Plüsch-Tech für Senioren Paro, der Glücklichmach-Roboter

Sie fiepst, hat große dunkle Augen und ist herrlich kuschelig. Die Babyrobbe Paro ist fast perfekt - allerdings eine Maschine. Japanische Tüftler haben den Roboter erfunden, um Senioren glücklich zu machen. Mit Erfolg.

Von Sandra Schulz und Theodor Barth (Fotos)


Der süßeste Roboter Japans liegt im Brutkasten. Er hat einen Schnuller im Maul, und wenn man die Hand durch die runden Löcher in der Plexiglaswand steckt und seinen Körper berührt, wackelt er und fiept. Der süßeste Roboter Japans ist eine Robbe, eine Babyrobbe, genauer gesagt, 57 Zentimeter lang, 2,7 Kilogramm schwer, genauso weiß und flauschig wie sein kanadisches Vorbild in der Natur. Nur viel hygienischer und geduldiger. Er kommt serienmäßig mit antibakteriellem Fell, und er hat den wissenschaftlichen Streicheltest bestanden. 100 000 Mal wurden die Sensoren stimuliert, um ihre Zuverlässigkeit und Haltbarkeit zu prüfen. Jetzt hat es Paro in das National Museum of Emerging Science and Innovation in Tokio geschafft, Abteilung "Zukunft".

Alle Roboter, die hier versammelt sind, sollen dem Menschen dienen; sie sollen ihn retten, unterhalten oder entlasten. Paro aber ist die Maschine fürs Gefühl, besser noch: die Maschine mit Gefühl. Das zumindest versprechen die Hersteller. Glücklich sei die Robbe, wenn man sie tätschele, böse, wenn man sie schlage.

"Herzerwärmende Kommunikation mit einem Roboter" steht auf der Tafel vor dem Schaukasten. Wenn man mit ihm spricht, dreht Paro den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme kommt. Wenn man seine Schnauze bedeckt, schließt er die Augen. Er kann, heißt es, sich an seinen Namen erinnern. An den Schnurrbarthaaren ist er besonders empfindlich. Durch seinen Schnuller fließt Strom.

Sein Entwickler, Takanori Shibata, hat eigens die Robbenform gewählt, denn Seehunde kennt der Mensch zwar, aber nicht so genau. Wichtig ist das, weil beim direkten Vergleich zwischen Original und Imitat immer der Roboter verliert. Paro, der personal robot, aber soll Haustier sein, wo Haustiere verboten sind, in Krankenhäusern und Altenheimen. Er soll entspannen und anregen zugleich, ohne zu speicheln und stinken. Tiere, sagen Studien, haben positive psychologische Effekte auf Senioren. Paro, sagen Urintests, hat die auch. Er macht Greise stressresistenter. Deshalb gibt es jetzt Plüsch-Tech zum Anfassen.

Gleich, wenn Tamiko Nakatani morgens den Gemeinschaftssaal des Kirara-Pflegeheims in Nanto, einer Gemeinde auf der Hauptinsel Honshu, betritt, holt sie den Roboter aus seinem Haus. Er wohnt in einer Holzkiste und heißt Shiro-chan, Weißchen. Den ganzen Tag hält Nakatani den Seehund im Arm, seine Schnauze ruht auf ihrer Brust. Manchmal füttert sie ihn, Fisch isst er gerne, sagt sie. Er sei wie ein eigenes Kind, die ganze Zeit schaue er sie an. Abends muss sie ihn abgeben, leider. Sie vermisse ihn sehr in der Nacht. "Manchmal ist Shiro-chan traurig, weil er mich sucht." Sie beugt sich über ihn. "Heute sind hier so viele Gäste", murmelt sie, "deswegen darfst du nicht weinen." Besuch bekommt Tamiko Nakatani selten.

Zwei große Fernseher laufen im Saal, die Menschen sitzen stumm an Tischen. Manche hat das Alter in den Rollstuhl gedrückt, die Jahrzehnte im Reisfeld haben vielen den Rücken gekrümmt. Sie starren, dösen, dämmern. Der Roboter holt sie aus ihrer Versunkenheit.

"Heute ist er aber komisch"

Eine alte Frau: "Shiro-chan. Shiro-chan!" Der Roboter bleibt regungslos.

Eine Pflegerin: "Mach mal die Augen auf!" Die alte Frau: "Heute ist er aber komisch." Schweigen. Der Heimleiter kommt vorbei und fährt der Robbe ins Hinterteil. Tief im Innern sitzt der Schalter, sehen kann man ihn nicht, nur fühlen.

Die Schwestern verteilen eine Runde Yakult mit Strohhalm. Der Saal nuckelt synchron. Ein vergnügter alter Herr klaut seiner Sitznachbarin den Drink. Macht er das immer? "Er ist jeden Tag so frei", sagt Shigeru Fujisawa. Sie ist auch ohne Gesundheitstrank 100 Jahre alt geworden, außerdem kennt man sich von früher.

Der Yakult-Klauer war Postbote in ihrem Heimatdorf. "Hast du eigentlich bis 80 Briefe verteilt?" "Nur bis 75." "Du musst gute Beine haben." Schweigen. Gerne würde der 95-Jährige einmal mit der 100-Jährigen baden. "Aber zeitgleich", sagt der Yakult-Klauer, "dürfen wir ja nicht." Schweigen.

