Piusbruder Gaudron "Die Kirche in Deutschland wird zusammenbrechen"

Die Mitglieder der Piusbruderschaft verachten Homosexualität, Religionsfreiheit und Ökumene. Papst Benedikt suchte den Dialog mit der erzkatholischen Gemeinschaft, sein Nachfolger fährt einen anderen Kurs. Im Interview spricht der Dogmatiker Matthias Gaudron über das schwierige Verhältnis zu Franziskus.

Papst Franziskus gibt sich als Reform-Papst. Er will die katholische Kirche öffnen, Schwule akzeptieren und den religionsübergreifenden Dialog fördern. Den Kontakt zu den Piusbrüdern hat er abgebrochen.

Dies ist auch Teil seines Wegs hin zu einer Kirche, die sich der gesellschaftlichen Wirklichkeit nicht mehr verschließt: Die Piusbrüder sind der Auffassung, dass echte Katholiken keine Schwulen in der Kirche dulden, dass die Messe nach alten Riten gefeiert werden soll. Matthias Gaudron ist der Chefdogmatiker der deutschsprachigen Piusbruderschaft. Er lehrte 15 Jahre lang Dogmatik im Priesterseminar Herz-Jesu in Zaitzkofen und beschäftigt sich mit den Inhalten der katholischen Glaubenslehre. Im Interview erklärt er die Haltung der Bruderschaft zum Papst.

SPIEGEL ONLINE: Benedikt XVI. suchte die Annäherung zu den Piusbrüdern. Nun sitzt Papst Franziskus auf Petris Stuhl. Was erhoffen Sie sich von seinem Pontifikat?

Gaudron: Zurzeit liegen die Gespräche zwischen Piusbrüdern und Vatikan auf Eis. Teilweise sah es unter Papst Benedikt so aus, als würde Kritik am Zweiten Vatikanischen Konzil zugelassen. Doch jetzt hat sich herausgestellt, dass wir keine Kritik äußern dürfen. Erzbischof Gerhard Ludwig Müller ist als Präfekt der Glaubenskongregation für uns zuständig. Er mag uns nicht. Er verhält sich uns gegenüber ablehnend, seit er in Rom ist.

SPIEGEL ONLINE: Franziskus sagte in einem vielbeachteten Interview: "Wer in übertriebener Weise die 'Sicherheit' in der Lehre sucht, wer verbissen die verlorene Vergangenheit sucht, hat eine statische und rückwärtsgewandte Vision. Auf diese Weise wird der Glaube eine Ideologie unter vielen."

Gaudron: Das ist eine sehr problematische Aussage. Es ist nun einmal so, dass der katholische Glaube etwas Überzeitliches an sich hat. Wenn die einzige dogmatische Sicherheit darin bestehen soll, dass Gott Gott im Menschen ist, halte ich das für ein bisschen wenig. Für diese Vorstellung muss ich nicht katholisch sein. Die Wahrheit des Glaubensbekenntnisses kann auch der Papst nicht ändern.

SPIEGEL ONLINE: Benedikt hatte die alte Liturgie verteidigt und gefördert. Was erwarten Sie von Papst Franziskus?

Gaudron: Es war ein wichtiger Akt von Benedikt klarzustellen, dass jeder Priester grundsätzlich das Recht hat, die alte Liturgie zu feiern. Franziskus darf das nicht zurücknehmen.

SPIEGEL ONLINE: Franziskus hat Homosexuellen signalisiert...

Gaudron: ...seine Haltung ist widersprüchlich. Der Papst behauptet, er nehme die Lehre der katholischen Kirche an. Die besagt, dass Homosexualität eine Sünde ist. Und andererseits erweckt Franziskus den Eindruck, dass es in Ordnung sei, homosexuell zu sein. Die Überzeugung, dass Homosexualität eine Sünde ist, teilen wir mit Juden und Muslimen, das ist keine Lehre der Piusbruderschaft. Entweder ich halte mich an die Lehre, dann kann ich Homosexualität nicht gutheißen, oder ich lasse es. Aber dann bin ich nicht mehr katholisch.

