Neonazi-Kundgebung neben Behindertenfest in Plauen "Da könnte sich was hochschaukeln"

Ein Neonazi-Aufmarsch am 1. Mai in Plauen löste weltweit Entsetzen aus. Am Samstag versammeln sich die Rechtsextremen erneut - direkt neben einem Behindertenfest. Was halten dessen Organisatoren davon?

Plauen im Vogtland: Wo Behinderte auf Neonazis treffen
Hendrik Schmidt / picture alliance / DPA

Plauen im Vogtland: Wo Behinderte auf Neonazis treffen

Ein Interview von


Plauen ist eine sächsische Kreisstadt mit 65.000 Einwohnern und dennoch immer wieder bundesweit in den Schlagzeilen, meist wegen rechtsextremer Umtriebe. Erst am 1. Mai war die rechtsextreme Kleinstpartei "Der Dritte Weg" durch die Stadt gezogen - in uniformer Kleidung mit Signalfackeln, Fahnen und Trommeln.

Nun löst eine Aktion der Neonazi-Partei erneut Aufregung aus: Für Samstag hat sie eine Kundgebung in Plauen angemeldet. Sie soll in Sichtweite zu einem Fest von und für Menschen mit Behinderung stattfinden, das die Stadt zusammen mit dem Diakonischen Werk ausrichtet.

Einige der Teilnehmer haben sich daraufhin vom Fest zurückgezogen. Daraufhin kündigten Prominente und Politiker ihre Unterstützung an, die sächsische Sozialministerin Barbara Klepsch will die Veranstaltung besuchen. Im Interview erläutert Sven Delitsch vom Organisationsteam, warum das Fest trotz der rechten Veranstaltung stattfinden soll. Das Fest wird von knapp zwei Dutzend Vereinen, Initiativen und Verbänden getragen.

Zur Person
  • Diakonie im Kirchenbezirk Auerbach
    Sven Delitsch, Jahrgang 1975, ist Vorstand des Diakonischen Werks im Kirchenbezirk Auerbach. Er gehört zu den Organisatoren des Aktionstags "Voll normal", den die Diakonie gemeinsam mit der Stadtverwaltung in Plauen geplant hat.

SPIEGEL ONLINE: Herr Delitsch, Rechtsextreme in Sichtweite des Aktionstags von und für Behinderte - hätte sich das nicht vermeiden lassen?

Sven Delitsch: Naja, die Sache ist etwas komplizierter. Das Fest wurde Ende letzten Jahres bei der Stadt Plauen als "Sondernutzung" für den Theaterplatz beantragt. Der "Dritte Weg" beantragte im Frühjahr beim Landratsamt eine politische Veranstaltung für den gleichen Platz. Rein rechtlich hat eine politische Kundgebung Vorrang. Das Landratsamt hat dann vermittelt, woraufhin die Partei uns freiwillig den Theaterplatz überließ und das Angebot annahm, ihre Veranstaltung vor dem Landratsamt abzuhalten.

SPIEGEL ONLINE: Der "Dritte Weg" tritt nun knapp hundert Meter entfernt auf. Wie finden Sie das?

Delitsch: Das ist die Rechtslage. Da ist eine Wahlkampfveranstaltung - mit drei Pavillons und einer Hüpfburg. Die Partei, die ansonsten mit drastischen Parolen und Bildern auftritt, gibt sich am Samstag vor der Wahl ein betont familiäres Antlitz mit dem Ziel, in den Stadtrat, den Kreistag, vielleicht sogar ins EU-Parlament gewählt zu werden. Solange die Partei nicht verboten ist, hat sie nun mal schlichtweg das Recht auf eine Wahlveranstaltung - das ist Demokratie, das ist Meinungsfreiheit. Beides wollen wir hochhalten, gilt aber auch für die, deren Weltbild wir menschenverachtend finden. Dies ist am Samstag weniger eine Anfrage an den Rechtsstaat, sondern an uns als Bürgergesellschaft. Wir sind aufgefordert, damit umzugehen.

SPIEGEL ONLINE: Der "Dritte Weg" ist in Plauen sehr stark vertreten und nicht irgendeine politische Gruppe. Erst vor wenigen Wochen erregte ein martialisch daherkommender Marsch dieser Partei durch die Stadt bundesweit Empörung. Haben Sie Angst vor diesen Leuten?