Drüben, im Tageszentrum, bürsten sie die Robbe jeden Tag. Nur ein ehemaliger Lkw-Fahrer ignoriert das Tier. "Ich mache das nicht", sagt er, "ich bin ja hier der Jüngste." Gerade einmal 79 Jahre ist er alt. Allein 36 Bewohner des Seniorenheims sind über 90, keine andere Altersgruppe ist so stark vertreten.

Es fiept auf dem Amtszimmercouchtisch

Geben heute mehr Familien ihre Alten ins Heim als früher? Ja, sagt der Direktor. Die Zeiten, als viele Generationen unter einem Dach wohnten, sind auch im ländlichen Nanto vorbei. Kaum jemand kann sich mehr um die Senioren kümmern, die Jungen arbeiten im Büro oder ziehen fort. Also schiebt das hoch technisierte Japan seine Alten an die Roboter ab? Nein, sagt der Augenschein. Auf drei Bewohner kommt eine Pflegerin. Die Schwestern nehmen die Gebrechlichen an die Hand, sprechen den Schwerhörigen ins Ohr, sie lachen, und sie spielen mit ihnen. "Versucht einmal, mit den Fingern den Himmel zu berühren!", ruft die Gymnastiklehrerin, und 20 zitternde, knotige Hände fahren in die Höhe. "Und jetzt ruft so laut, dass ihr die Wolken vertreibt." Zaghaft ist der Ton, der den Kehlen entfährt, aber für Minuten glätten sich die Runzeln in den Gesichtern ein wenig.

Wenn Sie sich vorstellen, Herr Direktor, Sie wären 99 Jahre alt, würden Sie wollen, dass Ihnen ein Roboter das Essen bringt? Der Heimleiter schüttelt den Kopf und seufzt.

Der Bürgermeister von Nanto, Regierender über 60 000, spricht aus der Tiefe des Ledersessels. Acht Robben habe die Stadt gekauft und an Pflegeeinrichtungen verteilt, worüber sich die Alten sehr gefreut hätten. "Fiep." Der Roboter vibriert auf dem Amtszimmercouchtisch. 28 Prozent der Bevölkerung von Nanto seien über 65. "Fiep." Es mache ihn stolz, sagt der Bürgermeister, dass Paro quasi in Nanto geboren wurde. Technik, die hier entwickelt wurde, Zulieferfirmen, die sich hier ansiedelten. "Fiep." Eine sehr gute Sache sei das für die lokale Wirtschaft. Das Kamerateam filmt.

Rosa Plüschrobben will kaum jemand haben

In einem kleinen Raum sitzt eine junge Frau allein mit dem Gesicht zur Wand. Sie arbeitet mit der Nagelschere. Es ist still. Keine Musik, kein Radio, nur Paro. Von 8.15 bis 17 Uhr stutzt sie dem Roboter das Fell, die Mittagspause dauert eine Dreiviertelstunde. "Während sie das Bild anschaut", erläutert ein Firmenangestellter, "versucht sie, ihn so niedlich wie möglich hinzubekommen." Das Foto von der Idealrobbe hängt über dem Tisch, es geht um die Physiognomie jedes Paros. Das Fräulein kämmt das Kinn, zieht die Falten nach, kürzt den Flaum Millimeter für Millimeter, bis der Kopf schön rund ist. Die Augen sind das Wichtigste, sie sollen hervortreten, jede Wimper muss wirken. Zwei Stunden braucht sie für das Gesicht eines einzigen Roboters, allein die Hälfte für die Augen. Je nach Auftragslage trimmen sie die Robben auch zu zweit. Wäre es nicht einfacher, wenn ein Roboter den Roboter behandelt? Aber nein, sagt der Angestellte, Maschinen würden das Fell zu zottelig schneiden. "Diese Arbeit können Menschen einfach besser."

In einem Regal liegen die fertigen Heuler gestapelt. Einige haben den gleichen Farbton wie der Linoleumfußboden; sie heißen "Paro gold". Der Kunde verlangte nach Abwechslung, deswegen produzierte man die Robben auch in Beige und Kirschblütenrosa. Rosa setzte sich allerdings auf dem Markt nicht durch. 420 000 Yen, umgerechnet 2836 Euro, kostet der Plüschroboter inklusive eines Wartungsvertrags und einer Dreijahresgarantie.

Wenn Paro zur Wartung kommt, wird er mit nicht entflammbarem Spezialreiniger gesäubert, und ein Computerprogramm prüft all seine Funktionen. Bei der Herstellung ist das Innenleben jeder Robbe gleich, doch mancher Roboter, sagt der Angestellte, bekomme mit der Zeit einen schlechten Charakter, zum Beispiel, wenn man ihn häufig auf den Kopf haue. Bei Schlägen reagiert Paro mit einem kurzen, schrillen Jaulen. Bei permanenter Rückenlage wird sein Langzeitgedächtnis aktiviert. Dann kann es sein, dass die traumatisierte Robbe auch beim Streicheln unangenehm quietscht. Gehirnwäsche machen sie bei der Wartung trotzdem nicht. Der Besitzer habe Paro ja auf diese Weise behandelt, weil er es so wollte, sagt der Angestellte. Manchmal bleibt der süßeste Roboter Japans deshalb für immer böse.



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