SPIEGEL ONLINE: Der Papst ist also in Ihrem Sinne nicht katholisch?

Gaudron: Na ja, das würde ich nicht sagen. Er sagt ja, er würde sich an die Lehre halten. Ich weise nur auf den Widerspruch hin.

SPIEGEL ONLINE: Johannes XXIII. und Johannes Paul II. werden heiliggesprochen. Was sagen Sie dazu?

Gaudron: Wir haben große Vorbehalte dagegen. Bei Johannes XXIII. soll vor allem das Konzil heiliggesprochen werden, das er eröffnet hat. Papst Johannes Paul II. hat den Eindruck erweckt, alle Religionen seien gleich. Aber das stimmt nicht. Die katholische Kirche ist von Christus gegründet und deshalb wahr. Aber wenn ich diese Wahrheit erkannt habe, dann kann ich nicht so tun als sei es egal, welche Religion ich habe. Nur die katholische Kirche ist die wahre Kirche.

SPIEGEL ONLINE: Diese Haltung hilft im interreligiösen Dialog aber nicht weiter.

Gaudron: Unser Anliegen ist es, die Menschen in die katholische Kirche zu führen. Deshalb müssen wir miteinander sprechen und den interreligiösen Dialog führen.

SPIEGEL ONLINE: Toleranz ist etwas anderes. Sie führen die Idee, das Ziel des Dialogs ad absurdum.

Gaudron: Toleranz bedeutet, dass ich den anderen in seinen Überzeugungen respektiere, auch wenn ich diese für falsch halte, und ihn nicht mit Gewalt zu meinen eigenen Auffassungen bekehren will. Das ist selbstverständlich. Die katholische Kirche hat aber gerade bei überzeugten Andersgläubigen viel an Glaubwürdigkeit verloren, weil im interreligiösen Dialog oft so getan wird, als wüssten wir Katholiken selbst nicht, was wahr ist und müssten die Wahrheit erst noch gemeinsam mit den Gläubigen anderer Religionen suchen.

SPIEGEL ONLINE: Stimmt es, dass die Piusbrüder Mitglieder hinzugewinnen?

Gaudron: Ja, und deshalb kann uns der Vatikan nicht mehr übersehen. Es ist kein rasantes Wachstum, aber ein beständiges.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Gaudron: Es zieht Menschen an, wenn jemand konsequent seinen Glauben lebt. Viele sagen, die Kirche würde wieder Mitglieder gewinnen, wenn sie sich öffnen würde. Aber wenn das so wäre, dann müssten die Menschen doch massenhaft in die protestantischen Kirchen strömen, wo es das gibt, was man von der katholischen Kirche verlangt: die Homo-Ehe und kein Zölibat. Das Unverbindliche hat keine Kraft, kann nicht begeistern. Wo Tradition ist, da gibt es Wachstum.

SPIEGEL ONLINE: Papst Benedikt hat die Tradition immer hochgehalten, trotzdem traten in Deutschland Katholiken zuhauf aus der Kirche aus.

Gaudron: Die Kirche in Deutschland wird in 15 bis 20 Jahren zusammenbrechen. Es kommen weder Priester noch Gläubige. Deshalb verstehe ich nicht, wie Franziskus sagen kann, der Kirche ginge es so gut wie nie. Das ist doch realitätsfern. Die Kirche hat kaum Nachwuchs. Zum Weltjugendtag gehen sehr viele Jugendliche, die sonst nie in die Kirche gehen und mit Christus nichts am Hut haben.

SPIEGEL ONLINE: Also lieber eine kleine Kirche für streng Gläubige als eine Volkskirche, die mitten in der Gesellschaft steht?

Gaudron: Ja. Am allerliebsten hätte ich natürlich eine große Kirche überzeugter Katholiken, wie das vor dem Konzil der Fall war. Aber wenn der Preis für die Mitgliederzahl ist, den Glauben zu verwässern, dann habe ich doch lieber die kleine Gemeinschaft.