Links im Bild die Rechten: Mitglieder von "Der Dritte Weg" am 1. Mai in Plauen
Carsten Koall/ Getty Images

Links im Bild die Rechten: Mitglieder von "Der Dritte Weg" am 1. Mai in Plauen

Delitsch: Dieser Marsch am 1. Mai hat tatsächlich ein gewisses Trauma in Plauen ausgelöst, obwohl es Widerstand und Protest dagegen gab. Die Bilder des Aufmarsches gingen um die Welt. Die Protestaktionen hingegen fanden oft keine Erwähnung. Wir wissen jedenfalls, dass diese Partei mobilisieren kann.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben die Teilnehmer Ihres Aktionstages reagiert, als sie von den zeitgleichen Veranstaltungen erfuhren?

Delitsch: Eine Gruppe, die sich für schwerstbehinderte Kinder engagiert, hat gesagt: Wir trauen uns das nicht zu, weil wir nicht wissen, was diese Partei vorhat - und wie es für Menschen mit Behinderung ist, in so eine Situation zu kommen. Einige andere haben ebenfalls Bedenken geäußert und waren unsicher, ob sie dabei sein wollen. Zum Glück gab es aber auch viel Zuspruch, von Politikern ebenso wie aus der Mitte der Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Sogar der Ministerpräsident hat dazu aufgerufen, nach Plauen zu kommen.

Delitsch: Das war sehr wichtig. Und ich bin dankbar, dass von vielen Seiten das Signal kam: Wir schützen euch, wir sind für euch da. Die Situation am Samstag wird aber trotzdem eine Art Stresstest.

SPIEGEL ONLINE: Wie meinen Sie das?

Delitsch: Es ist ein Fest, das von Menschen mit Behinderung mitgestaltet wird. Es gibt nicht nur körperliche Behinderungen, sondern auch seelische und psychische. Es werden auch Gegendemonstranten kommen, linksautonome und bürgerliche, da könnte sich also auch was hochschaukeln. Das könnte eine stärkere Polizeipräsenz mit sich bringen. Viele Polizisten, dazu Lautstärke von mehreren Seiten, das ist schon für Menschen ohne Behinderung eine unangenehme Situation. Für Menschen mit Behinderung erst recht.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem haben Sie das Fest nicht verlegt oder abgesagt. Warum?

Delitsch: Alle Beteiligten haben in dieser Woche viel getan, um diese Gefahr für den Samstag so gering wie möglich zu halten. Es ist ein Fest. Und wir feiern es. Unbeeindruckt. Und angesichts der Umstände noch viel bewusster. Man kann sich zum Beispiel in einen Rollstuhl setzen und von jemandem, der aufgrund seiner Gehbehinderung auf den Rollstuhl angewiesen ist, zeigen lassen, wie man im Alltag Barrieren überwindet, etwa in eine Straßenbahn einsteigt. Das ist ein Fest der Begegnung, der Inklusion und Integration.

SPIEGEL ONLINE: Das sind nicht gerade Werte, für die Rechtsextreme einstehen.

Delitsch: Das stimmt, der "Dritte Weg" steht Ideen aus der Zeit des Nationalsozialismus sehr nah - und es ist ja bekannt, wie Menschen mit Behinderung damals behandelt wurden. Trotzdem wollen wir uns wegen der rechtsradikalen Partei und der möglichen Reaktionen der Gegenseite nicht zurückziehen, auch aus grundsätzlichen Erwägungen.

SPIEGEL ONLINE: Welche sind das?

Delitsch: Ich glaube, dass alle wissen, welche Verantwortung sie haben. Ich appelliere jedenfalls an alle, sich respektvoll zu verhalten. Die Gegendemonstranten haben zum Beispiel zugesichert, dass es statt eines lauten nun vor allem einen kreativen Protest geben soll. Dann würde auch die Polizei sich eher zurückhalten. Und im Idealfall bietet diese ganze Situation ja vielleicht sogar eine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Welche?

Delitsch: Am Samstagnachmittag werden in Plauen Menschen aufeinandertreffen, die sonst selten miteinander zu tun haben und völlig konträre Interessen haben. Rechtsradikale, Linksautonome, bürgerlich Engagierte, und mitten drin ein Fest von und für Menschen mit Behinderung. Wenn diese Gruppen trotz aller Verschiedenheit friedlich miteinander auskommen und dieses Fest gelingt, haben alle bewiesen, dass sie Demokratie verstehen und auch auf die Schwächsten Rücksicht nehmen können. Das ist vielleicht eine leise Antwort auf Ausgrenzung - aber eine starke. Weil so Werte vorgelebt werden, die unser Zusammenleben in einer Gesellschaft erst ermöglichen.



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