jesus Christus.

Im Eichsfeld sind rund 70 Prozent der Bevölkerung katholisch. Fast die Hälfte aller Katholiken im Bistum Erfurt lebt hier. Der Papst wurde am Abend zurück in Erfurt erwartet, wo er am Samstagvormittag eine Heilige Messe auf dem Domplatz feiern will.

otr/dapd/dpa

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